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„Wir sollten uns wirklich Sorgen machen“: Russlands „feindseliges Manöver“ im Weltraum alarmiert Experten

Welt

Am vergangenen Wochenende soll sich ein russischer Satellit im Weltraum bis auf weniger als hundert Meter einem europäischen Raumflugkörper angenähert haben. Das geht aus dem jüngsten Bericht der Washingtoner Denkfabrik „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) hervor.

Dem stellvertretenden Direktor des CSIS-Projekts „Aerospace Security“, Clayton Swope, zufolge habe der russische Satellit Cosmos-2612 den Satelliten ICEYE-X36 des finnischen Mikrosatelliten-Herstellers und ‑Betreibers „Iceye“ verfolgt, welcher im Auftrag der USA die ukrainische Armee mit Bildern und Daten versorgt. Bereits am 15. Oktober habe sich der russische Flugkörper auf einer Umlaufbahn in die „unmittelbare Nähe“ des US-Satelliten bewegt, berichtete Swope demnach.

Die Nachrichtenagentur AFP berichtete am Dienstagabend unter Berufung auf eine Analyse von Umlaufbahndaten, dass der bereits im April ins All geschossene russische Militärsatellit seine Geschwindigkeit abrupt geändert habe, „um in die gleiche Umlaufbahn wie der finnische Satellit zu gelangen“. Am vergangenen Montag habe die Entfernung zwischen den beiden Flugkörpern demnach weniger als 100 Meter betragen. Laut der AFP habe sich Russlands Satellit am Montagmorgen dann wieder von ICEYE-X36 wegbewegt.

Satellitenannäherung als „sehr feindseliges Manöver“ eingestuft

Das CSIS-Expertenteam warnt in seiner Analyse davor, dass politische Entscheidungsträger angesichts Russlands Vergangenheit mit Weltraumtests von Waffensystemen „davon ausgehen sollten, dass Cosmos-2612 Aktionen durchführen sollte, die den kommerziellen Satelliten bedrohen“. Insgesamt müsse Russlands jüngste Satellitenannäherung „im Kontext aggressiver russischer Grauzonenaktivitäten bewertet werden, die auf US-amerikanische und europäische Interessen abzielen“, heißt es weiter.

Swope erklärt in einem von CSIS veröffentlichten Analyse-Video, dass man Russlands Satelliten „derzeit verfolgt“. Cosmos-2612 habe demnach „einige sehr feindselige Manöver in der Nähe eines in den USA registrierten Satelliten durchgeführt“.

Der russische Flugkörper habe sich mit minimalem Aufwand ICEYE-X36 genähert – „wahrscheinlich etwas tun kann, was er nicht tun sollte“, vermutet der Experte. Swope zufolge könne man aktuell nicht nachvollziehen, was Russland mit dieser Aktion beabsichtigt habe. Folgende Möglichkeiten kämen dem CSIS-Analysten zufolge in Betracht:

Cosmos-2612 könnte mit einem Störsender versucht haben, ein von ICEYE-X36 gesendetes Signal zu stören.

Cosmos-2612 könnte mit einem Laser ausgestattet sein und versucht haben, Geräte von ICEYE-X36 zu beschädigen.

Cosmos-2612 könnte versucht haben, einen Sensor von ICEYE-X36 zu blenden.

Cosmos-2612 könnte versucht haben, einen möglichen Beschuss auszutesten.

Swope erklärt in dem Zusammenhang: „Cosmos-2612 könnte eine kinetische Waffe an Bord haben. Er könnte ein Projektil an Bord haben, das dazu bestimmt ist, auf den Iceye-Satelliten zu schießen.“ Er ergänzt: „Wenn man all diese Indizien des jüngsten Vorfalls mit dem kombiniert, was Russland hier auf der Erde bereits tut, dann sollten wir uns wirklich Sorgen machen.“

Der CSIS-Experte vermutet, dass es Russland bei der jüngsten Satellitenannäherung auch darum gehen könnte, „etwas zu beweisen: Ich kann das tun, und ihr könnt mich nicht aufhalten“. Der Denkfabrik zufolge wolle Moskau mit derlei Aktionen möglicherweise die Entschlossenheit des Westens testen. „Es gibt viele Dinge, mit denen die Russen hier auf der Erde Grenzen ausloten – wir sollten nicht überrascht sein, wenn sie gerade jetzt versuchen, so etwas auch im Weltraum zu tun“, betont Swope.

CSIS: Ukraine-Verbündete sollten Grenzen festlegen

Da Russland CSIS zufolge „offenkundig dazu bereit ist, seine feindseligen Aktionen im Weltraum zu verstärken, sollten die Vereinigten Staaten und Europa endlich festlegen, wie sie auf einen solchen Angriff reagieren würden“, fordern die Forscher. Swopes Ansicht nach gibt es aus politischer Sicht zwei Arten von Fragen, über die westliche Ukraine-Verbündete nun nachdenken sollten:

Was ist normal und was ist feindselig? Welche Aktionen im Weltraum könnten zu einer Eskalation führen? Und wo könnten klare, nicht länger tolerierbare Grenzen verlaufen?

Was passiert, wenn Russland diese Grenzen überschreitet? Wie reagiert der Westen darauf? Und wie könnte Russland mit einem Abschreckungskonzept verdeutlichen, dass solche Aktionen Konsequenzen haben könnten?

Der Westen benötige ein einheitliches Vorgehen, um solche Aktionen wie Russlands Satellitenannäherung künftig zu unterbinden, fordern die CSIS-Experten auf ihrer Webseite. Unter Kremlchef Wladimir Putin seien in jüngster Vergangenheit „Cyberangriffe durchgeführt, Satellitennavigationssignale gestört und Sabotageakte geplant worden – unter anderem gegen Unterseekabel, Weltrauminfrastruktur auf der Erde und mithilfe einer Drohne gegen einen deutschen Flughafen“. Die Denkfabrik warnt: „Die Häufigkeit dieser Angriffe nimmt zu.“

Den Analysten zufolge könne der mögliche Einsatz einer russischen Weltraumwaffe gegen einen US-Satelliten „in dieses Muster passen“. In dem Glauben, der Westen werde nicht sonderlich energisch auf feindliche Aktionen gegen einen westlichen Satelliten reagieren, könne Moskau bereit sein, das Risiko einer möglichen Eskalation einzugehen – „eine Annahme, die sich im Vorgehen Europas widerspiegelt“, folgern die CSIS-Experten.

Westen müsse „entschieden“ auf Russlands Grenzüberschreitungen reagieren

Als mögliche Reaktionen auf weitere Grenzauslotungen seitens Russlands nennen die Analysten etwa die Annullierung des kürzlich zwischen den USA und Russland geschlossenen Dieselabkommens und ein hartes Vorgehen gegen die Operationen der russischen Schattenflotte.

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