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Wildberries in Russland: Warum die Ukraine die Firma der reichsten Russin mit Drohnen angreift

Technologie

Allein an diesem Dienstag meldeten die russischen Behörden wieder Schäden in diversen Lagerhäusern des Onlinehändlers Wildberries. Bei einem Drohnenangriff in der Nähe der russischen Metropole Sankt Petersburg ‌ist demnach ein Logistikzentrum getroffen worden und in Brand geraten. In Twer, nordwestlich von Moskau, ist ebenfalls ein Lagerhaus getroffen worden. Und in Samara, rund 800 Kilometer von den ukrainischen Stellungen entfernt, ist nach einem Drohnenangriff vom Sonntag ein Lager inklusive aller darin gelagerten Waren komplett zerstört worden. So geht das nun seit dem ersten Angriff am 18. Juli praktisch im Tagesrhythmus: Wildberries steht unter Feuer. Die ukrainische Armee nimmt mit ihren Drohnen überall in Russland explizit die Lager und Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers ins Visier. Nach Schätzungen von Analysten hat Wildberries dadurch bereits rund ein Viertel seiner Lagerkapazitäten verloren. Der Schaden wird auf umgerechnet etwa 3 Milliarden Euro geschätzt. Gründerin und CEO Tatyana Kim (50) nannte die gezielten Angriffe auf ihr Unternehmen einen „Akt des Terrorismus". Tatyana Kim hatte Wildberries 2004 gegründet, damals noch unter dem Namen ihres damaligen Ehemannes und Mitgründers Bakaltschuk. Das Unternehmen ist seitdem zu Russlands größtem E-Commerce-Konzern aufgestiegen und kontrolliert knapp die Hälfte des Marktes im Land. Wildberries betreibt einen Onlineshop, die Abholstationen mit dem violetten WB-Logo sind praktisch in jeder Stadt des Landes zu finden. Zudem gründete Kim eine Onlinebank und ein Reisebüro. 2025 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro. Der Gewinn lag bei etwas unter 2 Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Der größte Konkurrent Ozon kam auf gut 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn. Kim selbst ist so zur reichsten Frau Russlands geworden – laut Schätzungen von Bloomberg hat sie aktuell ein Vermögen von umgerechnet rund 7,2 Milliarden Euro. Warum greift die Ukraine Wildberries an? Die ukrainische Führung wirft Wildberries vor, über den Marktplatz auch Rüstungsgüter zu vertreiben. Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) hatte schon die ersten Angriffe auf Wildberries-Lager Mitte Juli als Antwort auf russische Attacken auf die zivile Infrastruktur in der Ukraine bezeichnet. Über das Unternehmen seien „sanktionierte Komponenten für die Drohnenproduktion und Navigationsausrüstung“ geliefert worden, so die Begründung. Auch Rüstungsgüter wie FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten oder Schutzwesten werden über Wildberries vertrieben. Diese Erklärung ziehen allerdings selbst der Ukraine wohlgesonnene Beobachter in Zweifel. Tatsächlich ist der Anteil der bei Wildberries gehandelten militärischen Güter gering. Wildberries sei kein militärisches Ziel, sagte der Journalist Wladislaw Gorin in seinem Podcast beim russischen Exil-Medium „Meduza“. Die Argumentation sei mit der Moskaus vergleichbar, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte, weil diese angeblich auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten produzierten. Wichtiger scheinen indes andere Faktoren. Zum einen ist da die wirtschaftliche Komponente. Die massiven Angriffe sind eine existenzielle Bedrohung für eines der bekanntesten Unternehmen des Landes. Zudem verkauft Wildberries nicht nur selbst Waren. Ähnlich wie bei Amazon oder dem chinesischen Rivalen Temu verkaufen Hunderttausende Geschäftsleute ihre Produkte über die Plattform. Landesweit hatte CEO Kim dafür zuletzt riesige Logistikzentren gebaut, wo deren Waren gelagert werden. Die Drohnenangriffe schädigen die Händler daher in deutlich höherem Maße als Wildberries selbst, Analysten sprechen vom Faktor fünf. Soziale Unzufriedenheit als Druckmittel Mit relativ wenig Aufwand kann die Ukraine also vielen russischen Unternehmerinnen und Unternehmern einen erheblichen Schaden zufügen. Zusammenbrechen wird die Wirtschaft dadurch freilich nicht. Getroffen werden vor allem Klein- und Kleinstunternehmen. Aber deren Klagen in den sozialen Netzwerken sind groß und gut vernehmbar. Kim hatte in einer Videobotschaft vor wenigen Tagen zwar Entschädigungen angekündigt – doch die scheinen nur einen geringen Teil der Verluste zu decken, wenn überhaupt. Diese psychologische Komponente dürfte eine weitere Erklärung für die Angriffe sein. Mit den Angriffen auf den beliebten Onlinehändler sind die Kriegsfolgen unmittelbar auch im Leben der ganz normalen Russinnen und Russen zu spüren. Kurz vor der Duma-Wahl in Russland ist diese Unzufriedenheit ein Druckmittel, auf das die Ukraine im Krieg setzt. Das ist zwar zynisch, entspricht aber dem Kalkül Moskaus beim Beschuss ukrainischer Kraftwerke. So sieht es offenbar auch Wildberries-CEO Kim: Eigentlicher Zweck der Angriffe sei es gewesen, „Druck auszuüben, die Lage zu destabilisieren und bei einer großen Zahl von Russen Panik und Schock auszulösen“. Zielten die Angriffe auf Besitztümer von Putin-Vertrauten? Es gibt noch eine weitere Theorie, warum Kiew ausgerechnet auf Wildberries zielt: 2024 gab es um das 20 Jahre zuvor von einem Ehepaar als Start-up gegründete Unternehmen einen schmutzigen und sogar blutigen Scheidungskrieg. Firmengründerin Tatyana Kim warf ihren Mann Wladislaw Bakaltschuk aus dem Unternehmen. Der verbündete sich daraufhin mit dem mächtigen Tschetschenen-Chef Ramsan Kadyrow und wollte mit Bewaffneten ins Hauptquartier von Wildberries eindringen – seinen Angaben nach zu Verhandlungen. Bei der daraus resultierenden Schießerei mit dem Wachdienst kamen zwei Männer ums Leben. Kim fusionierte den Konzern anschließend mit der Werbeagentur Russ. Die Fusion musste im Kreml abgesegnet werden – und angeblich sind seither hochrangige Vertraute Wladimir Putin (73) wie der Chef der Präsidialverwaltung, Anton Waino, und sein Stellvertreter Alexej Gromow (66) an Wildberries beteiligt. Offiziell gibt es keine Angaben dazu. Auffällig ist aber, dass der Machtapparat keine Anstalten macht, Wildberries zu Schadensersatz für die bei den Angriffen auf seine Lager ruinierten Kleinunternehmer zu drängen. Stattdessen gab es Lob aus dem Kreml und wohl Überlegungen, dem Unternehmen mithilfe einer Staatsbank zu helfen, um einen Bankrott zu umgehen.

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