Wildberries unter Beschuss: Online
Startseite Politik Drohnen-Dauerfeuer trifft Russlands größten Online-Händler: Wildberries flüchtet mit Lagern nach Kasachstan Von: Christian Stör Uns auf Google folgen Nach den Angriffen auf Raffinerien schießt sich die Ukraine nun auf den Online-Händler Wildberries ein. Dafür gibt es mehrere Gründe. Moskau – Seit Mitte Juli hat Kiew ein neues Ziel im Ukraine-Krieg: Unentwegt attackieren die Streitkräfte die Logistikzentren von Wildberries, Russlands größtem Online-Händler. Die Angriffe haben inzwischen enorme Schäden angerichtet – und den Konzern dazu gebracht, sein Lagernetz teilweise ins Ausland zu verlegen und beim Kreml um Unterstützung zu bitten. Jüngstes Beispiel: In der Nacht zum 30. Juli setzten ukrainische Drohnen ein weiteres großes Wildberries-Lager in der russischen Region Pensa in Brand. Das teilte der Gouverneur der Region, Oleg Melnitschenko, mit. Dabei habe es mindestens einen Verletzten gegeben, rund 200 Angestellte seien in Sicherheit gebracht worden. Auch in Sarapul in der Republik Udmurtien – rund 1250 Kilometer östlich von Moskau – kam es laut Unternehmensangaben nach einem Drohnenangriff zu einem Brand in einem weiteren Wildberries-Lager. Angriffe im Ukraine-Krieg: Wildberries sucht Ausweichlager in Kasachstan Wildberries gilt als russisches Pendant zu Amazon und hatte zuletzt kreditfinanziert stark expandiert: Der Konzern baute seine Lagerflächen im Eiltempo aus und gründete zusätzlich eine Online-Bank sowie ein Reisebüro. Im Jahr 2025 erwirtschaftete das Unternehmen laut Deutscher Presse-Agentur einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro und einen Gewinn von knapp zwei Milliarden Euro – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der größte Konkurrent, Ozon, kam im Vergleich nur auf rund 50 Milliarden Euro Umsatz und 100 Millionen Euro Gewinn. Um sein Logistiknetz vor weiteren Angriffen zu schützen, sucht Wildberries nun nach Lagerflächen im Ausland. Wie die russische Zeitung Kommersant berichtete, ist der Konzern auf der Suche nach rund 100.000 Quadratmetern Lagerfläche in Kasachstan. Eine Quelle sagte demnach, das Unternehmen sei bereit, dort sämtliche verfügbare Lagerkapazität anzumieten. Das Vorhaben dürfte allerdings schwierig umzusetzen sein: Laut der Immobilienberatung NF Group verfügte Kasachstan Ende 2025 landesweit nur über rund 1,9 Millionen Quadratmeter moderne Logistikfläche bei einer Leerstandsquote von lediglich 5,8 Prozent. Ein einzelner Lagerkomplex dieser Größenordnung existiere im Land derzeit gar nicht, zitierte die Moscow Times den Branchenexperten Stanislaw Achmedsjanow von IBC Global. Wildberries verhandelt offenbar mit der russischen Regierung über finanzielle Unterstützung Auch in Russland selbst prüft Wildberries laut Kommersant zusätzliche Lagerkapazitäten, doch aus Angst vor weiteren Drohnenangriffen zeigten sich Eigentümer freier Immobilien zuletzt zunehmend zurückhaltend bei neuen Mietverträgen. Das Unternehmen erklärte laut Moscow Times, es halte am geplanten Bau neuer Logistikzentren in den Ländern fest, in denen es tätig ist – darunter Anlagen von mehr als 100.000 Quadratmetern in Almaty und etwa 160.000 Quadratmetern in Astana. Parallel dazu verhandelt Wildberries offenbar mit der russischen Regierung über finanzielle Unterstützung. Nach Informationen von Reuters prüft die russische Regierung Hilfsmaßnahmen für Wildberries und die auf der Plattform tätigen Personen, wobei die staatlich kontrollierte Bank VTB eine zentrale Rolle spielen soll. Der Kreml bestätigte gegenüber Reuters entsprechende Gespräche, betonte jedoch, es seien noch keine Entscheidungen gefallen. Laut den Quellen könnte die staatliche Unterstützung Kredite staatlicher Banken an Wildberries oder seine Händlerinnen und Händler, aber auch Steuererleichterungen oder Subventionen umfassen. VTB-Vize-Chef Dmitri Pjanow erklärte, die Bank sei offen dafür, bei Bedarf Kredite bereitzustellen. Wildberries selbst hat bereits ein Hilfspaket angekündigt, das reduzierte Lagergebühren, Rabattaktionen für ausgewählte Produkte und den Verzicht auf regionale Transitgebühren umfasst. Zudem will der Konzern laut Moscow Times Kreditrückzahlungen für kleine und mittlere Unternehmen aussetzen, deren Waren zerstört wurden. Allerdings gab es demnach bereits Klagen, dass die bisherigen Entschädigungszahlungen deutlich unter dem Wert ihrer verlorenen Waren lägen. Warum die Ukraine ausgerechnet Wildberries ins Visier nimmt Für die Angriffsserie auf einen zivilen Online-Händler gibt es laut dpa mehrere Erklärungsansätze: Offizielle Begründung – Waffenhandel: Das ukrainische Militär rechtfertigt die Attacken damit, dass über die Plattform Rüstungsgüter gehandelt würden, etwa FPV-Drohnen, Glasfaserkabel für deren Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten. Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Wildberries vor, mit Material zu handeln, das für den 2022 begonnenen Ukraine-Krieg verwendet werde. Der Journalist Wladislaw Gorin sagte dagegen im Podcast des russischen Exilmediums Meduza, Wildberries sei kein militärisches Ziel. Die Argumentation Kiews ähnelt seiner Ansicht nach der von Moskau, als das russische Militär im Winter ukrainische Kraftwerke mit der Begründung bombardierte, diese produzierten angeblich auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten. Wirtschaftlicher Hebel: Tatsächlich ist der Anteil militärisch nutzbarer Güter bei Wildberries gering. Wichtiger erscheint die wirtschaftliche Wirkung: Rund die Hälfte des gesamten russischen E-Commerce läuft über die Plattform. Mit vergleichsweise geringem Aufwand kann die Ukraine damit großen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Die Wirtschaft insgesamt wird dadurch zwar nicht zusammenbrechen, getroffen werden aber die kleinen Unternehmerinnen und Unternehmer; bis zu 400.000 Menschen verkaufen über die Plattform und erleiden dabei erhebliche Verluste, die der Konzern ihnen nur teilweise ersetzt. Politischer Druck vor der Duma-Wahl: Kiew nutzt die wachsende soziale Unzufriedenheit in Russland kurz vor der Duma-Wahl gezielt als Druckmittel. Allerdings dürfte die Wirkung auf den Kreml begrenzt sein: Der russische Machtapparat verfügt über Medien, Zensur und Sicherheitskräfte genügend Hebel, um Unzufriedenheit zu unterdrücken oder zu kanalisieren – die Angriffe könnten Präsident Wladimir Putin eher dazu bewegen, den Krieg weiter zu eskalieren.