Wildberries: Wie Drohnenangriffe Russlands Wirtschaft treffen
In nicht einmal einem Monat ist es der Ukraine gelungen, mit der Serie von Drohnenangriffen auf Logistikzentren des russischen Onlinemarktplatzes Wildberries dessen Geschäftsmodell zu erschüttern. Mittlerweile beschreiben Beobachter das gesamte „Ökosystem“ aus Hunderttausenden Unternehmern, die über den bisherigen Marktführer ihre Waren verkaufen oder diese in Abholstationen ausgeben, als bedroht. In der Nacht auf Dienstag gab es die jüngsten Schläge gegen Wildberries: Im westrussischen Gebiet Woronesch brachen in zwei Lagern Brände aus. Eines davon in dem Dorf Alexandrowka dürfte ausweislich von Aufnahmen, die auf dem Messenger Telegram kursierten, niedergebrannt sein. In der Gegend kam laut Behörden ein Mann ums Leben. Wildberries teilte am Morgen mit, die Objekte seien rechtzeitig evakuiert und die Brände gelöscht worden; „die Waren haben mehrheitlich nicht gelitten“, hieß es auch. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Die Serie hatte am 18. Juli mit Schlägen gegen die Wildberries-Logistikzentren in Elektrostal nahe Moskau und Kotowsk, gut 430 Kilometer südöstlich der Hauptstadt, begonnen. Die Schätzungen über die Schäden variieren. Doch schon vor den jüngsten Attacken hieß es in Medienberichten, bis zu 30 Prozent der Lagerkapazitäten von Wildberries könnten beschädigt sein. Schon Ende Juli wurden die direkten Schäden des Konzerns auf umgerechnet ein bis zwei Milliarden Euro geschätzt. Wildberries erleidet hohe Umsatzverluste Indirekt ist der Schaden noch größer. Offenkundig verliert der Onlinemarktplatz seine Partner – sogenannte Seller – und Kunden. Das Wirtschaftsportal The Bell zitierte am Sonntag Marktteilnehmer mit Schätzungen, Wildberries habe zwischen einem Viertel und der Hälfte seines Umsatzes eingebüßt. Der war zuletzt gewaltig: Für 2025 gab das Unternehmen einen Umsatz von umgerechnet gut 64 Milliarden Euro an, das entspricht fast drei Prozent des russischen Inlandsprodukts. Die Machthaber würden das schon vor den ukrainischen Schlägen hoch verschuldete Unternehmen nicht insolvent werden lassen, weil der Reputationsschaden zu hoch sei, sagte eine The-Bell-Quelle. Aber die Rettung werde sehr teuer. Zwar hat die Staatsbank VTB, ein Wildberries-Partner, sich bereit erklärt, das Unternehmen mit weiteren Krediten zu unterstützen. Doch Details bleiben bisher unklar, auf politischer Ebene wird über verschiedene Unterstützungsideen verhandelt. Wildberries muss zugleich seine Logistik umstellen, sucht Lagerräume in Kasachstan und in Belarus, schlägt den Sellern vor, eigene Lagerräume zu nutzen, bietet ihnen auch an, eine neu konzipierte Versicherung gegen Schäden durch Drohnenangriffe abzuschließen. Laut The Bell umfasst sie aber ausgerechnet die Zeitspanne nicht, in der die Waren in Lagern des Konzerns untergebracht, also besonders verwundbar sind. Die Gründerin von Wildberries, Tatjana Kim, hatte im Juli nach den ersten Angriffen selbst geklagt, dass die Versicherungen „Risiken für Terrorismus und Sabotage“, wie die ukrainischen Angriffe in Russland bezeichnet werden, nicht in ihre „Standardpolicen“ aufnähmen. Inflation könnte steigen Schon aus den Reihen der Seller klagen viele über wirtschaftliche Nöte und mangelnde Entschädigungen. Vor diesem Hintergrund hat Russlands Zentralbank gerade Banken ermutigt, kleinen und mittleren Unternehmen, die unter den Drohnenangriffen gelitten haben, zu helfen, Darlehen umzustrukturieren. Die Sberbank, Russlands größter Kreditgeber, teilte am Freitag mit, man habe 2000 entsprechende Anträge erhalten. Allein für diese Kategorie der Geschädigten kursieren Schätzungen zwischen drei und fünf Milliarden Euro. Doch mittlerweile beschweren sich weitere Unternehmer: solche, die im Franchisesystem die rund 94.000 „Bestellungsausgabepunkte“ betreiben, über die Wildberries nach eigenen Angaben 95 Prozent der Waren absetzt. Sie geben an, zwischen einem Drittel und 50 Prozent weniger Waren als früher zu erhalten und viel weniger zu verdienen. Auch weil Wildberries die Preise erhöht habe. Laut The Bell sind die Bestellungen bei Wildberries infolge der Angriffe um 40 Prozent zurückgegangen, während die beim Hauptwettbewerber Ozon, den die Ukrainer bislang schonen, stark angestiegen seien. Eine Wildberries-Abholstationsbetreiberin aus Sotschi sagte auf Instagram, es gehe für sie und andere jetzt ums Überleben. Immer mehr zeichnet sich eine weitere Herausforderung für die russische Wirtschaft ab. Strauchelt Wildberries, auf das bis zu zehn Prozent des Gesamtumsatzes des Einzelhandels entfallen, leiden auch andere. Schon am 24. Juli konzedierte die Zentralbankchefin, Elvira Nabiullina, dass die Attacken auf Wildberries die Inflation treiben könnten. Zugleich senkte die Zentralbank den Leitzins um 25 Basispunkte auf 14 Prozent. Weitere Senkungen wirken unwahrscheinlich: Der Regulator hob seine Inflationsprognose für das laufende Jahr von 4,5 bis 5,5 Prozent deutlich auf 6 bis 7 Prozent an. Begründet wird dies vor allem, nämlich mit einem Anteil von 1,5 Prozentpunkten, mit dem Effekt weiterer ukrainischer Drohnenangriffe: denen auf Raffinerien, die zu einer Treibstoffknappheit geführt haben. Auch diese Serie hält an: In der Nacht auf Dienstag brach in einer Raffinerie in Orsk im Orenburger Gebiet ein Brand aus. Hier bestätigten Behörden einen Drohnenangriff. Auch in einer Raffinerie im fernöstlichen Komsomolsk am Amur kam es zu einem Brand, warum, blieb aber unklar.