Wiederholen wir nicht dieselben Fehler: Künstliche Intelligenz ist der neue Klimawandel
Zu Künstlicher Intelligenz hat mittlerweile jeder so seine Meinung entwickelt. Selbst wer keine hat, fragt ChatGPT nach einer. So kann jeder mitreden.
Die Debatte bewegt sich dabei zwischen zwei Polen, von denen aktuell jener Konjunktur hat, wonach KI einer Atombombe gleich früher oder später das Potenzial hat, die Menschheit auszulöschen.
Die andere Seite glaubt nicht an den Untergang und feiert den Fortschritt. Ist überzeugt, dass der Wettlauf um die besten Rechenzentren, den klügsten Einsatz von KI und die schnellste Weiterentwicklung über Wohl und Wehe von Gesellschaften entscheiden wird.
Beides ist richtig. Und genau dort liegt das Problem: Kurzfristiger Nutzen wird gegen langfristige Risiken ausgespielt.
Wir Menschen haben das dahinterliegende Dilemma schon einmal durchschritten. Und es wird nach allem, was wir wissen, nicht gut ausgehen für den Planeten.
Ja, da lässt sich was machen
Der Umgang mit dem menschengemachten KI-Wandel hat bemerkenswerte Parallelen zum Umgang mit dem menschengemachten Klimawandel. Mit dem großen Unterschied, dass der KI-Wandel viel schneller voranschreitet, der Menschheit also weniger Zeit bleibt, zu handeln.
Gemeinsam ist Klima- und KI-Wandel, dass es sich nicht um Naturkatastrophen oder höhere Gewalt handelt, man die Entwicklung also beeinflussen kann. Oder sagen wir besser: könnte.
Sowohl bei Klima als auch bei KI gibt es zwei grundlegende Schwierigkeiten. Erstens das Erkenntnisproblem. Und zweitens eine Art Gefangenendilemma.
Erkenntnis: Wie unterschiedlich dringlich das Problem eingeschätzt wird, zeigt sich vielleicht am besten in Washington. Da beraten gerade die beiden mächtigsten Menschen des Planeten, US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping, wie der eine das Volk des anderen nicht aus Versehen mittels KI auslöscht. Derweil nutzen Millionen Menschen die neue ChatGPT-Funktion, um nachzuschauen, wie sie eigentlich in den 1980er Jahren ausgesehen hätten.
Als 1990 bereits die zweite Weltklimakonferenz in Genf stattfand, waren wir noch weit davon entfernt, über Flugscham und individuelle Verantwortung zu sprechen. Das Problem damals wie heute: Der praktische Nutzen ist sofort da, während die langfristigen Folgen abstrakt bleiben. Natürlich ist es angenehmer, mit dem SUV zur Arbeit zu fahren als mit dem Lastenrad.
Und natürlich erleichtert KI, von netten Spielereien abgesehen, in unzähligen Bereichen sehr konkret die Arbeit. Sie lässt uns Dinge in Sekunden erledigen, für die wir früher Tage gebraucht hätten, ermöglicht wissenschaftlichen Fortschritt, der zuvor undenkbar war. Die Chancen sind endlos.
Die Welt im alten Dilemma
Was da natürlich stört, sind Menschen, die auf die langfristigen Risiken schauen, auf Regulierung pochen, die bremsen wollen. Dazu gehört derzeit die EU, aber nicht im schlechten Sinne. Mit dem „Artificial Intelligence Act“ regelt die Europäische Union Pflichten von Anbietern extrem hochleistungsfähiger KI‑Modelle. Die Sorge ist aber wohl berechtigt, ob Europa sich damit nicht wirtschaftlich ein Bein stellt, wenn gleichzeitig in anderen Teilen der Welt nicht die gleichen Pflichten gelten.
Was uns zum Gefangenendilemma bringt. Es bezeichnet das Phänomen, wenn keine Seite den ersten Schritt macht, weil sie befürchten muss, dass die andere Seite nicht nachzieht, sondern die durch den ersten Schritt entstandene Schwäche ausnutzt. So verstärkt sich eine Entwicklung, die beide Seiten eigentlich vermeiden wollen.
Wir kennen das Phänomen noch vom Wettrüsten im Kalten Krieg. Und auch aus der endlosen Debatte, was es denn bitte für einen Sinn habe, wenn in Deutschland Windräder gebaut werden, während in China die Wirtschaft munter weiter von billiger fossiler Energie befeuert wird. Für das Klima mache Deutschlands Beitrag letztlich keinen Unterschied, die Wirtschaft aber leide.
Wahr daran bleibt, auch im Falle von KI, dass kein Land allein dieses Dilemma auflösen kann. Ohne die USA, China und vor allem Südamerika, wo man sich rühmt, ein möglichst unreguliertes KI-Testlabor werden zu wollen, wird nichts gehen. Noch aber hat die EU eine enorme Marktmacht. Die gilt es selbstbewusst zu nutzen, bevor es zu spät ist.
Während die Menschheit allerdings beim Klimawandel jetzt nur noch lernen kann, mit den selbstverschuldeten Folgen umzugehen, ist bei KI noch Zeit, die Entwicklung klug zu steuern. Auf KI-Kleber-Aktivisten sollten wir diesmal vielleicht nicht warten.