Windpark Großenlüder vorerst gescheitert: Streit um die Gründe für das Aus
Ein umstrittener Windpark in Großenlüder (Fulda) ist erst einmal passé. Das Unternehmen Juwi, Projektentwickler für erneuerbare Energien, hat seine Pläne für Windkraftanlagen im Gieseler Forst nach eigenen Angaben aufgegeben. Der Gieseler Forst ist eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Hessens. Ganze 15 Windkraftwerke sollten dort in dem Vorranggebiet zwischen Kleinlüder und Oberrode entstehen. Jetzt zweifele man an der Wirtschaftlichkeit des Projekts, heißt es von Seiten des Unternehmens. Den Pachtvertrag des Baugeländes mit Hessen Forst hat es gekündigt. Durch zu viele Windparkprojekte unrentabel? Seinen Rückzug begründet Juwi damit, dass es derzeit ein Überangebot an Vorrangflächen und Ausschreibungen für Windkraftprojekte gebe. Das drücke den Ertrag im Gieseler Forst nach unten - so weit, dass sich das Projekt nicht mehr lohne. Unabhängig davon befindet sich das Unternehmen aus Wörrstadt in Rheinland-Pfalz in einer Umbruchphase. Anfang Juni hat Juwi angekündigt, an seinen acht Standorten in Deutschland 280 Stellen abzubauen. Das entspricht fast einem Viertel der Belegschaft. Was brachte das "Fass zum Überlaufen"? Eine Bürgerinitiative gegen Windkraft sieht das Scheitern des Projekts dennoch als Bestätigung ihrer Arbeit, die AfD beansprucht es hauptsächlich für sich allein. Dabei hat vor allem eine ehrenamtliche Projektgruppe aus der Region aktiven Widerstand geleistet, die nicht generell gegen den Einsatz von Windkraft ist. Unter den Mitgliedern der Projektgruppe ist auch der ehemalige Revierförster im Gieseler Forst, Manfred Kellerhoff aus Blankenau (Fulda). Kellerhoff hält es für möglich, dass die Ergebnisse seiner Gruppe nicht ganz unerheblich für die Kehrtwende von Juwi waren. Oder, wie er gegenüber dem hr ausdrückt: "Wir waren vielleicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat." Lebensraum für geschützte Arten Die kleine Projektgruppe - darunter auch ein Quellforscher und ein Bautechniker - hat schon seit Längerem versucht, eine Genehmigung des Windparks zu verhindern. Sie sieht in ihm an dieser Stelle eine Gefahr für die Natur. Dafür untersuchte sie das Areal in den vergangenen Monaten eingehend und stellte ihre Ergebnisse dem Regierungspräsidium (RP) Kassel als zuständiger Genehmigungsbehörde zur Verfügung. Das Gebiet sei geprägt durch einen außergewöhnlichen Wasserhaushalt. Über einer Tonschicht in etwa einem Meter Tiefe habe sich oberflächennahes Grundwasser gebildet. Mehrere Weiher im Wald böten Lebensraum für geschützte Arten. Insgesamt habe die Gruppe mehr als 40 Quellen entdeckt. Diese Biotope seien laut Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Kellerhoff: Wertvolle Natur im Gieseler Forst Und das sei nur ein Teil der natürlichen Besonderheiten, die durch einen Windpark-Bau in Gefahr gerieten. "Je länger wir da oben waren, desto mehr haben wir verstanden, was für ein toller Lebensraum das ist", schwärmt Kellerhoff. Unterstützt wurden die Männer vom Bundestagsabgeordneten Michael Brand (CDU) aus Fulda und dem Fraktionsvorsitzenden der CDU im Kreistag Fulda, Thomas Hering. Die Politiker hätten dem Anliegen der Gruppe persönlich Nachdruck beim RP Kassel verliehen, sagt Kellerhoff. Bürgerinitiative bescheinigt sich selbst "unermüdliche Aufklärungsarbeit" Die Bürgerinitiative "Schutzkreis Gieseler Wald" hingegen teilt mit, dass der Windpark nun "abgewendet" wurde, sei eine Bestätigung ihrer "unermüdlichen Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit". Eine Anfrage des hr dazu, welche konkreten Maßnahmen die als Verein organisierte Bürgerinitiative umgesetzt hat, möchte sie aktuell nicht beantworten. Die Bürgerinitiative spricht sich auf ihrer Internetseite gegen jegliche Windkraft aus. Windkraftanlagen seien "gefährlich", der von ihnen produzierte Strom könne zur "Instabilität bis zum Ausfall unserer gesamten Stromversorgung führen". Deutschland sei einem "Klimaneutral-Wahn verfallen". Befremdlicher Internetauftritt mit KI-Bildern Ihren Online-Auftritt untermalt die Initiative mit KI-generierten, jedoch nicht als solche gekennzeichneten Fotos von apokalyptischen Zuständen in Wäldern mit ausgemergeltem Wild. Des Weiteren stellt sie diverse falsche Behauptungen auf. Etwa, dass "verbindliche Stromlieferverträge nur mit fossilen und atomaren Kraftwerken abgeschlossen werden" könnten. Das sei fachlich nicht zutreffend, wie ein Sprecher des Hessischen Energie-Ministeriums auf Nachfrage des hr betont. "Langfristige Stromlieferverträge, sogenannte 'Power Purchase Agreements' (PPA), werden seit Jahren mit Betreibern von Windenergie- und Photovoltaikanlagen abgeschlossen und sind ein etabliertes Instrument des Energiemarktes." Die Bürgerinitiative selbst räumt auf ihrer Internetseite ein, dass "wir fossile Brennstoffe, Gas und Öl nicht in ausreichender Menge besitzen". Wie eine Alternative aussehen könnte, erläutert sie nicht näher. AfD unterstellt "Komplizenschaft" Auch die AfD im Kreis Fulda war auf das emotionale Thema Windpark mit aufgesprungen. Sie hatte sich vor allem im Rahmen des Wahlkampfs zur Kommunalwahl im März gegen den Windpark starkgemacht. Laut eigener Mitteilung sieht sie in der Juwi-Absage das Ergebnis ihrer "konsequenten Öffentlichkeitsarbeit". Unter anderem mit einem "eigens produzierten Faltblatt" habe sie sich als einzige einer "Komplizenschaft der Fuldaer Altparteien" entgegengestellt. Die Bürgerinitiative und die AfD im Kreis Fulda wollen nach eigenen Angaben die weitere Entwicklung verfolgen und sich wieder entgegenstellen, sollte erneut jemand das Vorranggebiet für einen Windpark nutzen wollen. Über Auslegung "ganz verdattert" Kellerhoff und seine Mitstreiter reagieren überrascht bis belustigt: "Wir waren ganz verdattert, dass die AfD und auch die Bürgerinitiative für sich in Anspruch genommen haben, sie hätten das Gebiet verhindert." Die AfD habe nur eine einzige Informationsveranstaltung gehalten. Darüber hinaus hätten Kellerhoff und Co. kaum konkrete Bemühungen der beiden Akteure wahrgenommen. Seine Gruppe will jetzt weiter Daten sammeln und sich engagieren. "Wir sind nicht gegen Windkraft" Denn Hessenforst will das Gebiet eigenen Angaben nach erneut ausschreiben. Kellerhoff unterstreicht das langfristige Ziel der Gruppe: Dem Areal soll der Status als Windkraft-Vorranggebiet aberkannt werden. In ihrem Dossier kommt die ehrenamtliche Gruppe zu dem Schluss, dass die Prüfung einer Alternativfläche - auch im Gieseler Forst, aber im südwestlichen Teil - für eine Windkraft-Nutzung sinnvoller wäre. "Wir sind nicht prinzipiell gegen Windkraft", betont Kellerhoff. "Wir sehen durchaus, was Klimawandel veranstaltet - und dass wir Treibhausgase reduzieren müssen."