Windparks in der Nordsee: Verzögerungen bei Oceanbeat-Projekten
Doch nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung stimmt das nur halb. So berichtet der Grünen-Abgeordnete Alaa Alhamwi von Gesprächen mit Vertretern der BP-Tochter, die ganz anders klingen. Danach habe das Unternehmen kein Interesse mehr an der Errichtung. Man habe mit der Bundesregierung über eine Rückgabe der Flächen verhandelt – bislang vergeblich. „Fahrlässig“ lasse die Bundesregierung eine Situation entstehen, die schon jetzt „Energiewende, Jobs und unsere Energiesouveränität“ bedrohe, so Alhamwi.
Doch die Situation ist verfahren. In einer Mega-Auktion hatten die Mineralölkonzerne BP und Total einst jeweils zwei Flächen in Nord- und Ostsee ersteigert, offenbar wild entschlossen, ganz groß ins Geschäft mit der Windkraft zur See einzusteigen. Insgesamt 12,6 Milliarden Euro sagten sie zu, die über die Jahre zum großen Teil in den Ausbau der Stromnetze fließen sollten. Im Gegenzug trafen die Netzbetreiber 50Hertz und Tennet Vorbereitungen, um die nötigen Konverterstationen zur See zu errichten, gewissermaßen die Steckdosen für die Windräder. Was aber, wenn die nicht kommen?
Prinzipiell bieten sich zwei Möglichkeiten: Der Bund könnte, erstens, einlenken. Er könnte im Windenergie-auf-See-Gesetz, das gerade novelliert wird, eine Rückgabe bereits ersteigerter Flächen zulassen. Dann kämen die Flächen erneut auf den Markt, und der Stillstand ließe sich beenden. Doch vor allem das Wirtschaftsministerium pocht aufs Prinzip: Wer ersteigert hat, muss auch bauen respektive zahlen. Im Regierungsentwurf für das Gesetz, das nun den Bundestag passieren muss, findet sich jedenfalls nichts zu einer möglichen Rückgabe. Die ließe sich nur noch bei den parlamentarischen Beratungen verankern.
Möglichkeit zwei: Der Bund bleibt hart. Dann könnte sich Jera Nex BP noch ein Weilchen Zeit lassen, eine endgültige Entscheidung zu fällen. Denn eine finale Entscheidung müssen sie erst treffen, wenn ihnen die Netzbetreiber einen verbindlichen Anschlusstermin genannt haben. Frühestens im Herbst kommenden Jahres könnte das Projekt entzogen werden. Erst danach ließen sich die Flächen wieder ausschreiben, entsprechend spät fließt zusätzlicher Windstrom.
Das macht es nicht nur schwerer, die Ziele für den Ökostrom-Ausbau und das deutsche Klimaziel zu halten. Es belastet auch die deutschen Stromkunden. Nach Informationen von NDR, WDR und SZ gehen Brancheninsider davon aus, dass ein höherer Großhandelspreis die Stromkosten pro fehlendem Gigawatt zwischen 500 und 600 Millionen Euro im Jahr in die Höhe treiben könnte. Werden die beiden Oceanbeat-Parks nicht oder erst spät realisiert, entspräche dies Mehrkosten von 2,2 Milliarden Euro im Jahr. Mehr noch: Fallen die Zahlungen von Jera Nex BP aus, weil das Unternehmen auf die Flächen verzichtet, dürfte auch der Zuschuss an die Stromnetzbetreiber wegfallen. Das fehlende Geld müsste über die Netzentgelte auf die Stromkunden verteilt werden.
Prinzip oder Pragmatismus, das ist derzeit die Frage. Und Jera Nex BP scheint zu pokern, dass sich der Pragmatismus am Ende durchsetzt. Liefe es besonders gut für das Unternehmen, könnte es sich nach einer Rückgabe sogar ein zweites Mal um die Flächen bemühen, diesmal weit billiger. Mit dem ärgerlichen Nebeneffekt, dass drei Jahre sinnlos ins Land gegangen sind.
Jera Nex BP verweist auf Verzögerungen beim Netzanschluss für die Windparks, hält sich aber ansonsten bedeckt. Es gebe verschiedene Optionen. Man arbeite mit allen Beteiligten daran, eine „vernünftige Lösung für diese Projekte zu finden“, sagt eine Sprecherin am Firmensitz in London. Eigentlich war eine Zweigstelle in Hamburg für die Oceanbeat-Projekte zuständig. Doch das operative Personal dort wurde Ende Juli 2026 entlassen oder über Aufhebungsverträge freigestellt, berichten mehrere ehemalige Mitarbeiter. Auf konkrete Anfrage zu Entlassungen reagiert Jera Nex BP nur indirekt und schreibt: „Unsere derzeitige Personalausstattung beeinträchtigt die Fähigkeit zur Durchführung der erforderlichen Prozesse nicht.“
Derweil laufen die Arbeiten für den Netzanschluss zur See – geschätzte Kosten: 20 bis 30 Milliarden Euro. Zuständig für den Anschluss ist Tennet, und auch dort wächst die Nervosität. „Wenn wir hier nicht handeln, drohen ungenutzte Offshore-Netzanschlüsse, erhebliche volkswirtschaftliche Schäden und Verzögerungen beim Erreichen unserer Ausbauziele“, sagt Tennet-Chef Tim Meyerjürgens. Es brauche die Chance, solche Flächen zurückzugeben. Kommen die Projekte erst später, bleiben auch Aufträge für die oft mittelständischen Zulieferer weg. „Entscheidend ist jetzt, Spekulation nicht zu belohnen“, sagt Meyerjürgens, „sondern Realisierung zu ermöglichen.“