Wo ist der "Geist von Anchorage"?
Viele Beobachter in Europa waren damals entsetzt, als sie aus der Ferne zusehen mussten, was im fernen Alaska geschah, im hohen Norden der USA: Auf einem schier endlos langen roten Teppich schritt Russlands Präsident Wladimir Putin erkennbar stolz und glücklich auf US-Präsident Donald Trump zu, der ihm dabei applaudierte und ihn herzlichst auf amerikanischem Boden willkommen hieß. Wobei in Alaska ein wenig auch noch der Geist des alten Russlands weht, schließlich war Alaska mal eine Kolonie der Zaren. Niemand weiß genau, was die beiden dann besprochen haben. Anschließend gab es keinen gemeinsamen Text, keine klare Vereinbarung. Rückkehr zur Nachkriegsordnung? Aber der Eindruck einer Annäherung war da, die manche an den "Geist von Jalta" erinnerte. 1945 hatten der sowjetische Machthaber Josef Stalin und US-Präsident Franklin D. Roosevelt - zusammen mit dem britischen Premierminister Winston Churchill - in dem Ort auf der Krim die Nachkriegsordnung in Europa besprochen und Einflusszonen abgesteckt. Auch nach dem Gipfel von Anchorage sah es so aus, als könnten die USA und Russland erneut über Europa reden, ohne dass Europäer am Tisch sitzen. Alaska ist weit weg von Europa, und niemand aus Europa war eingeladen. Das war auch gemeint, wenn in den Monaten danach vor allem in Moskau vom "Geist von Anchorage" die Rede war. Putin versprach in Anchorage ganz im Geist des trumpschen "Dealmakings" wirtschaftlichen Austausch, beiderseitigen Gewinn - etwas, an dem auch Trump großes Interesse hat. Trump hatte Putin schon mehrfach als "strong leader" bezeichnet, als starken Führer. Und auch in Alaska wirkte der US-Präsident, als habe er für den daheim allmächtigen Putin mehr Sympathie als für Selenskyj, dem er beim Eklat im Weißen Haus herablassend vorgehalten hatte, er habe "nichts in der Hand". Vorerst kein weiteres Treffen geplant Aber dieser Eindruck war wie so oft bei Trump flüchtig, trotz aller Streitereien blieb er bislang an der Seite der Europäer, die die Ukraine unterstützen. Bald war nicht mehr viel zu spüren vom "Geist von Anchorage", wenn er denn je existierte. Trump jedenfalls lässt keine Absicht erkennen, sich erneut mit Putin zu treffen. Dabei hatte der ihn vor einem Jahr in Alaska zum Gegenbesuch nach Moskau eingeladen. Daraus wurde nichts. Lawrow kämpft um ein Phantom So klingt es fast trotzig, wenn in Moskau weiter vom "Geist von Anchorage" die Rede ist. Er lasse sich diesen Geist von den Europäern nicht kaputtreden, schimpfte Russlands Außenminister Sergej Lawrow im Februar - der "Geist von Anchorage" sei unzerstörbar: In Abu Dhabi im Januar 2026 gab es zuvor vorsichtig tastende Gespräche von Unterhändlern, an denen neben Russland und den USA auch die Ukraine beteiligt war. Das wurde in Moskau erneut als Ausdruck des "Geistes von Anchorage" bezeichnet. Heraus kam dabei aber nichts, abgesehen von einem Gefangenenaustausch. Ein anderer Geist wird entdeckt Der "Geist von Anchorage" ist wohl eher eine Haltung: Russland möchte mit den USA auf Augenhöhe sein, das macht Putin immer wieder deutlich, und das schien genau der Geist des Treffens in Alaska gewesen zu sein. Wenn es ihn je gab, hat er sich aber verflüchtigt, diese Einsicht setzt sich auch in Moskau durch. Putins Berater Jurij Uschakow, sucht inzwischen schon andere "Geister", und zwar in Peking, wo Putin im Mai sehr herzlich empfangen wurde. "Den 'Geist von Peking' gibt es wirklich", so Uschakow anlässlich des China-Besuchs. "Beim angeblichen 'Geist von Anchorage' bin ich mir da nicht so sicher, ich habe den Begriff auch nie gebraucht." Der Krieg kommt auch in Russland an Ein Jahr nach dem Gipfel in Alaska ist ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht in Sicht. Aber auch die Ukraine kann Erfolge melden. Nicht zuletzt eine Benzinknappheit in ganz Russland, weil gezielt Raffinerien angegriffen wurden, dazu zerstörte Lagerhäuser des russischen Online-Riesen Wildberries. Damit kommt der Krieg auch weit von der Front im Alltag der Menschen in Russland an. Aus der Rückschau bleibt wenig von dem spektakulären Auftritt in Alaska. Und Trump hat inzwischen seine Aufmerksamkeit auch auf andere Dinge gelenkt, zum Beispiel den Krieg gegen den Iran.