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"Wir wussten schon immer, dass wir viele sind"

Wissenschaft

Tessa, Ami, Isa oder Vincent – wer gerade spricht, ändert sich oft im Stundentakt. Die Bonnies leben mit einer Dissoziativen Identitätsstörung. Sie teilen sich einen Körper, ihre Lebenszeit und eine Diagnose, die viele nur aus Filmen kennen. Das Gespräch beginnt mit einer Frage, die normalerweise überflüssig ist: "Mit wem spreche ich gerade?" Der Name des Interviewpartners steht im Kalender, man weiß, wer einem gegenübersitzt. Bei "Bonnie Leben" gilt diese Gewissheit nicht. Zu sehen ist eine junge Frau mit pink gefärbten Haaren, 26 Jahre alt. Doch wer gerade spricht, lässt sich nicht am Aussehen erkennen. Ist es die zehnjährige Tessa? Die lebensfrohe Ami? Die 18-jährige Isa? 4-6, die immer den Überblick behält? Vincent? Oder jemand ganz anderes? "Ich bin Isa", antworten die Bonnies schließlich. "Aber bei so einem Gespräch sind immer ganz viele mit am Start." Während Isa spricht, hören andere mit, beobachten das Gespräch, werfen gelegentlich einen Satz ein. Wer gerade spricht, kann sich ändern – oft, ohne dass Außenstehende es überhaupt bemerken. Hunderte Persönlichkeiten in einem Körper Die Bonnies leben mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS). In einem Körper teilen sich zahlreiche Persönlichkeiten einen Alltag, der von Erinnerungslücken, Wechseln und einem komplexen Innenleben geprägt ist. Die Persönlichkeiten übernehmen abwechselnd die Kontrolle über das Denken, Fühlen und Handeln. Über die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) Menschen mit DIS haben zwei oder mehr eigenständige Persönlichkeiten. Diese Spaltung dient meist als überlebenswichtiger Schutzmechanismus bei extremen Belastungen wie wiederholtem Trauma oder Missbrauch in der frühen Kindheit. Frauen sind von dissoziativen Störungen etwa dreimal so oft betroffen wie Männer. Die Bonnies, die mit dem Künstlernamen "Bonnie Leben" in der Öffentlichkeit stehen, sprechen von sich im Plural, als "wir". "Ich" sagen sie nur selten – nur dann, wenn sie etwa von konkreten Charaktereigenschaften der speziellen Person erzählen, die gerade die Kontrolle hat. Wie oft Wechsel der Persönlichkeiten stattfinden, kann je nach Situation und Belastung variieren, von mehreren Stunden bis hin zu Minuten oder gar Sekunden. Manche Persönlichkeiten sind erwachsen, andere sind Kinder, einige noch Babys. Manche sind Frauen, andere Männer. Alle Personen denken und handeln unterschiedlich. Sie haben eigene Wahrnehmungen, Erinnerungen, Vorlieben und Talente. Isa etwa kann sehr gut Klavier spielen – alle anderen aber nicht. Die meisten Personen wissen voneinander, aber nicht alle. Manche erinnern sich an das, was andere Persönlichkeiten erlebt haben, die meisten anderen haben Gedächtnislücken von der Zeit, in der eine andere Person die Kontrolle übernommen hatte. Wie viele Personen genau in ihrem Körper leben, wissen die Bonnies selbst nicht – sie schätzen, es sind Hunderte, etwa eine ganze Schule voll. "Es sind so viele, dass wir sie gar nicht alle kennen." Regelmäßig die Kontrolle über den Körper übernehmen aber nur etwa eine Handvoll Persönlichkeiten. Eine Autofahrt mit ständig wechselnden Fahrern Ein Leben mit DIS fühle sich "wild" an, so die Bonnies. Sie beschreiben ihre Erkrankung mit einer Metapher: einem Auto. Wer am Steuer sitzt, bestimmt gerade den Alltag. Andere sitzen auf dem Beifahrersitz oder auf der Rückbank, beobachten das Geschehen oder können manchmal kurz eingreifen. Von ihnen kann jederzeit jemand ans Steuer gesetzt werden. Viele weitere Personen befinden sich im Kofferraum, der das Innenleben der Bonnies darstellt. Sie wissen oft nicht einmal, wohin die Fahrt geht. Sie spitzeln manchmal nach vorn, bleiben aber meist im Kofferraum und übernehmen selten bis gar nicht die Kontrolle über das Auto beziehungsweise den Körper. "Man muss eigentlich die ganze Zeit mit dem Wissen leben, dass man jeden Moment weggerissen werden kann", sagt Isa, die gerade die Kontrolle hat. "Für mich – Isa – ist das der schwerste Teil der Erkrankung. Nicht zu wissen, wann ich wieder verschwinde. Und nicht zu wissen, wann oder ob ich zurückkomme." Die Bonnies wissen: Sie teilen sich nicht nur einen Körper, sondern auch ihre Lebenszeit. Wie Kindheitstrauma zur Aufspaltung der Persönlichkeit führt Die Ursache einer DIS ist ein schweres und anhaltendes Kindheitstrauma. Die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt sich erst im Kindesalter. Bei Kindern, die früh Traumata erleben, können viele Persönlichkeitsanteile voneinander getrennt bleiben, die sich eigentlich hätten verbinden sollen. Sie entwickeln eine DIS. Dabei gibt es keine Ursprungsperson, da die Störung entstand, bevor sich eine Persönlichkeit formen konnte. Es gab also nie nur die eine Bonnie. Sie waren schon immer mehrere – die Bonnies. Auch bei ihnen entstand die DIS als Folge schwerer Gewalt in der frühen Kindheit: Sie erlitten sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt über viele Jahre hinweg. Um die körperlichen und psychischen Qualen zu ertragen, Unerträgliches auszuhalten und weiter handlungsfähig zu sein, kann sich die Psyche in zwei oder mehrere Anteile aufspalten. So entwickelt das Gehirn eines Kindes eine Überlebensstrategie: Erinnerungen, Gefühle und Erfahrungen werden voneinander getrennt. Bei den Bonnies haben zum Beispiel die Personen, die im Alltag regelmäßig die Kontrolle übernehmen, gar keinen Zugang zu traumatischen Inhalten. Ein Schutzmechanismus, der ihnen beim Überleben hilft. Andere Persönlichkeiten können sich an ihr eigenes Erlebtes inklusive Traumata erinnern – nur nicht an das, was andere erlebt haben. Die Diagnose, die die Bonnies mit 18 Jahren erhielten, war für einige von ihnen keine Überraschung: "Wir wussten schon immer, dass wir viele sind." Für andere Persönlichkeiten, die keinen Zugang zum Trauma haben, fühlte sich die Diagnose absurd an: "Einige von uns konnten sich an gar kein Trauma aus der Kindheit erinnern. Wir dachten, unsere Kindheit sei ganz normal gewesen", sagen die Bonnies. Die Diagnose sei dann aber eine Erleichterung gewesen: Endlich gab es eine Erklärung für das diffuse Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Und vor allem für die vielen Erinnerungslücken. Über die DIS-Diagnose Um das Vorliegen mehrerer Identitätszustände und Amnesien zu bestätigen, stützt sich die Diagnose auf ausführliche Erforschung, standardisierte Interviews wie das SKID-D (Strukturiertes Klinisches Interview für dissoziative Störungen) und Screening-Fragebögen. Der Alltag der Bonnies war schon immer von Blackouts geprägt. In ihrer Jugend gingen sie deshalb zu einem Arzt mit der Vermutung: "Ich glaube, ich habe Demenz." Eine Erklärung, die für die Bonnies leichter zu greifen gewesen wäre als die Auseinandersetzung mit ihrem Trauma. Doch die Blackouts sind Folge ihrer psychischen Erkrankung: Morgens Kaffee trinken, blinzeln – und plötzlich liegt der Körper abends im Bett. Oder an einem Ort aufwachen und keine Ahnung haben, wie man dorthin gekommen ist. Plötzlich fehlen Stunden oder Tage: Blackouts im Alltag Manchmal sind diese Momente gefährlich: Einige Persönlichkeiten wissen bis heute nicht, dass die Täter von damals nicht mehr Teil ihres Lebens sind. Sie denken, sie müssten zu ihnen zurück, und machen sich auf den Weg. Oft sind diese Momente verwirrend: Ami etwa stellte ihren Therapeuten zur Rede, weil sie während eines stationären Klinikaufenthalts kein Einzelgespräch gehabt hätten. Der Arzt widersprach: Sie hatten sich sechs Wochen lang jeden zweiten Tag gesehen. Ami konnte sich nicht daran erinnern, weil sie selbst nicht da war – eine andere Persönlichkeit hatte währenddessen die Kontrolle. Und manchmal sind diese Momente fast komisch: Ebenfalls Ami fuhr einst mehrere Stunden in den Ort Singen, weil sie glaubte, in einer Stadt mit diesem Namen müssten die Menschen besonders fröhlich sein. Nach mehreren Stunden Fahrt dort angekommen, übernahm eine andere Person und hatte keine Ahnung, warum sie dort war. Dass ihr Alltag trotzdem funktioniert, liegt an der Gewohnheit: "Wir kennen es nicht anders. Wir haben gelernt zu funktionieren und Funktionieren funktioniert immer." Die Bonnies durften sich in ihrer Kindheit nichts anmerken lassen – das haben sie bis heute perfektioniert. Sie überspielen Persönlichkeitswechsel und ihre kurze Verwirrung, sodass möglichst niemand davon mitbekommt. Wenn nicht alle einer Meinung sind Damit das geht, gibt es unzählige Routinen. Alles wird aufgeschrieben: Termine, Gedanken, Absprachen. Wichtige Entscheidungen werden vertagt, damit mehrere Personen ihre Gedanken dazu notieren können. "Das ist unsere Rettung", sagen die Bonnies. Das funktioniere aber nicht immer einwandfrei – vor allem bei kleineren Entscheidungen und impulsiveren Persönlichkeiten. Geht etwa die zehnjährige Tessa mit vollem Geldbeutel einkaufen, ärgert sich die hungrige 4-6 abends womöglich darüber, dass nur Süßigkeiten im Haus sind. Tatsächlich können sich auch nicht alle Bonnies untereinander ausstehen. Das größte Problem im Miteinander der Bonnies war in der Vergangenheit laut Isa, dass es Personen gab, "die nicht verstanden haben, dass es nicht gut ist, unserem Körper zu schaden". "Sie verletzten sich selbst und damit uns alle. Das fanden alle anderen natürlich nicht gut." Sie stellt klar: "Selbstverletzungen finden heute aber nicht mehr statt." Dennoch hätten die Persönlichkeiten manchmal sehr unterschiedliche Ansichten davon, was gut für sie sei. "Manche verstehen etwa bis heute nicht, dass das Erlebte Gewalt war und dass es auch anders sein darf. Sie haben es noch nie anders kennengelernt", sagen die Bonnies. "Dabei das Beste für alle herauszuholen, ist schwierig." Was ihnen dabei hilft, ist ihre Therapie, die sie seit der Diagnose wöchentlich machen, auch dann, wenn niemand sprechen möchte. "Im schlimmsten Fall schweigen wir halt. Aber wir gehen hin", sagen die Bonnies und ergänzen: "Und Meike. Meike hilft uns sehr." Therapie bei DIS Die zentrale Behandlung bei DIS ist eine individuell geplante, längerfristige Psychotherapie. Ziele können mehr Sicherheit und Stabilität im Alltag, ein besserer Umgang mit dissoziativen Symptomen sowie eine stärkere Zusammenarbeit beziehungsweise Integration der Identitätszustände sein. Es gibt kein Medikament, das die DIS selbst gezielt behandelt. Medikamente können jedoch zur Behandlung zusätzlicher Beschwerden oder Begleiterkrankungen, etwa Depressionen, Angst- oder Schlafstörungen, eingesetzt werden. Wie eine Ehe mit DIS funktionieren kann Meike ist eine der wichtigsten Konstanten in ihrem Leben. Sie ist mit einer Persönlichkeit – mit 4-6 – in einer Liebesbeziehung und verheiratet, lebt aber mit allen Bonnies. Wenn ein Kind die Kontrolle über den Körper hat, wird mit Bauklötzen gespielt. Wenn Ami da ist, wird die Freundschaft gepflegt. Wenn Erwachsene da sind, wird der Alltag organisiert. Und wenn 4-6 da ist, leben sie ihr Eheleben. "Meike muss einfach mit switchen", sagen die Bonnies und lächeln. Für sie ist genau das bei zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig: dass nicht erwartet wird, dass immer dieselbe Person da sein muss, sondern dass die Persönlichkeit angenommen wird, die gerade vorne ist. Und trotzdem schwingt immer eine Angst mit: davor, dass 4-6 irgendwann aufhört, die Kontrolle über den Körper zu übernehmen. "Bis jetzt gab es keinen Tag, an dem sie nicht wenigstens einmal da ist", sagen die Bonnies. "Trotzdem könnte es passieren. Es ist unwahrscheinlich, aber man weiß es nicht." Platz für Hunderte Die Bonnies wünschen sich von der Gesellschaft keine Sensationslust. Keine vorschnellen Urteile. Sondern ehrliches Interesse. "Man muss nicht alles verstehen, um es akzeptieren zu können", sagen sie. Mit ihren Videos auf Social Media versuchen sie genau das zu vermitteln. Als das erste Video über ihre DIS viral ging, wurde ihnen klar, wie wenig viele Menschen über die Erkrankung wissen. Die meisten kennen sie nur aus Filmen. Dort ist sie oft spektakulär und negativ konnotiert. Im echten Leben ist sie oft leise. Leise wie der Moment, in dem jemand plötzlich merkt, dass Stunden vergangen sind seit der letzten Erinnerung. Oder leise wie die Angst einer Person, die nicht weiß, ob sie morgen überhaupt noch da sein wird. Empfehlungen der Redaktion "Die Statements vor den Kameras fühlen sich wie blanker Hohn an" Müde vom Sein: Erschöpfung als Normalzustand der Gesellschaft Gewöhnen wir uns an die Hitze? Psychologin ordnet ein Die Bonnies erzählen ihre Geschichte öffentlich, um mehr über DIS aufzuklären. Außerdem wünschen sie sich, dass "andere Betroffene merken: Du bist nicht allein." Das hätte ihnen nach ihrer Diagnose sehr geholfen. Es ist kein Versprechen, dass alles gut wird. Aber vielleicht eines, dass selbst neben den tiefsten Wunden noch Platz für ein Leben entstehen kann – oder für Hunderte.

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