„Wir wussten schon 1987, was uns droht"
Startseite Politik Klimaforscher Hartmut Graßl: „Wir wussten schon 1987, was uns droht“ Von: Joachim Wille Uns auf Google folgen Der Klimaforscher warnte bereits in den 1980er Jahren vor den Folgen der Erderwärmung. Heute erleben wir genau das, wovor Hartmut Graßl damals gewarnt hat – und trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf. Die Hitzewellen sind nur der sichtbarste Teil der Klimakrise. Der renommierte Experte Hartmut Graßl erklärt, warum Deutschland sich besser auf die Folgen vorbereiten muss und weshalb das Zwei-Grad-Ziel noch nicht verloren ist. Seine Hoffnung ruht auf entschlossenem Handeln und dem rasanten Ausbau der Solarenergie. Herr Graßl, Sie gehörten zu den ersten Klimawissenschaftlern in Deutschland, die öffentlich vor einer gefährlichen Störung des Klimasystems warnten. Das war bereits in den 1980er Jahren. Sind die Hitzewellen dieses Jahr, die schon im Mai einsetzten, genau das, was Sie damals verhindern wollten? Damals war bereits klar, dass eine weitere Emission der langlebigen Treibhausgase in die Atmosphäre zu einem erhöhten Treibhauseffekt und damit zu einer Erwärmung an der Erdoberfläche führen muss. Dass dabei Rekord-Hitzewellen auftreten und bisher übliche häufiger werden, ist logische Folge. Aber die Umverteilung der Niederschläge und die reduzierte Bodenfeuchte großer Regionen ist mindestens genauso bedeutend, weil dadurch die Ernährung der weltweit wachsenden Bevölkerung gefährdet ist. Davor zu warnen, war wegen der drohenden Folgen einfach geboten. Sie haben 1987 den Aufruf „Warnung vor drohenden weltweiten Klimaänderungen durch den Menschen“ von Deutscher Meteorologischer Gesellschaft und Deutscher Physikalischer Gesellschaft mitverfasst. Wie reagierten Politik, Medien und Öffentlichkeit darauf? Wurden Sie ernst genommen? Die Reaktion der Bundespolitik war für mich weniger stark als erwartet. Die Bayerische Staatsregierung unter Franz-Josef Strauss allerdings hat im November 1987 im Bundesrat die Einrichtung eines Wissenschaftlichen Klimabeirates der Bundesregierung gefordert, weil eine große Industrienation ein so großes Thema nicht verschlafen solle. Der entstand dann auch. Ich wurde Vorsitzender dieses Beirates und vertrat einsam die Bundesrepublik Deutschland bei der Gründung des Weltklimarats IPCC im November 1988 in Genf bei den Vereinten Nationen. Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Eine zentrale Frage für die Frankfurter Rundschau. Unser Videopodcast „Klima Klartext“ mit Claudia Kemfert - jetzt alle Folgen checken! Unser exklusiver FR|Klima-Newsletter mit dem umfassenden, wöchentlichen Überblick immer freitags. Jetzt anmelden! Die öffentliche Debatte über die „Klimakatastrophe“ lief allerdings früh hoch … In der Tat, und nicht immer richtig faktenbasiert. Grund für unseren Aufruf war gewesen, die Debatte zu versachlichen. Denn als 1986 das Magazin „Der Spiegel“ in seinem Titelbild den Kölner Dom halbüberschwemmt in die Nordsee hineinstellte, hatte er auf ein früheres Memorandum der Physikalischen Gesellschaft reagiert, gegen das die Meteorologische Gesellschaft Protest einlegte – wegen Fehlerhaftigkeit. Der damalige DPG-Präsident, Joachim Trümper, bat mich, den klimatologischen Teil des Memorandums zusammen mit meinem Frankfurter Kollegen Christian-Dietrich Schönwiese neu zu formulieren. Der Entwurf wurde dann ins Bundesforschungsministerium durchgestochen. Folge: Die DMG- und DPG-Präsidenten sowie wir beiden Klimatologen wurden im Januar 1987 ins Ministerium zitiert. Die Forderung war, das Memorandum zurückzuziehen. Dennoch hat die DPG es bei ihrer Frühjahrstagung veröffentlicht. Zur Person Hartmut Graßl, geboren 1940 in Salzberg bei Berchtesgaden, zählt zu den renommiertesten deutschen Klimaforschern. Der Physiker und Meteorologe war Professor an der Universität Hamburg und bis 2005 Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Von 1994 bis 1999 leitete er bei der Weltorganisation für Meteorologie in Genf das Weltklimaforschungsprogramm. Dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen hat er mehrfach angehört und war zeitweise dessen Vorsitzender. Für seine Arbeit erhielt er unter anderem den Deutschen Umweltpreis und das Große Bundesverdienstkreuz. jw Im Sommer 2003 erlebte Europa dann erstmals eine Hitzewelle mit Zehntausenden vorzeitigen Todesfällen. Sie sagten mir damals, Sie hätten erwartet, dass die Erderwärmung da erstmals für viele Menschen unmittelbar spürbar werde. Die globale Temperatur lag damals etwa 0,8 Grad über dem vorindustriellen Niveau; inzwischen sind es schon fast 1,5 Grad. Was sind die Folgen? Es sind genau die Folgen, die bereits vor vier Jahrzehnten von der Wissenschaft als Folge einer globalen Erwärmung vorhergesagt wurden. Die fünf wichtigsten: Zunahme der Wetterextreme, vor allem der Starkregen und der Dürren sowie der Hitzewellen. Schrumpfung des Eises an Land, also der Gebirgsgletscher und Inland-Eisgebiete in Grönland und der Antarktis, und des Meereises in der Arktis. Beschleunigter Anstieg des mittleren Meeresspiegels, zurzeit bereits über vier Millimeter pro Jahr, der über Jahrhunderte anhalten wird. Verstärkte Wasserknappheit, weil selbst dann die Bodenfeuchte abnimmt, wenn an einem Ort die Niederschlagsmenge nicht schrumpft, aber die Verdunstung bei höheren Temperaturen steigt. Und: beschleunigte Abnahme der biologischen Vielfalt auch durch den Klimawandel. Bekommen wir inzwischen eine grundsätzlich andere Art von Hitze, etwa längere Hitzewellen, heißere Nächte, trockenere Böden und eine stärkere Belastung für den menschlichen Körper? Die in niedrigeren Breiten bekannten langen Hitzewellen und Dürren erobern immer höhere Breiten. Ich sprach deshalb schon vor Jahrzehnten davon, dass sich „die Mittelmeer-Dürren nordwärts robben“. Für die Menschheit noch viel bedeutender als die vergleichsweise kurzen Hitzewellen bei uns sind die langanhaltenden Hitzeperioden in den Subtropen und äußeren Tropen, die die Aktivität auch bei gesunden Menschen mindern und die damit die Wirtschaftskraft eines Landes vermindern können. Denn wenn die Temperatur des Thermometers sich unserer Bluttemperatur nähert, können wir die beim Arbeiten erzeugte zusätzliche Wärme nicht mehr an die Umwelt abführen, wir kämpfen auch ohne Aktivität ums Überleben. Die ärmeren Menschen in immer größeren Regionen erleben diesen lebensbedrohenden Stress schon fast jedes Jahr, zum Beispiel in Nordindien, Pakistan oder auf der Arabischen Halbinsel. Umfragen zeigen, dass bei den Menschen auch immer neue Hitzerekorde nur begrenzt zum Umdenken führen. Die, die extreme Hitze für ein sicheres Zeichen des Klimawandels halten, werden weniger. Ist das Gewöhnung, Abstumpfung oder bewusste Verdrängung? Die Menschen unterliegen einer Reizüberflutung durch Nachrichten. Was sie dabei in ihr Korsett aus Urteilen respektive Vorurteilen zwecks Erleichterung ihres Lebens aufnehmen, ist sehr unterschiedlich. Gewöhnung, Abstumpfung und Verdrängung spielen bei vielen sicher eine Rolle. Die in der Frage zitierten Zahlen zeigen aber immerhin, dass mehr als die Hälfte der Befragten die Hitzewellen korrekt mit dem Klimawandel verknüpft. Also sollten die Politiker auch darauf aktiv reagieren, etwa indem sie die Infrastruktur unseres Landes kräftig in Richtung Anpassung an den nicht mehr vermeidbaren Teil des Klimawandels umbauen. Ein Beispiel: Jedes Pflegeheim muss aus dem riesigen Sondervermögen Infrastruktur eine Unterstützung für Klimaanlagen bekommen. Wie fällt Ihre Bilanz der Klimapolitik aus, vier Jahrzehnte, nachdem die Gefahren der Erderwärmung erstmals klar wurden? Hat die Politik Ihres Erachtens zu wenig gewusst – oder wider besseres Wissen zu wenig getan? Meine Bilanz ist gedämpft positiv: Erstens haben wir ein völkerrechtlich bindendes Abkommen, das Paris-Abkommen, das allerdings bei seiner Umsetzung zu wünschen übriglässt. Letzteres ist nicht verwunderlich, weil die fossile Lobby immer noch stärker ist als die der erneuerbaren Energien. Zweitens haben die Industrieländer und manche Schwellenländer ihre Treibhausgas-Emissionen so zurückgefahren, Deutschland um mehr als die Hälfte, dass die Horrorszenarien extrem hoher Emissionsprofile bis 2100 inzwischen auch beim Weltklimarat nicht mehr als mögliche Szenarien gelten. Drittens wird mit den Beschlüssen bei jeder COP, der Vertragsstaatenkonferenz zur Klimarahmenkonferenz der Vereinten Nationen, etwas an den Emissionen „gesägt“. Dass Deutschland dabei nicht wie am Anfang mehr Druck in Richtung stärkeren Klimaschutzes ausübt, betrübt mich, wo wir doch bei der Klimaforschung weltweit eine führende Rolle innehaben. Hatte Deutschland jemals einen Klimakanzler oder eine Klimakanzlerin? Nicht wirklich. Aber es gab schon ein paar Highlights. Etwa, dass die spätere Kanzlerin Angela Merkel 1995 als Umweltministerin bei der COP1 in Berlin den Beschluss für ein Protokoll zur Minderung der Treibhausgasemissionen der Industrieländer durchsetzen konnte, später Kyoto-Protokoll genannt. Und dass einige Bundestagsabgeordnete 2000 Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Abnicken des von ihnen geplanten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) brachten, hat der Photovoltaik weltweit zum Durchbruch verholfen. Was müsste Friedrich Merz konkret tun, damit man ihn als Klimakanzler bezeichnen könnte? Anerkennen, dass mehr Klimaschutz die Wirtschaft eines Landes beflügelt und nicht schwächt sowie die junge Generation langfristig entlastet. Zum Schluss noch einmal ein Blick aufs Globale: Das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens ist fast Geschichte. Ist denn zumindest die Vorgabe, die Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten, noch realistisch? Und was müsste dafür in diesem Jahrzehnt geschehen? Das anzustrebende 1,5-Grad-Ziel wird in der Tat in wenigen Jahren gerissen sein. Völkerrechtlich bindend ist allerdings nur das Ziel einer mittleren globalen Erwärmung „deutlich unter zwei Grad“. Ich habe noch Hoffnung, dass das bis 2100 noch erreicht wird. Sie beruht freilich nicht so sehr auf dem Glauben an vernunftgeleitete Politik, sondern vielmehr darauf, dass die Kosten für Solarenergie vielfach inklusive Speicher schon heute niedriger sind als für die fossilen Energieträger. Also: Nehmt die preiswerteste Energie, denn die Sonne scheint für jede und jeden! Herr Graßl, Sie sind 86 Jahre alt. Was tun Sie persönlich, um gut durch die Hitzetage zu kommen? Und was empfinden Sie, wenn Sie heute erleben, wie vieles von dem eintritt, vor dem Sie seit Jahrzehnten gewarnt haben? Ich habe Glück. Denn in Hamburg, wo ich wohne, haben wir im Vergleich mit anderen deutschen Regionen relativ wenige Hitzetage. Die überstehe ich gut in einem Altbau aus der Jugendstil-Zeit, und auch mein Arbeitszimmer am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, das ich übrigens in diesem Jahr aufgebe, übersteigt 30 Grad nicht. Dass unsere Warnung nur zum Teil gefruchtet hat, ist typisch für das Verhalten des Homo sapiens. Es bereitet mir persönlich keine schlaflosen Nächte. Aber mir tun die Menschen in den vom Klimawandel besonders betroffenen Regionen leid.