WM: Achterbahnfahrt im "Azteca": England wirft Mexiko in Unterzahl raus
Es war ein stürmisches Achtelfinale zwischen Mexiko und England und zwar nicht nur, weil vor dem Anpfiff ein Unwetter über das Aztekenstadion gezogen war. Die 80.824 Zuschauerinnen und Zuschauer in Mexiko-Stadt sahen eine Partie, die kaum Phasen bot, um durchzuschnaufen. Jude Bellingham (36. und 38.) und Harry Kane (60.) trafen für die Engländer, Julián Quinones (42.) und Raúl Jiménez (69.) für Mexiko.
Mit dem 3:2 (2:1) haben die "Three Lions" nicht nur Mexiko besiegt, die davor nie ein WM-Spiel in dem auf 2.240 Meter Höhe liegenden Stadion verloren hatten, sondern auch den eigenen Fluch in dieser ehrwürdigen Arena.
Kane krächzt: "Ich bin glücklich"
Thomas Tuchel ist damit der erste deutsche Trainer, der mit einem ausländischen Nationalteam in einem WM-Viertelfinale steht. "Ich bin sehr stolz darauf. Wir haben heute alles gebraucht und genau in dem Moment, in dem wir es gebraucht haben, haben wir zugeschlagen. Das ist hervorragend, das ist die Mentalität", sagte der Coach der englischen Nationalelf.
Kapitän Kane hatte nach dieser aufreibenden Partie kaum mehr eine Stimme, um zu sprechen. "Es war ein unglaubliches Spiel. Wir haben so gekämpft", krächzte er. "Es ist einer dieser Tage, wo einfach alles geklappt hat. Am Ende haben wir gewonnen und ich bin glücklich."
Unwetter über dem Aztekenstadion: Anpfiff verschoben
Das Spiel wurde wegen des Gewitters mit einstündiger Verspätung um 3 Uhr (19 Uhr Ortszeit) angepfiffen. Bereits zwei Tage vor dem Duell war eine Vorverlegung aufgrund eines möglichen Gewitters im Raum gestanden. Doch es gab Bedenken und viel Unmut, so dass der Plan letztlich verworfen wurde.
Als die Partie dann losging, brauchten beide Teams rund 15 Minuten, ehe sie so richtig loslegten. Mexikos Nummer neun Rául Jiménez hechtete in eine Flanke von der rechten Seite und köpfte den Ball aufs kurze Eck. Englands Torhüter Jordan Pickford parierte glänzend. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.
Bellinghams Doppelschlag für England
England strahlte zunächst keinerlei Gefahr aus, doch das änderte sich rasch. Bukayo Saka setzte sich auf der rechten Seite durch, seine zarte Flanke von der Grundlinie fand Bellingham, der aus kurzer Distanz am zweiten Pfosten nur noch seinen Kopf zum 1:0 hinhalten musste (36.).
Es war der erste heftige Dämpfer für die bis dahin mutigen Mexikaner. Und der zweite folgte unmittelbar danach. England knüpfte den Mexikanern im Spielaufbau den Ball ab, Kane legte auf Bellingham quer, der nur eine Minute und 38 Sekunden nach der Führung aus nahezu identischer Position seinen zweiten Treffer erzielte - dieses Mal mit dem rechten Fuß (38.).
Mexiko hat sofort eine Antwort
War Mexiko geschockt? Nein - "El Tri" hatte die passende Antwort parat. Quinones lauerte nach einem Freistoß im Strafraum und drosch den Ball volley aus rund sieben Metern unter die Latte (42.).
Und damit war die erste Hälfte noch längst nicht zu Ende. Gleich drei Mal schnupperte Mexiko in der Nachspielzeit am 2:2. Jiménez' strammer Linksschuss ging nur knapp rechts am englischen Tor vorbei. Seinen wuchtigen Kopfball fischte Pickford aus dem oberen linken Eck. Den fälligen Eckball klärte Bellingham in letzter Sekunde vor César Montes, der nur hätte einschieben müssen.
Rot für Quansah - England in Unterzahl
Diese erste Hälfte machte Lust auf mehr. Und es gab mehr. Diesmal waren es die Engländer, die die ersten Nadelstiche setzten. Außenverteidiger Nico O`Reilly traf aus der zweiten Reihe den rechten Pfosten (49.).
Doch dann schwächten sich die "Three Lions" selbst: Quansah räumte Jesús Gallardo ab. Dabei traf er zwar den Ball, rauschte aber auch mit gestreckter Sohle gegen das Schienbein des Mexikaners. Nach VAR-Prüfung sah der Verteidiger von Bayer 04 Leverkusen die Rote Karte (54.).
Kane verwandelt Elfmeter und verursacht Elfmeter
Waren diesmal die Engländer geschockt? Auch diese Frage muss mit einem klaren "Nein" beantwortet werden. Ein Abschlag von Pickford rutschte über Umwege zu Anthony Gordon durch, der im Strafraum von mexikanischen Torhüter Raul Rangel gefoult wurde. Ein klarer Strafstoß, den Kane mit seinem elften Ballkontakt in dieser Partie zum 3:1 verwandelte (60.). Es war sein sechster Treffer bei dieser WM.
Englands Kapitän blieb im Fokus des Geschehens. Kane, der bekannt dafür ist, auch im eigenen Strafraum auszuhelfen, trat eben dort negativ in Erscheinung. Bei einem Klärungsversuch traf er den eingewechselten Brian Gutiérrez. Nach VAR-Einsatz gab es auch hier Elfmeter. Jiménez traf ins linke Eck und brachte Mexiko wieder ran (69.). Sein drittes Tor im laufenden Turnier.
Mexiko rannte an und versuchte es immer wieder mit Flanken in den englischen Strafraum. England warf sich in Unterzahl in alles hinein, was kam. Pickford fing viele Flanken ab. Englands Coach Thomas Tuchel nahm sogar Kapitän Kane vom Platz, um seine aufopferungsvoll kämpfende Mannschaft defensiv zu stärken. Der englische Kraftakt wurde belohnt - die "Three Lions" brachten diese verrückte Achterbahnfahrt mit Leidenschaft und etwas Glück erfolgreich ins Ziel.
Kane trifft auf Haaland
Die Engländer haben ihren Fluch im "Azteca", wie sie das Stadion in Mexiko-Stadt respektvoll nennen, also tatsächlich gebrochen. Ihr letzter WM-Auftritt in der ehrwürdigen Arena war das legendäre Viertelfinale 1986, das sie aufgrund des unvergessenen Doppelpacks von Diego Maradona verloren hatten: "Die Hand Gottes" und Maradonas "Jahrhunderttor" besiegelten das 1:2.
40 Jahre danach verlassen die Engländer das Aztekenstadion als Sieger. Am Samstag (23 Uhr) geht es für die Mannschaft von Thomas Tuchel im Viertelfinale gegen die Norweger, die sich dank eines Doppelpacks von Erling Haaland gegen Brasilien durchgesetzt haben. Es wird also das Duell der Torjäger Haaland und Kane.
Für die Mexikaner ist die Weltmeisterschaft beendet.