Woche: Länger arbeiten hilft der Branche nicht
Tue Gutes und rede nicht darüber. Nach diesem Motto verhalten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft in seltener Eintracht, wenn es um den Umgang mit Abweichungen vom Branchentarifvertrag geht. Arbeitgeberverband und betroffenes Unternehmen scheuen die Öffentlichkeit, weil die Abweichung ein Schlaglicht auf die Schwäche der Firma wirft. Das klandestine Verhalten der IG Metall hat auch gute Gründe: Das Unterlaufen des Flächentarifs verzerrt den Wettbewerb und provoziert Begehrlichkeiten in weiteren Firmen. Also besser schweigen. Abweichung heißt: Für einen bestimmten Zeitraum gewähren die Tarifparteien einzelnen Unternehmern geringere Arbeitskosten durch Kürzungen bei den Einkommen oder längere Arbeitszeit bei gleichem Gehalt. Betriebsräte und IG Metall machen das mit, da es als Gegenleistung Arbeitsplatzzusagen der Arbeitgeber gibt. In der gegenwärtigen Krise der Autoindustrie sind Abweichungen eher die Regel als die Ausnahme: Nach Angaben der IG Metall hat es allein im Autoland Baden-Württemberg im vergangenen Jahr 300 gegeben, das waren noch mal 50 mehr als 2024. Zum Arbeitgeberverband Südwestmetall gehören knapp 700 Unternehmen, sodass also ein Großteil mit Zustimmung der IG Metall vom Tarifvertrag abgerückt ist. In Bayern, wo allein BMW, Audi und MAN 136.000 Arbeitskräfte beschäftigen, gab es der Gewerkschaft zufolge sogar noch mehr Abweichungen als in Baden-Württemberg. „Ich empfinde das als Stärke des Tarifvertrags“, sagt der bayerische IG-Metall-Chef Horst Ott. „Wir schneiden die Tarifverträge zu, wenn es in den Betrieben einen Bedarf gibt.“ Längere Arbeitszeiten gehören in der Krise eher nicht dazu. „Mercedes haut die 40-Stunden-Woche raus, die haben aber nicht einmal Arbeit für 35 Stunden“, sagt Ott zu der kürzlich aufgestellten Forderung nach Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Da die Fabriken nicht annähernd ausgelastet seien, würden längere Arbeitszeiten Arbeitslosigkeit produzieren. Autoverbandspräsidentin Hildegard Müller fragt entsprechend vorsichtig, wenn sie sich zu Standortkosten äußert: „Kann man etwas mehr arbeiten, vielleicht zwei, drei Stunden die Woche?“ Länger arbeiten bei Stadler in Pankow Tatsächlich muss man suchen, um aktuelle Abweichungen mit längerer Arbeitszeit zu finden. Der Autozulieferer Aumovio, ehemals eine Sparte von Continental, darf in Ingolstadt und Villingen-Schwenningen die Arbeitszeit von 35 auf 38 Stunden erhöhen. Ohne Lohnausgleich. Nur so sei ein Stellenabbau zu verhindern gewesen, heißt es in der IG Metall, die im Übrigen ein steigendes Auftrags- und Arbeitsaufkommen in beiden Werken erwartet. Beim Zughersteller Stadler in Berlin-Pankow ließ sich die IG Metall auf eine befristete Erhöhung von 38 auf 40 Stunden ein, um Arbeitsplätze zu sichern. Dafür sinkt dann Anfang der 2030er Jahre die Arbeitszeit auf 35 Stunden. Stadler zeigt beispielhaft das Risiko für die Gewerkschaft: Der französische Wettbewerber Alstom, der vor ein paar Jahren die deutschen Bombardier-Werke übernommen hat, möchte nun ebenfalls die Arbeitszeit erhöhen und auf das Niveau von Stadler kommen. Im Herbst wird darüber verhandelt. Kürzungen bei Sonderzahlungen Wichtiger als Veränderungen der Arbeitszeit sind für die Firmen in der Krise unmittelbar wirksame Einsparungen. Dabei wird überwiegend nicht das Monatseinkommen der Mitarbeitenden angetastet, jährliche Sonder- oder Einmalzahlungen sind das Mittel der Wahl. In der Autoindustrie gibt es neben dem Urlaubs- und Weihnachtsgeld noch tarifliches Zusatzgeld (T-Zug), das unter Umständen in freie Tage getauscht werden kann, und Transformationsgeld (Trafobaustein), das auch zur Finanzierung von Arbeitszeitverkürzungen genutzt werden kann. Anfang Juli verständigten sich der Autozulieferer Mahle und die Arbeitnehmervertreter auf die Senkung von Einmalzahlungen sowie eine Verschiebung der Entgelterhöhung für die Stuttgarter Standorte. Im Gegenzug erhält die Belegschaft Kündigungsschutz bis Ende 2029. „Die Einigung ist elementar, um Mahle an die verschärften Marktbedingungen anzupassen“, kommentierte Konzernchef Arnd Franz. Die Mitarbeiterbeiträge „stärken die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens“. Mahle verlagert von Bayern in die Slowakei In Bayern nahmen die Verhandlungen einen anderen Verlauf. Einen „Zukunftsprozess“ mit Gewerkschaft und Betriebsrat für den Mahle-Standort in Neustadt an der Donau brach das Unternehmen ab. Das Werk mit 400 Mitarbeitenden wird geschlossen und die Fertigung der Auto-Klimaanlagen übernimmt ein Mahle-Standort in der Slowakei. Im Rahmen des Zukunftsprozesses sei deutlich geworden, dass in Neustadt profitabler gearbeitet werde als in der Slowakei, wo sich in den vergangenen Jahren die Verluste auf einen dreistelligen Millionenbetrag summiert hätten, sagt IG-Metall-Bezirksleiter Ott. Die Entscheidung gegen Neustadt sei also „nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politisch-ideologischen Gründen“ gefallen. Zwei Drittel der Betriebe wollten Teile der Produktion verlagern, ergab eine Umfrage bei Autobetriebsräten in Bayern. Für Ott ist das „ein Armutszeugnis für die Unternehmer“, die nicht an ihre eigenen Leute glaubten. Statt in Innovationen zu investieren und die Produktivität hierzulande zu erhöhen, kassierten die Firmen im Ausland Fördergelder für verlagerte Wertschöpfung. Tarifverhandlungen im Herbst Der Bayer Ott war maßgeblich beteiligt am Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie mit 3,8 Millionen Beschäftigten im Herbst 2024. Jetzt steht die nächste Runde an: Im September beschließt die IG Metall ihre Forderung, im Oktober beginnen die Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Zumindest ein Teil der jüngsten Wortbeiträge über Arbeitskosten und Arbeitszeiten adressiert die bevorstehende Tarifauseinandersetzung. Theaterdonner, bevor sich im Herbst in Baden-Württemberg der Vorhang hebt. Die dortige IG Metall und der Arbeitgeberverband Südwestmetall werden voraussichtlich einen Pilot-Vertrag für die ganze Branche aushandeln. Mercedes räumt auf Anfrage ein, Gespräche mit dem Gesamtbetriebsrat über die 40-Stunden-Woche würden jetzt geführt, um mögliche Ergebnisse in die Tarifrunde einzubringen. Es wird also keine Abweichung für Mercedes oder einzelne Mercedes-Standorte angestrebt, sondern eine Absenkung des Tarifniveaus für die Branche insgesamt. IG Metall befürchtet Angriff auf die 35-Stunden-Woche Die Krise, nach Einschätzung von Südwestmetall-Chef Peter Krause die schwierigste seit Gründung der Bundesrepublik, wolle der Arbeitgeberdachverband Gesamtmetall nutzen, um die 35-Stunden-Woche anzugreifen. An einer gemeinsamen Anstrengung für den Standort insgesamt habe Gesamtmetall kein Interesse, heißt es in der IG Metall. „Die sehen sich auf der Gewinnerseite“, sagt ein Gewerkschafter, „und möchten uns jetzt den größten Erfolg der vergangenen 40 Jahre wegnehmen.“ 1984 streikten Metaller sieben Wochen für die 35-Stunden-Woche, die dann schrittweise bis Mitte der 1990er Jahre im Westen eingeführt wurde. Im Osten liegt die tarifliche Arbeitszeit zumeist noch bei 38 Stunden; die IG Metall hatte 2003 einen Arbeitskampf um die Arbeitszeit verloren. Anstelle immer mehr einzelbetrieblicher Abweichungen würde die IG Metall mit den Arbeitgebern lieber ein neues Bündnis für den Standort insgesamt bilden. „Im Großen bekommen wir keinen Turnaround hin, um diesen Industriestandort wieder wettbewerbsfähig zu machen“, klagt Barbara Resch, die als Bezirksleiterin der Gewerkschaft in Stuttgart mit Krause die Tarifverhandlungen führen wird. „Ich verstehe nicht, warum Arbeitgeber und Gewerkschaften nicht stärker zusammenarbeiten.“ Es gehe um politischen Schutz vor chinesischen Dumpingfahrzeugen und „die großen Themen Produktivität, Massenfertigung und Innovation“. Längere Arbeitszeiten schließt die IG Metall nicht aus, diskutiert wird etwa über zwei Stunden mehr – die dann aber vorzugsweise für Qualifizierung in der Transformation genutzt werden sollten. Aufgrund der stagnierenden Produktivität sind größere Einkommenssteigerungen in der Autoindustrie nicht möglich. Anders ist die Situation etwa bei Siemens oder Rheinmetall, die glänzend verdienen, hohe Dividenden ausschütten und ihren Belegschaften höhere Löhne zahlen können. Diese Bandbreite in der Branche müssen die Tarifparteien mit dem Tarifvertrag abdecken. Und dabei das „Dogma 35-Stunden-Woche“, wie es ein Gewerkschafter bezeichnet, möglicherweise überwinden. Fakt ist schon jetzt: Die tatsächliche Arbeitszeit in der Industrie liegt näher bei 38 als bei 35 Stunden.