Win-Win-Situation: US-Techriesen suchen Geldquellen in Europa
Der Trend beschleunigte sich zuletzt deutlich. Am Mittwoch platzierten so viele große US-Unternehmen Anleihen in Europa wie nie zuvor. Unter anderem begab Amazon erstmals eine Anleihe in britischen Pfund, während Uber erstmals den Euro-Anleihemarkt nutzte. Der Grund für den neuen Finanzierungstrend liegt vor allem im gewaltigen Investitionsprogramm der Tech-Giganten. Unternehmen wie Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta investieren Milliarden in den Ausbau ihrer KI-Infrastruktur.
Rechenzentren, Hochleistungschips und Energieversorgung verschlingen enorme Summen. Amazon beispielsweise plant in diesem Jahr Investitionen von rund 220 Milliarden US-Dollar, ein großer Teil davon fließt in KI-Infrastruktur. Diese Ausgaben können nicht nur aus laufenden Gewinnen finanziert werden, auch die Anleihemärkte spielen eine wichtige Rolle. Das hat mittlerweile zu einem Engpass geführt. Denn auch wenn der US-Dollar-Anleihemarkt der größte der Welt ist, wird er aktuell durch mehrere Entwicklungen gleichzeitig belastet: die gewaltige Neuverschuldung der US-Regierung, die steigenden Emissionen großer Technologieunternehmen und den enormen Kapitalbedarf für KI-Projekte.
Vor allem die sogenannten Hyperscaler, die größten Cloud- und Technologieunternehmen, platzieren immer größere Anleihen. Dadurch konkurrieren sie mit anderen Unternehmen und dem Staat um die Nachfrage der Investoren. Und das Ergebnis davon ist, dass die Finanzierung für alle Beteiligten teurer wird. Für Unternehmen mit sehr guter Bonität bietet Europa derzeit gleich mehrere wichtigen Vorteile. Viele institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionsfonds sind auf der Suche nach langfristigen, hochwertigen Anleihen und sorgen damit für eine stabile Nachfrage nach erstklassigen Schuldnern.
Gleichzeitig ist der Markt weniger stark von der hohen US-Staatsverschuldung und der Flut neuer Treasury-Emissionen geprägt. Hinzu kommt, dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank derzeit weniger restriktiv ist als die der US-Notenbank Fed. Für einen Konzern mit hervorragender Bonität kann sich deshalb die Frage stellen: Warum eine Dollar-Anleihe mit einem Zins von etwa 5 Prozent begeben, wenn eine Finanzierung in Euro möglicherweise zu 3 bis 3,5 Prozent möglich ist?
Die Entwicklung ist bemerkenswert, weil der KI-Boom bislang vor allem als amerikanische Erfolgsgeschichte wahrgenommen wurde. Die größten Gewinner an der Börse sitzen in den USA, ebenso die führenden Anbieter von Cloud-Infrastruktur und KI-Chips. Doch beim Thema Finanzierung könnte Europa profitieren. Der europäische Kapitalmarkt gewinnt an Bedeutung, weil er Unternehmen eine zusätzliche Quelle für Milliardeninvestitionen bietet. Gerade in einer Phase, in der die Finanzierungskosten weltweit steigen und Anleger selektiver werden, ist ein breiter Zugang zu Kapital ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.
Für Europa ist das auch strategisch interessant. Der Kontinent versucht seit Jahren, seine Kapitalmärkte zu vertiefen und attraktiver für internationale Investoren zu machen. Dass nun ausgerechnet US-Technologiekonzerne stärker auf europäische Anleiheinvestoren setzen, ist ein positives Signal. Während diese Unternehmen weiter Milliarden in die Zukunftstechnologie investieren, helfen sie gleichzeitig dabei, Europas Anleihemarkt zu fördern und zu einer Alternative zur Wall Street aufzubauen.
Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion