WM-Aus: Experte sieht Persönlichkeiten von Musiala und Wirtz als Problem
Keine Verantwortungsübernahme beim DFB? "Da läuft etwas falsch" Von Nikolai Stübner 02.07.2026 - 09:38 UhrLesedauer: 4 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Auch zwei Tage nach dem WM-Aus gegen Paraguay im Sechzehntelfinale gibt es weitere Diskussionen um die deutsche Nationalmannschaft. Ein Experte findet nun eindeutige Worte zu einer Neuausrichtung. Die deutschen TV-Experten und Ex-Profis waren sich nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft im WM-Sechzehntelfinale einig: Das DFB-Team hat das Potenzial und Talent, das es eigentlich besitzt, nicht auf dem Platz in guten Leistungen abbilden können. Ähnlich, wie es bereits 2018 und 2022 bei den jeweiligen Weltmeisterschaften in Russland und Katar war und zum Vorrunden-Aus führte. Christopher Spall sieht im Gespräch mit t-online Parallelen zwischen dem "erneut frühen Ausscheiden" des DFB-Teams und einer "gesellschaftlichen Leistungskrise in Deutschland". Konkret führt er die Ergebnisse der PISA-Studie, das ausbleibende Wirtschaftswachstum und den Abschwung der Automobilindustrie auf. Spall ist Identitäts-, Kultur- und Positionierungsexperte, nennt sich selbst "Leistungsenthusiast" und befasst sich einerseits mit der öffentlichen Wirkung von Menschen und Firmen, aber eben auch damit, wie Rahmen für optimale Leistungen geschaffen werden. Diese Leistungskrise macht er an einem fehlenden Leistungshunger und fehlendem Willen, Verantwortung zu übernehmen, fest. "Das hat sich bei der deutschen Nationalmannschaft widergespiegelt." WM-Aus im Elfmeterschießen: Experte hinterfragt Entwicklung Spall führt das für t-online aus: "Der fehlende Leistungshunger wurde im Spiel gegen Ecuador (1:2 in der Gruppenphase, Anm. d. Red.) deutlich, die mangelnde Verantwortungsübernahme im Sechzehntelfinale gegen Paraguay." Gerade zum K.-o.-Aus im Elfmeterschießen wird er konkret: "Wenn Joshua Kimmich darum betteln muss, dass sich gestandene Spieler dazu entschließen, einen Elfmeter zu schießen, läuft etwas falsch." Vielmehr fordert Spall, dass erfahrene Nationalspieler Vorbilder sein sollten, gerade wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Mit dem Scheitern im Elfmeterschießen sieht er aber noch eine andere Frage verknüpft: "Wie schaffen wir es unter Druck, Leistung zu bringen?" Im Video | Wontorra spekuliert über Bundestrainer-Alternative Player wird geladen Jahrelang galten Strafstöße als Paradedisziplin der deutschen Nationalmannschaft. Gegen Paraguay setzte es die erste Niederlage überhaupt bei einem Elfmeterschießen bei einer WM. Im Spitzensport sei es jedoch eine entscheidende Fähigkeit, unter Druck Leistung zu erbringen. Um dazu imstande zu sein, müsse eine Voraussetzung erfüllt sein, wie Spall erklärt: "In meinen Augen muss die Lust aufs Gewinnen größer sein, als die Angst, etwas zu verlieren." Bei Julian Nagelsmann habe sich das während seiner Amtszeit als Bundestrainer sogar verändert. "Er hat diese Unverbrauchtheit und die Frische verloren, die bei seiner Amtsübernahme 2023 zu spüren war. Die Lockerheit ist weg." "Tugenden sind verloren gegangen": Michael Ballack rechnet mit DFB-Team ab Die Folgen des deutschen WM-Debakels: Er ist das Gesicht einer gescheiterten Generation Dass dieser Prozess offenbar eingesetzt hat, schreibt Spall aber nicht nur den handelnden Personen zu. "Ich sehe auch bei der Öffentlichkeit eine Teilschuld", stellt er fest und ergänzt: "Wir müssen aufpassen, dass wir Menschen in hohen Positionen nicht mit Erwartungen erdrücken, zu viel Druck aufbauen und Ihnen dadurch die Lust am Gewinnen nehmen." Eng damit verbunden sieht Spall allerdings auch die Persönlichkeit der Spieler: "Fußballerisches Talent haben all die Nationalspieler, aber am Ende sorgt die Persönlichkeit für Titel und Erfolge." Genau diese Aspekte werden laut Spall in der Spielerausbildung in Nachwuchsleistungszentren jedoch vernachlässigt. Loading... Embed Deshalb stellt der selbst ernannte Leistungsenthusiast auch fest: "Wir haben das Talent für den Weltmeistertitel, aber nicht die Haltung und die Persönlichkeit." Konkret nennt er Spieler wie Jamal Musiala, Florian Wirtz und Felix Nmecha. Sie seien "potenzielle Weltklassespieler, aber eben nicht real". Er betont eine "Diskrepanz aus den weltmeisterlichen Erwartungen und den fehlenden Persönlichkeiten". Neben der fehlenden Leistung in den Spielen gegen Ecuador und Paraguay stand Julian Nagelsmann mit seinen Interview-Auftritten rund um das WM-Aus im besonderen Fokus. Gerade im Gespräch mit ZDF-Reporterin Lili Engels antwortete er kurz angebunden, reagierte gereizt auf Rückfragen. WM 2026: Reagierte Nagelsmann zu gereizt? Spall sieht darin jedoch kein Problem. Nagelsmann habe "vielleicht etwas dünnhäutig reagiert", allerdings wolle er einen Menschen nicht nur aufgrund einer einzelnen Aktion bewerten. Denn er zeigt auch Verständnis für den Bundestrainer: "Eine WM-Niederlage ist der größte Misserfolg im Leistungssport; dass da nicht immer adäquat reagiert wird, halte ich für menschlich." Vielmehr gehe es aber darum, dass ein Mensch in diesem Amt grundsätzlich mit Druck umgehen und in der Öffentlichkeit entsprechend handeln könne. Diese Fähigkeit spricht er Nagelsmann nicht ab. Loading... Loading... Loading... Doch noch immer ist unklar, wie sich der DFB verhalten wird. Darf Nagelsmann trotz enttäuschendem WM-Abschneiden weitermachen? Oder verliert er seinen Job inklusive Vertrag bis 2028? DFB-Sportdirektor Rudi Völler hatte sich schon kurz nach Abpfiff zum Bundestrainer bekannt und klargemacht: "Ich bin nicht der DFB alleine. Jeder weiß, wie ich zu Julian stehe. Er ist immer noch ein absoluter Top-Trainer. Ich bin überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, weiterzumachen." Deutschland Paraguay 1 Tore 1 6 Schüsse aufs Tor 3 21 Schüsse gesamt 7 805 Gespielte Pässe 255 90,06 % Passquote 62,75 % 75,60 % Ballbesitz 24,40 % 44,53 % Zweikampfquote 55,47 % 18 Fouls / Handspiel 12 4 Abseits 1 16 Ecken 6 Die klare Botschaft dahinter: Ginge es nach Völler selbst, dürfte Nagelsmann bleiben. Der 66-Jährige weiß allerdings auch, dass er nicht alleine über die Position des Bundestrainers entscheiden darf. Deshalb ließ er sich die rhetorische Hintertür offen. Am Tag nach dem WM-Aus veröffentlichte der Deutsche Fußball-Bund ein Statement von Verbandspräsident Bernd Neuendorf. Der 64-Jährige erklärte, dass das WM-Abschneiden "nicht unseren Ansprüchen genügt". Er kündigte eine gemeinsame Analyse in den kommenden Tagen an, weshalb die Mannschaft nicht das Potenzial abrufen konnte, und sprach auch davon, "nicht einfach zur Tagesordnung übergehen" zu wollen. Spall bewertete diese Art der Kommunikation als "nachvollziehbar". Da es keine Neuigkeiten zu verkünden gebe, reiche eine solche Aussage völlig aus. Eine Pressekonferenz sei überflüssig. Gleichzeitig empfand Spall die Äußerung als "demütig, aber konstruktiv und dadurch auch gelungen". Es sei nun wichtig, weniger die Kommunikation in den Vordergrund zu stellen, als vielmehr darauf zu achten, dass die Persönlichkeiten im deutschen Fußball gefördert werden.