Windparks auf See: Wenn die Anlagen immer größer werden
Stand: 08.07.2026 06:00 Uhr Windparks im Meer spielen eine entscheidende Rolle für die Energiewende. Jede fünfte Kilowattstunde Strom soll zukünftig in Nord- und Ostsee erzeugt werden. Die Turbinen für den bislang leistungsstärksten Windpark der Nordsee werden vom dänischen Esbjerg aufs Meer gebracht. von Arne Schulz Ein Büro-Provisorium aus Containern im Hafen von Esbjerg an der dänischen Nordseeküste: Ungefähr 240 Kilometer nördlich von Hamburg zieht Jörn Däinghaus seine Arbeitsschuhe und eine gelbe Warnjacke an. Auch Schutzbrille und Helm dürfen nicht fehlen. Däinghaus soll als Projektleiter dafür sorgen, dass der bislang größte deutsche Offshore-Windpark wie geplant fertig wird. Eine Aufgabe mit Verantwortung: Der Windpark namens "He Dreiht" (Plattdeutsch: "Er dreht") soll in Zukunft mehr als eine Million Haushalte das ganze Jahr über mit Strom versorgen. Däinghaus ist stolz, bei dem Aufbau des Windparks dabei zu sein, er nennt sich selbst "ein kleines Zahnrädchen im Getriebe": "Ich habe schon den Eindruck, dass Offshore-Wind für uns in Deutschland, in Europa, die wichtigste Energiequelle sein sollte, weil es etwas ist, was wir völlig autark produzieren können." Windräder, fast so hoch wie der Eiffelturm Durch die Container-Büros geht er hinaus auf eine große Asphalt-Fläche. Kurz vor der Kaikante bleibt er stehen. Vor ihm: weiße Windrad-Türme mit roten Streifen, knapp 150 Meter hoch. Ein paar Schritte weiter lagern Flügel, die Rotorblätter, auf mehrstöckigen Stahlgerüsten. Wenn sie montiert sind, ragen die Windräder noch höher. Fast so hoch wie der Eiffelturm. Jahrelang, erzählt Däinghaus, habe er an dem Projekt gearbeitet, Papiere gewälzt, Verträge verhandelt - die Anlagen aber immer nur als Konzept vor sich gesehen. "Wenn man die Anlage dann das erste Mal in den Dimensionen sieht, ist das schon stark beeindruckend", sagt der Projektleiter, der erst das zweite Mal vor Ort in Esbjerg ist. Windkraft in deutsch-dänischer Ko-Produktion Sein Arbeitgeber EnBW hat den Park zwar geplant und wird ihn betreiben, die meiste Arbeit erledigt allerdings das dänische Unternehmen Vestas. Projektleiter dort ist der Deutsche Henrik Thun. Er weiß genau, wie der Aufbau funktioniert: "Wir transportieren die Türme, die Maschinen und auch unsere Rotorblätter von unseren Fabriken in Europa per Seeweg nach Esbjerg", erklärt er. Dann werde alles zusammenfügt, vorbereitet und anschließend auf das Installationsschiff verladen, um Richtung offene See transportiert zu werden. Offshore-Anlagen werden immer größer Thun arbeitet seit 17 Jahren für Vestas, Däinghaus ähnlich lange für EnBW. Beide haben im Laufe der Jahre miterlebt, wie die Anlagen immer größer und leistungsfähiger wurden. Das erste Projekt von Däinghaus war im Jahr 2010 zugleich der erste kommerzielle deutsche Windpark überhaupt: Baltic 1. Damals brachte ein einzelnes Windrad 2,3 Megawatt Leistung. Beim nächsten Projekt waren es schon 7 MW, heute sind es 15 MW. Rasante Entwicklung bei der Energiegewinnung "Eine Rotor-Umdrehung von einer Anlage kann vier Haushalte einen Tag lang mit Strom versorgen", erläutert Däinghaus. Die Entwicklungskurve ist steil. Um so viel Strom zu erzeugen wie der gesamte Windpark von Baltic 1, braucht es heute nur noch drei Anlagen. Durch die größeren Anlagen sind die Erzeugungskosten für den Strom vom Meer stark gesunken. Von 2010 bis 2020 haben sie sich laut Studien halbiert. Danach gab es zwar wieder Rückschritte - wichtige Materialien wie Stahl und Kupfer verteuerten sich, Kreditzinsen stiegen -, doch bis heute gilt diese Form der Energiegewinnung als eher günstig. Für acht bis zehn Cent lasse sich eine Kilowattstunde erzeugen, sagen Experten. Kostensteigerungen durch technologischen Fortschritt Trotzdem hat der technologische Fortschritt auch Schattenseiten. Die Windparks haben Dimensionen erreicht, die den Bau zum logistischen Kraftakt machen. Für die immer größer werdenden Anlagen mussten bei Vestas immer wieder Fabriken um- oder sogar neu gebaut werden. Auch im Hafen von Esbjerg bereitet die Größe heute Probleme. Neben den Windrad-Türmen an der Kaikante stehen Bauzäune. Bagger reißen den Boden auf. Damit Großkräne die Windradkomponenten verladen können, brauche es eine sehr tragfähige Kaikante, erklärt Thun. Bei den Lasten, die bewegt werden, würde eine normale Kante wohl abbrechen. Dazu benötige es auch ein gutes Seebett, wo sich die Schiffe zum Verladen positionieren können. Ein weiterer Kostentreiber. 2,4 Milliarden Euro für den neuen Windpark EnBW-Projektleiter Däinghaus und Vestas-Mann Thun erklimmen die steile Gangway der "Windkeeper", die gerade zum Beladen im Hafen liegt und die Anlagen auf See installiert. Das in China gebaute Schiff wird von einer dänischen Spezialfirma betrieben, im Auftrag von Vestas. Drei Windrad-Türme kann es transportieren - aufrecht stehend, verankert in sturmsicheren Vorrichtungen im Schiffsrumpf. Die Vorrichtungen sind Spezial-Anfertigungen: Wie die Werke und Häfen müssen auch die wenigen Installationsschiffe auf der Welt für neue Projekte immer wieder umgebaut werden. Auch das geht ins Geld. Am Ende wird der Bau des neuen Windparks etwa 2,4 Milliarden Euro verschlingen. Um sicherzustellen, dass sich die Investition lohnt, hat EnBW mit zahlreichen Unternehmen wie zum Beispiel der Deutschen Bahn, der Telekom, DHL und Google langfristige Strom-Lieferverträge geschlossen. "Viele davon haben eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren, sodass man für den Zeitraum dann auch wirklich gesicherte Einnahmen hat und eine gute Planungsgrundlage", sagt Däinghaus. Ist die Welt bereit für Riesen-Windräder? Aber was passiert, wenn die Technologie noch leistungsstärker und die Anlagen noch größer werden? Bei den aktuellen Anlagen haben die Flügel schon einen Durchmesser von 230 Metern - in China entwickeln Hersteller aktuell jedoch schon Prototypen mit 310 Metern. Gingen die in Serienproduktion, wären die Anforderungen an Werke, Häfen und Schiffe noch viel größer als heute. "Irgendwo wird sich zeigen, wo dann die Grenze erreicht ist, bis wohin Vergrößerungen tatsächlich dazu führen, dass man günstiger Energie produzieren kann", prognostiziert Däinghaus. Technisch sei sehr viel möglich, meint auch Thun. Aus wirtschaftlicher Sicht sei es aber nicht sinnvoll, auf immer größer werdende Windräder zu setzen. Windkraft-Ausbau bleibt große Herausforderung Statt am nächsten Technologie-Sprung zu arbeiten, würde Vestas lieber noch mehr seiner aktuellen Turbinen verkaufen. Die hohen Entwicklungskosten der vergangenen Jahre müssen wieder reingeholt werden, die bestehenden Anlagen sollen optimiert werden. Wenn die Konkurrenz das allerdings anders sieht, könnte auch Vestas gezwungen sein, sich der Entwicklung zu beugen. Der Ausbau der Windkraft bleibt eine Herausforderung.