Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr warnt vor globaler Staatsschuldenkrise
Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr sieht in den steigenden Renditen an den Anleihenmärkten ein Warnsignal. „Man muss sich um die Stabilität der globalen Anleihemärkte Sorgen machen“, sagte das Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Das Schuldenmachen sei nun überall deutlich teurer. „Aber nicht nur das: Die Gefahr einer größeren globalen Staatsschuldenkrise ist aktuell sehr hoch.“ Die Rendite der deutschen Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit ist in den vergangenen Tagen auf den höchsten Stand seit Mai 2011 gestiegen: Sie legte bis auf rund 3,27 Prozent zu. „Politisch führen steigende Zinskosten zu einem wachsenden Verteilungskonflikt, da Spielräume für andere Ausgabenposten schrumpfen“, sagte Analyst Julian Zimmermann von der europäischen Ratingagentur Scope. Dies könne perspektivisch die Aufstellung des Bundeshaushalts erschweren. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen „In Summe muss man sich mehrfach Sorgen machen“, sagte Felbermayr, der mit dem Sachverständigenrat die Bundesregierung berät. Erstens über zunehmende Instabilitäten auf den globalen Anleihemärkten, zweitens über steigende Kosten der Staatsverschuldung weltweit – aber auch in Deutschland. Drittens über höhere Fremdkapitalkosten in der gesamten Wirtschaft, die der Konjunktur schadeten. Als ein Auslöser des globalen Renditeanstiegs gilt die Sorge über eine Eskalation des Konflikts im Nahen Osten. Anleger befürchten, dass ein längerer Iran-Krieg die Energiepreise und damit die Inflation hochhalten könnte. Dies könnte etwa die Europäische Zentralbank (EZB) zu weiteren Zinserhöhungen zwingen, um die Teuerung zu bekämpfen. „Die USA sind besonders verwundbar“ Felbermayr verwies zudem auf die gemeinsame Intervention der amerikanischen und japanischen Notenbanken als Reaktion auf die schnelle Abwertung des Yen bei gleichzeitigem Anstieg der Renditen japanischer Staatsanleihen. Seit Anfang 2022 stiegen die langfristigen Zinsen in Japan, die jahrelang bei null lagen, sehr deutlich – mit einer Beschleunigung im ersten Halbjahr 2026. „Das Vertrauen, dass ein Land mit extrem hohen Staatsschulden mithilfe geeigneter Operationen der Notenbank die langfristigen Zinsen niedrig halten kann, ist weg“, sagte Felbermayr. „Der Grund ist im Kern, dass am Ende solche Maßnahmen doch immer inflationär wirken.“ Das treibe auch anderswo die Zinsen auf Staatsanleihen – und damit auch auf langfristiges Fremdkapital für Unternehmen und Immobilienkäufer nach oben. „Die USA sind besonders verwundbar, weil hier – anders als in Japan oder der Euro-Zone – nicht nur der Staat massiv und zunehmend verschuldet ist“, sagte der Österreicher. Auch der Unternehmenssektor – nicht zuletzt wegen der schuldenfinanzierten KI-Investitionen – und die privaten Haushalte stünden dort tief in der Kreide. Der gesamte Bruttoauslandsschuldenstand der USA mache mittlerweile etwa 200 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. „Es gibt keine Anzeichen auf Verbesserung dieser Situation, ganz im Gegenteil“, sagte Felbermayr. „Daher erwarten Marktteilnehmer höhere Inflation und eine Verschiebung der Zinskurve nach oben.“ Staatsschulden in der Eurozone steigen Das treibe auch die Zinsen in der Euro-Zone, wo die Staatsschulden ebenfalls im Durchschnitt hoch seien und weiter steigen würden. „Dazu kommt, dass die Aufgabe der deutschen Schuldenbremse den Stabilitätsanker der Euro-Zone deutlich gelockert hat“, sagte der Ökonom. „Die deutschen Zinsen auf Staatsverschuldung sind dadurch dauerhaft höher.“ Das habe auch die Zinsen in anderen Euro-Ländern hochgetrieben. Besonders im Fokus stand diese Woche Frankreich, wo die 30-jährige Staatsanleihe zeitweise so hoch rentierte wie seit 2008 nicht mehr. In den USA, dem wichtigsten Anleihemarkt der Welt, erreichten die Renditen 30-jähriger Papiere mit 5,321 Prozent den höchsten Stand seit 2007. Deutschland wird von allen großen Ratingagenturen mit der Top-Note AAA bewertet. Sie signalisiert Investoren eine äußerst geringe Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls, wenn sie dem deutschen Staat Geld leihen. Dadurch kommt Deutschland vergleichsweise günstig an frisches Geld. „Für das Rating betrachten wir steigende Zinskosten in Relation zum Gesamthaushaltsvolumen sowie im Kontext der Schuldentragfähigkeit und dem Schuldenprofil“, sagte Scope-Experte Zimmermann. „Hier schneidet Deutschland gut ab und profitiert nach wie vor vom Benchmark-Status in Europa.“