Wie Wälder sich nach Großbränden selbst erneuern
Schwere Waldbrände in Südfrankreich, Flammenwände vor Madrid, Großbrand in der grünen Lunge von Paris, Feuer im Nationalpark Müritz und im Harz - auch 2026 brennen die Wälder in Europa. Der Klimawandel verschärft das Problem, wie die Daten der vergangenen Jahre zeigen. Deutschland erlebte 2025 dem European Forest Fire Information System (EFFIS) zufolge das schlimmste Waldbrandjahr der vergangenen 50 Jahre. Nach einem Waldbrand kommt häufig der erste Impuls: aufräumen, verkohlte Stämme raus, Boden bearbeiten, neue Bäume pflanzen. Aber ist das wirklich die beste Idee? Soll der Mensch eingreifen oder entstehen neue Waldsysteme auch ohne uns? Nach dem Großbrand bei Treuenbrietzen in Südbrandenburg im Jahr 2018, dessen Rauchschwaden damals bis Berlin zu sehen waren, startete ein Forschungsprojekt mit dem bezeichnenden Namen "Pyrophob“ - feuerempfindlich. Wie entsteht ein stabiler Wald? Die zentrale Frage für den Waldökologen Jens Schröder und sein Team war: Wie wird aus einer Brandfläche wieder ein stabiler Wald? "Es gibt eine Möglichkeit sofort künstlich zu pflügen, zu pflanzen und den Wald wirklich mit maximaler Inputpraxis zu erstellen“, so der Professor für Waldökologe an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE). Oder man entscheidet sich, "erst mal zuzuschauen und zu warten, was kommt von allein. Und das vergleichen wir eben miteinander“. Das Ergebnis nach fünf Jahren Forschung: Intensive forstliche Eingriffe nach Bränden können die Regeneration von Ökosystemen erschweren. Der Verzicht auf Bodenbearbeitung und das Belassen von Totholz führen zu schnellerer Erholung. Aufwändig gepflanzte Kiefernsetzlinge hatten dagegen kaum Überlebenschancen. Ein Totalausfall, so Pierre Ibisch, der ebenfalls an der HNE forscht und am Projekt "Pyrophob“ beteiligt war. “Hätte man gleich auf die Natur gesetzt, wär´s einfach gratis gewesen“, so Ibisch in der ARD Wissen-Doku "Aus der Asche“. "Jetzt haben wir da kleine Bäumchen, die im Grunde über Jahre absterben.“ Neue Käfer auf verbrannten Flächen Das Projekt brachte neben diesen Erkenntnissen auch Neu- und Wiederfunde zutage, darunter bislang unbekannte Pilzarten wie das Keulige Mooskeulchen. Neue Insekten finden sich nicht nur in Brandenburg auf früheren Brandflächen, wie Forschende in Sachsen herausfanden. Eines davon ist der Lärchenscheckenrüssler. Eine Käferart, die Biologen in der Sächsischen Schweiz erst nach dem Großbrand im Nationalpark von 2022 zum ersten Mal entdeckten. Käfer-Spezialisten Jörg Lorenz hat diese "Sukzession der Insektenfauna“, die Erst- und Wiederansiedlung von Käfern, Faltern oder Ameisen, untersucht. "Weil man nicht genau weiß, wie schnell das geht, welche Arten zuerst kommen.“ Eine diese Arten, die besonders schnell ist, ist der Schwarze Kiefernprachtkäfer. Während es auf der Brandfläche noch schwelt, kann er die Wärmestrahlung über weite Entfernung wahrnehmen. Für ihn ist der verbrannte Wald keine Katastrophe, sondern eine Einladung. Er legt seine Eier nur in abgebrannte Bäume. Pilze mit Rekordwachstum Und nicht nur er: Pilze nutzen die Brandfläche ebenfalls als Startpunkt. Gemeinsam bringen Käfer und Pilze die Zersetzung in Gang. Holz, das eine sehr stabile Struktur hat, "muss erst aufgespalten werden“, so Lorenz. "Das geht einmal chemisch, sehr schwer, aber auch mechanisch. Die mechanische Zersetzung wird durch die Käfer beschleunigt, indem sie im Holz bohren, dieses Bohrmehl verursachen. Und die Pilze haben dann eine größere Oberfläche und versuchen dann, die Holzstruktur zu zersetzen.“ Diese Pilze interessieren Forschende besonders. Einer davon ist der Brandstellen-Becherling. Er taucht dort auf, wo andere Organismen kaum noch Chancen haben. Und er ist schnell. Sehr schnell, sagt Alexander Karich, Umweltbiologe am Internationalen Hochschulinstitut Zittau. "Wir haben Mycelstudien gemacht wonach wir feststellen konnten, dass sie bis zu zwei Millimeter pro Stunde wachsen. Das ist ein Rekord im Pilzreich tatsächlich.“ Ein Kreislauf beginnt von neuem Allein drei neue Arten des Becherlings konnten die Forschenden im Brandgebiet in der Sächsischen Schweiz nachweisen. Danach kommen Moose. Das erste Grün kann schon nach einer Woche erscheinen, nach drei Wochen bedecken Farnfelder den schwarzen Boden. Später keimen Birken und jetzt, nach vier Jahren, sind junge Bäume in der Sächsischen Schweiz schon wieder mehrere Meter hoch. Der Wald ist natürlich nicht plötzlich zurück. Aber ein Kreislauf läuft wieder an - aus eigener Kraft. Und das verändert den Blick auf verbrannte Flächen: vom Katastrophenort zum Neuanfang.