„Windkraft ist zum Reizthema geworden“: Akzeptanz sinkt immer weiter
Soester Anzeiger
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„Windkraft ist zum Reizthema geworden“: Akzeptanz sinkt immer weiter
Von: Vanessa Moesch
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In Ense stehen derzeit 28 Windräder – elf Repowering-Vorhaben sind bereits genehmigt. Doch selbst Befürworter der Windkraft aus der Politik bewerten neue Projekte inzwischen deutlich vorsichtiger. Das sind die Gründe.
Ense – Lange galt Ense als Vorreiter der Windkraft. Bereits in den 1990er Jahren wurde dort das erste Windrad gebaut. Doch mit immer größeren Anlagen wächst der Widerstand vor Ort. Selbst Politiker, die die Energiewende grundsätzlich unterstützen, bewerten neue Projekte inzwischen deutlich kritischer. 28 Anlagen stehen derzeit in der Gemeinde, elf geplante Repowering-Vorhaben wurden beim Kreis Soest bereits genehmigt und bei weiteren drei geplanten Anlagen liegt ein genehmigter Vorbescheid vor. Das größte Windrad soll 260 Meter hoch werden.
Auffällig ist: Mit Ausnahme der AfD lehnt keine Fraktion Windkraft grundsätzlich ab. Die Meinungsunterschiede beginnen vor allem bei Größe, Standort und Abstand zu Wohngebieten.
Haltung zur Windkraft: Von Zurückhaltung bis Ablehnung
Stefani Konstanti (Grüne) macht deutlich, dass sie den Ausbau und das Repowering von Windkraftanlagen begrüßt. Mit den Anlagen sei man in der Gemeinde auf dem Weg in eine lebenswerte Zukunft. Mit dem eigenen Strom, den man vor Ort „ernte“, mache man sich unabhängiger von teuren Öl- und Gasimporten, vor allem aus Krisenländern.
Etwas verhaltener zeigen sich die anderen Fraktionen und Parteien. „Ich war immer ein klarer Befürworter der Windkraft. Durch die neuen Anlagengrößen und Abstände denke ich heute jedoch deutlich kritischer darüber nach“, sagt Simon Hennecke (CDU) und betont, dass er den Einzelfall betrachten wolle.
Janis Jäkel (Linke), Michael Heierhoff (SPD), Andreas Vetter (BG) und Christian Brunnberg (FDP) unterstützen grundsätzlich den Ausbau der erneuerbaren Energien. Unter anderem wird die Gemeinde laut Jäkel und Brunnberg dadurch unabhängiger. „Wir waren immer stolz, dass Windkraft in Ense so gut funktioniert. Aber mittlerweile, und das ist auch die Meinung bei uns in der Fraktion, reicht es so langsam“, sagt Vetter dazu. „Wir als SPD stehen der Sache grundsätzlich positiv gegenüber, haben aber den Grundsatz, die Vorhaben kritisch zu begleiten“, sagt Heierhoff.
Die AfD hingegen lehnt die Windkraft ab. Technisch gesehen seien diese Anlagen laut Fraktionsvorsitzendem Jens Loewer nicht das, was sie versprechen, und auch nicht die Lösung für Energieprobleme, sondern von einer Ideologie getrieben.
Abstände, Anwohner und Akzeptanz: Unter anderem liegt es an der Höhe
Dennoch sinkt die Akzeptanz der Bürger immer weiter, was unter anderem an der Höhe der Repowering-Anlagen liegt. „Windkraft ist zum Reizthema geworden, bei dem neben sachlichen Argumenten auch sehr viele Emotionen eine Rolle spielen“, sagt Hennecke.
Ihm sei aber auch wichtig, trotz der vielen Emotionen miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Dimensionen der Anlagen hätten deutlich zugenommen und ein Windrad mit einer Höhe von 250 Metern wirke in weniger als 500 Metern zur Wohnbebauung heute ganz anders, als die Anlagen, die früher gebaut wurden, so Hennecke. Bei Exemplaren, die sehr nah an der Wohnbebauung stehen, würde er heute intensiver darüber nachdenken, das gemeindliche Einvernehmen nicht zu erteilen.
Wohnen in direkter Nähe: Verschandelung der Landschaft und Lärm
Michael Heierhoff ist direkt von dieser Situation betroffen. Er wohnt in unmittelbarer Nähe zu einem Windrad und argumentiert, dass er ähnliche Pläne, ein Windrad näher an der Wohnbebauung zu errichten, in Zukunft ablehnen werde. Ähnliche Erfahrungen schildert auch Jens Loewer. Er kritisiert besonders die Verschandelung der Landschaft und die Schallimmissionen. Jede Nacht würde man dieses Windrad in der Nähe hören. Für ihn sind die Belastungen der Anwohner ein zentrales Argument gegen weitere Windkraftanlagen. Die Größe der Anlagen stehe inzwischen in keinem Verhältnis mehr. „Allein das Windrad in Ruhne. Das ist jetzt 51 Meter hoch. Und da soll eins repowert werden mit 260 Metern. Das geht einfach nicht“, sagt er.
Man müsse die Sorgen der Bürger ernst nehmen und mit Augenmaß vorgehen, sagt Jäkel und fordert eine Höhengrenze bei den Anlagen, die es bisher noch nicht gebe. Man habe derzeit nur den Mindestabstand zur Wohnbebauung. Das müsse sich ändern.
Christian Brunnberg geht noch einen Schritt weiter. Auch er sieht das Zubauen der Gemeindeflächen mit großen Windkraftanlagen kritisch und möchte sich dafür einsetzen, die Anlagen dort zu bauen, wo sie die Bürger am wenigsten beeinflussen. Je mehr Bürger im Umkreis beeinträchtigt seien, desto mehr würden die Bürger Windenergieanlagen negativ empfinden. „Mittlerweile haben wir einen Punkt erreicht, an dem die Stimmung kippt. Wir müssen die Bürger hier mitnehmen.“
Bürgerbeteiligung und finanzielle Vorteile: Kommen allen Menschen zugute
Dass die Gemeinde selbst zwei eigene Windenergieanlagen in Höingen und somit eine Beteiligung der Bürger plant, sieht Brunnberg dagegen positiv, denn mit diesem Modell wäre ein Kompromiss gefunden. Auch Janis Jäkel und Simon Hennecke befürworten diese Möglichkeit.
„Bürgerwindräder und die zugesagten Abgaben für jede Anlage in Ense kommen uns allen bereits jetzt und vermehrt in Zukunft zugute“, sagt auch Stefani Konstanti.
Michael Heierhoff dämpft dagegen die Hoffnung auf einen großen Gewinn: Die Planung der Windräder basierte auf wirtschaftlichen Annahmen, die sich im Nachhinein nicht wie erhofft entwickelt haben. Rückblickend wäre es sinnvoll gewesen, früher auf Bürgerwindräder zu setzen. „Unser Bürgermeister verfolgt dabei zwar einen sehr innovativen Ansatz, allerdings befinden wir uns derzeit in einem eher schwierigen Marktumfeld“, sagt Heierhoff.
Ablehnend zu diesen Plänen äußert sich Loewer. Von sogenannten Bürgerwindrädern halte er nichts, denn ein schlechtes System bleibe ein schlechtes System, egal, welche Form es annähme.
Alternativen und Versorgungssicherheit: Solarfelder als Möglichkeit
Allerdings könne mit Windkraft nicht alles an nötiger Energie produziert werden. Brunnberg verweist hierbei auf die sogenannten Dunkelflauten, in denen aufgrund von zu wenig Wind kein Strom produziert werden kann. Als Alternative könnte er sich Solarfelder neben der Autobahn, wie in Waltringen, vorstellen. „Zudem haben wir mit der Biogasanlage engagierte Betreiber, mit denen wir ebenfalls gut aufgestellt sind.“
Janis Jäkel ist ebenfalls für den Ausbau von Photovoltaik und spricht sich für Agri-PV auf den Äckern oder PV auf den Dächern öffentlicher Gebäude aus, wie es beispielsweise bei der Conrad-von-Ense-Schule der Fall ist.
Die AfD setzt dagegen weiterhin auf Kraftwerke. „In der Vergangenheit kam der Strom aus den Kraftwerken entlang der Lippe. Diese großen Anlagen können tausende oder Millionen von Haushalten versorgen, sodass die Gemeinde oder gar jeder Haushalt seine Energie nicht selbst produzieren muss“, argumentiert Loewer.
Kraftwerke sind keine Lösung: Zu teuer und viele ungelöste Probleme
Dass Kraftwerke allerdings keine Lösung sind, macht Andreas Vetter klar. Sie seien zu teuer, es würde zu lange dauern, bis sie gebaut seien, und es stünden viele ungelöste Probleme hinter diesem Vorhaben. Bisher mache der ländliche Raum die Arbeit für die Ballungsgebiete mit, weil dort kein Windrad stehen könne. „Was ich eher vermisse, ist, dass der Gesetzgeber mal etwas dafür tut, die Speicherlandschaften auszubauen“, sagt er. Mit diesen Speichern könne man die Dunkelflaute gut überbrücken. Zudem seien solche Speicher nicht groß und könnten gut im Gemeindegebiet untergebracht werden.
Deutlich wird in den Gesprächen: Die Zustimmung zur Windkraft ist in Ense weiterhin groß. Doch bei Größe, Standort und Abstand zu Wohngebieten sehen viele Lokalpolitiker inzwischen Grenzen erreicht.