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Wildberries unter Beschuss: So baute Tatjana Kim "Russlands Amazon" auf

Welt

Wildberries-Lager brennen Der Krieg um "Russlands Amazon" Von t-online, mak Aktualisiert am 30.07.2026 - 06:32 UhrLesedauer: 6 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Ukrainische Drohnen greifen Standorte des Onlinehändlers Wildberries an. Die Gründerin Tatjana Kim hat "Russlands Amazon" geschaffen – und gerät zwischen Oligarchen, Ramsan Kadyrow und den Ukraine-Krieg. Die Ukraine hat Wildberries im Visier. Mehrfach wurden in den vergangenen Tagen Logistikzentren des größten russischen Onlinehändlers Ziel ukrainischer Drohnenangriffe. Kiew begründet die Attacken damit, dass über die Lagerhäuser Güter transportiert oder verkauft würden, die auch dem russischen Militär zugutekämen – von Drohnen bis zu Ausrüstung für Soldaten. Der Krieg hat somit eines der erfolgreichsten Privatunternehmen Russlands erreicht. Hinter Wildberries steht Tatjana Kim. Die 50-Jährige gilt als die reichste Frau Russlands, gründete den Konzern vor mehr als 20 Jahren aus ihrer Wohnung heraus und schuf das russische Gegenstück zu Amazon. Doch längst erzählt ihre Geschichte nicht mehr nur von unternehmerischem Erfolg. Ein Rosenkrieg entwickelte sich zu einem Machtkampf, in den Oligarchen, der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow und schließlich selbst der Kreml hineingezogen wurden. Die Idee zum Milliardenkonzern kam ihr in der Elternzeit Tatjana Kim, die bis zu ihrer Scheidung Tatjana Bakaltschuk hieß, wurde 1975 bei Moskau geboren. Ihre Familie gehört zur koreanischen Minderheit in Russland, den sogenannten Korjo-Saram. Kim studierte Englisch und arbeitete anschließend als Lehrerin. Von Glamour oder Milliardengeschäften war damals nichts zu sehen. Später erzählte sie, ihre erste Geschäftsidee sei während der Elternzeit entstanden. 2004 saß sie mit ihrem ersten Kind zu Hause und suchte nach einer Möglichkeit, Geld zu verdienen. Russland befand sich damals im wirtschaftlichen Aufbruch. Viele Menschen wollten westliche Marken kaufen, doch der Onlinehandel steckte noch in den Kinderschuhen. Kim begann deshalb, Kleidung aus den deutschen Versandkatalogen von Otto und Quelle für russische Kunden zu bestellen und weiterzuverkaufen. Die Bestellungen wurden zunächst in ihrer Wohnung verpackt. Ihr Mann Wladislaw Bakaltschuk, damals IT-Unternehmer, stieg wenig später mit ein. Innerhalb weniger Jahre entstand der größte Onlinehändler Russlands Der Name Wildberries sollte bewusst international klingen und nicht auf eine bestimmte Produktgruppe festgelegt sein. Das Konzept war einfach, aber vollkommen neu. Kunden mussten zunächst nicht in Vorkasse gehen, konnten ihre Bestellungen anprobieren und unpassende Ware problemlos zurückgeben. Vor allem dieses System machte Wildberries schnell erfolgreich. Während Konkurrenten auf klassische Paketlieferungen setzten, eröffnete Kim Tausende Abholstationen im ganzen Land. Dort konnten Kunden Kleidung direkt anprobieren und Retouren sofort wieder abgeben. Gerade außerhalb der Metropolen verschaffte das Wildberries einen entscheidenden Vorsprung. Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem kleinen Familienunternehmen der größte Onlinehändler Russlands. Zum Sortiment kamen Elektronik, Kosmetik, Haushaltsgeräte und Lebensmittel hinzu. Heute nutzen Millionen Russen die Plattform, deren violettes Logo in nahezu jeder Stadt zu finden ist. Wildberries expandierte nach Belarus, Kasachstan, Armenien und in weitere Länder der Region. Zeitweise startete der Konzern sogar einen Anlauf auf dem deutschen Markt, der jedoch erfolglos blieb. Kim bekam sieben Kinder Kim blieb dabei eine ungewöhnliche Figur. Während sich viele russische Oligarchen mit Yachten, Villen oder Luxusautos inszenierten, trat sie meist in Jeans und Turnschuhen auf. Interviews gab sie nur selten. Stattdessen pflegte sie das Bild der bodenständigen Unternehmerin und Mutter. Gemeinsam mit Wladislaw Bakaltschuk bekam sie sieben Kinder. Lange galt Wildberries deshalb als Paradebeispiel eines erfolgreichen russischen Familienunternehmens. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wuchs allerdings auch die politische Bedeutung des Konzerns. Wildberries war längst nicht mehr nur ein Versandhändler. Millionen Russen bezahlten dort ihre Einkäufe, Hunderttausende Händler verkauften ihre Produkte über die Plattform. Je größer Wildberries wurde, desto wichtiger wurden die Verbindungen in den Machtapparat. Das zeigte sich spätestens nach der Annexion der Krim 2014. Damals begann der Kreml, russische Unternehmen stärker von westlichen Finanzdienstleistern unabhängig zu machen. Wildberries gehörte zu den ersten großen Händlern, die Kunden Rabatte gewährten, wenn sie mit dem staatlichen Bezahlsystem Mir statt mit Visa oder Mastercard zahlten. Die Botschaft war eindeutig: Der Konzern verdiente nicht nur Geld, sondern unterstützte auch politische Ziele des Kremls. Das Unternehmen hielt sich lange aus der Politik heraus Dennoch blieb Kim lange das Gesicht eines Unternehmens, das sich aus der Politik heraushielt. Das änderte sich Anfang 2024 schlagartig: Im Januar brannte eines der größten Wildberries-Lager südlich von Sankt Petersburg nieder. Russische Behörden begannen daraufhin mit umfangreichen Untersuchungen. Exilmedien berichteten, Sicherheitsbehörden hätten sich zunehmend für den Konzern interessiert. In Russland gilt das oft als Warnsignal, dass es Ärger mit dem Kreml geben könnte. Kurz darauf kündigte Wildberries eine Fusion mit Russ Outdoor an. Dieser Konzern hieß früher News Outdoor und gehörte dem Medienimperium von Rupert Murdoch. Mit Tausenden Werbeflächen dominierte das Unternehmen jahrelang den russischen Außenwerbemarkt. Doch Murdoch bekam früh zu spüren, wie schwierig Geschäfte in Russland werden können. Loading... Loading... Loading... 2008 durchsuchten Ermittler die Moskauer Büros des Unternehmens. Offiziell ging es um Steuerfragen und Werberechte. Beobachter werteten die Aktion jedoch als politischen Druck auf den ausländischen Eigentümer. Ein geplanter Verkauf an den französischen Werbekonzern JCDecaux scheiterte, später zog sich Murdoch schrittweise aus Russland zurück. Aus News Outdoor entstand schließlich Russ Outdoor – inzwischen kontrolliert von russischen Investoren mit besten Kontakten zur politischen Elite. Spätestens jetzt war Wildberries kein gewöhnlicher Onlinehändler mehr Genau diese Firma suchte nun die Nähe zu Wildberries. Im Sommer 2024 vereinbarten beide Seiten ihre Fusion. Kim behielt zwar 65 Prozent des neuen Konzerns. Die übrigen 35 Prozent gingen jedoch an die neuen Partner. Russische Wirtschaftsmedien feierten das Projekt als Beginn einer digitalen Superplattform, die mit Amazon und Alibaba konkurrieren könne. Geplant war sogar ein eigenes internationales Zahlungssystem außerhalb westlicher Strukturen. Mehrere Medien berichteten, Kremlchef Wladimir Putin habe das Vorhaben persönlich unterstützt. Spätestens an diesem Punkt war Wildberries kein gewöhnlicher Onlinehändler mehr. Nach Recherchen russischer Exilmedien standen hinter Russ Outdoor Geschäftsleute aus dem Umfeld des dagestanischen Milliardärs Sulejman Kerimow. Dieser zählt zu den einflussreichsten Unternehmern Russlands und gilt als hervorragend im Kreml vernetzt. Für viele Beobachter war deshalb klar: Mit der Fusion hatte Kim nicht nur einen Geschäftspartner gefunden, sondern wird auch durch den Kreml geschützt. "Das ist keine feindliche Übernahme. Das ist eine Scheidung" Doch genau das zerstörte ihre Ehe. Ihr Mann Wladislaw Bakaltschuk behauptete plötzlich, Wildberries werde unter dem Deckmantel der Fusion übernommen. Seine Frau widersprach. "Das ist keine feindliche Übernahme. Das ist eine Scheidung", erklärte sie öffentlich. Tatsächlich begann in diesem Moment einer der spektakulärsten Machtkämpfe, die Russlands Wirtschaft in den vergangenen Jahren erlebt hat. Anstatt vor Gericht zu ziehen, wandte sich Bakaltschuk an einen Mann, der mit Onlinehandel eigentlich nichts zu tun hatte: Ramsan Kadyrow. Der tschetschenische Machthaber veröffentlichte ein Video, in dem beide nebeneinander sitzen. Bakaltschuk klagt darüber, seine Frau habe sich mit dubiosen Geschäftspartnern verbündet, die ihm das Unternehmen wegnehmen wollten. Kadyrow übernahm diese Darstellung nahezu vollständig. Wildberries werde Opfer einer feindlichen Übernahme, behauptet er, und kündigt an, sich persönlich einzuschalten. Im Herzen Moskaus kommt es zu einem blutigen Konflikt Spätestens jetzt war aus einer Scheidung ein Konflikt zwischen konkurrierenden Machtgruppen geworden. Am 18. September 2024 erreichte der Streit seinen Höhepunkt. Wladislaw Bakaltschuk fuhr mit einer Gruppe Begleiter zur Wildberries-Zentrale im Moskauer Geschäftsviertel Romanow Dwor – nur wenige Hundert Meter vom Kreml entfernt. Es gibt bis heute unterschiedliche Versionen von dem, was dort passiert sein soll. Bakaltschuk erklärte später, er habe lediglich an Gesprächen teilnehmen wollen. Wildberries sprach dagegen von einem gewaltsamen Übernahmeversuch durch Bakaltschuk. Vor dem Gebäude eskalierte die Lage. Es fielen Schüsse. Zwei Sicherheitsmitarbeiter aus der Teilrepublik Inguschetien starben, mehrere Menschen wurden verletzt. Bilder des Tatorts gingen durch russische Medien. Bakaltschuk wurde kurzzeitig festgenommen. Kim warf ihrem Ex-Mann und dessen Unterstützern vor, das Unternehmen mit Gewalt übernehmen zu wollen. Wenige Tage später beantragte sie offiziell die Scheidung und legte auch ihren Nachnamen ab. Aus Tatjana Bakaltschuk wurde wieder Tatjana Kim. Doch die Schießerei markierte keineswegs das Ende des Konflikts. Nur wenige Wochen später veröffentlichte Ramsan Kadyrow eine Videobotschaft, in der er drei Politikern aus den Nachbarrepubliken Dagestan und Inguschetien offen mit Blutrache drohte. Er beschuldigte sie, einen Mordanschlag auf ihn geplant zu haben. Genannt wurden unter anderem der Senator Sulejman Kerimow und zwei weitere Politiker aus dem Nordkaukasus. Bislang ist es bei den Drohungen geblieben. Vom Versandhandel zum Kriegsziel Während Kim den Machtkampf um ihren Konzern austrug, veränderte sich auch das Umfeld von Wildberries. Mit dem Krieg gegen die Ukraine rückte der Onlinehändler zunehmend in den Fokus Kiews. Auf der Plattform werden längst nicht mehr nur Kleidung oder Haushaltswaren verkauft. Händler bieten dort auch zivile Drohnen, Funktechnik, taktische Ausrüstung, Schutzwesten oder Glasfaserkabel an, wie sie für moderne FPV-Drohnen verwendet werden. Ukrainische Stellen werfen Wildberries deshalb vor, Teil der russischen Kriegslogistik geworden zu sein. Nach ihrer Darstellung würden über Lagerhäuser des Konzerns Waren verteilt, die unmittelbar dem russischen Militär zugutekommen. Unabhängig belegen lässt sich dieser Vorwurf bislang nicht vollständig. Fest steht allerdings, dass die Ukraine ihre Angriffe auf Logistik- und Lieferketten in Russland deutlich ausgeweitet hat. Wildberries gehört inzwischen offenbar zu diesen Zielen. Verwendete Quellen Eigene Recherche FAZ: "Russlands Amazon: Die Frau hinter dem Onlinehandel Wildberries" FAZ: "Nach Schießerei in Moskau: Kadyrow droht mit Blutrache" TAdviser: "Kim (formerly Bakalchuk) Tatyana Vladimirovna" (englisch) Forbes Austria: "Tatyana Bakalchuk: Der dramatische Fall Russlands reichster Frau nach der Abgabe eines Drittels ihres Unternehmens" Der Spiegel: "Wie ein Ehedrama zu einem Krieg im Kaukasus führen könnte" SRF: "Von Geld, Macht und Blutrache rund um das Unternehmen Wildberries" The Moscow Times: "Wildberries CEO Announces Successful Merger With Russ Group Following Dispute" (englisch) Kyiv Independent: "Wildberries hides military goods in search results after Ukrainian strikes hammer warehouses" (englisch) Mit Material der Nachrichtenagentur dpa Transparenzhinweis Dieser Text wurde teilweise mit maschineller Unterstützung erstellt und redaktionell geprüft. Wir freuen uns über Hinweise an t-online@stroeer.de. Quellen anzeigen Loading... Loading... 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