Wolkenlos: Bose kastriert teure Lautsprecher
Inhaltsverzeichnis close notice This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication. . Wer ein smartes Gerät gekauft hat, darf erwarten, dass der Hersteller dessen Fähigkeiten nicht nachträglich einschränkt. In Zeiten, wo immer mehr Funktionen in herstellereigene Clouds ausgelagert werden, leider ein frommer Wunsch. Empfohlener redaktioneller Inhalt Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externer Podcast (Podigee GmbH) geladen. Werner K. hat vor etwa zehn Jahren drei smarte Lautsprecher vom Typ SoundTouch 20 des Markenherstellers Bose angeschafft. Die edlen Teile kosteten damals etwa 400 Euro pro Stück. Inflationsbereinigt entspräche das heute einem Preis von etwas über 500 Euro. Einen der Lautsprecher stellte Werner K. bei seiner Mutter auf, die inzwischen ihr 88. Lebensjahr erreicht hat. Die alte Dame schätzt besonders die sechs sogenannten Preset-Tasten an dem Lautsprecher, die ihr erlaubten, mit einem einfachen Knopfdruck ihre eingespeicherten Lieblingsradiosender zu streamen. Anfang Oktober 2025 informierte Bose erstmals in einer E-Mail darüber, dass es den zugrundeliegenden Clouddienst zum 18. Februar 2026 abschalten werde, sodass die App und viele Features der betroffenen Geräte künftig nicht mehr funktionieren würden. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Da es darauf massive Proteste vonseiten betroffener Kunden wie Werner K. hagelte, ruderte Bose Anfang des Jahres zurück. Aber nur ein Stückchen: Das Datum der Abschaltung wurde von Mitte Februar auf Anfang Mai verschoben. Zudem veröffentlichte der Hersteller eine 31-seitige SoundTouch-Web-API-Spezifikation unter einer kostenfreien Lizenz und eröffnete somit Fremdanbietern die Möglichkeit, anstelle der Clouddienste eigene Lösungen für die smarten Funktionen der SoundTouch-Geräte zu entwickeln. Darüber hinaus sollten betroffene Kunden einen Rabattcode erhalten, wenn sie ihre alten Geräte an Bose schicken und sich dafür beim Hersteller ein neues kaufen. Countdown Weniger als 24 Stunden vor dem neuen Abschalttermin erhielt Werner K. eine Erinnerungsmail von Bose. Demnach sollten das Einrichten und Konfigurieren der betroffenen Geräte weiterhin funktionieren, ebenso die Fernbedienung für Play, Pause, Skip und Lautstärke. Auch mehrere Lautsprecher zu einer Gruppe zusammenzufassen und Musik direkt über Lieblingsmusikdienste zu streamen, sollte nach der Abschaltung der Cloud wie bisher funktionieren. Allerdings würden die bisher über Tasten am Gerät und in der App aufzurufenden Presets nicht mehr funktionieren. Und mit der App würden sich künftig Musikdienste nicht mehr direkt durchsuchen oder abspielen lassen und die Stereo-Kopplung für SoundTouch 10 nicht mehr möglich sein. Dazu enthielt die E-Mail noch den Hinweis, dass es keine Sicherheits- und Softwareupdates mehr geben werde. Als Alternative empfahl Bose, Musikdienste wie TuneIn oder Pandora per AirPlay, Bluetooth, AUX oder Spotify Connect zu nutzen. Am folgenden Tag erschien bei Aufruf eines Presets per Tastendruck nur noch „Dienst nicht verfügbar“ auf dem Display des Lautsprechers. Der gelernte Informatiker setzte sich nun mit dem von Bose veröffentlichten API auseinander und fand dort den Hinweis, dass die Presets Kernbestandteil des SoundTouch-Ökosystems seien. Das ließ hoffen. Doch im API waren nur Funktionen zum Lesen der Preset-Einstellungen implementiert. Funktionen zum Setzen solcher Konfigurationen fand Werner K. indessen nicht vor. Da er über das API nicht weiterkam, wandte er sich per E-Mail an den Bose-Support. Darauf erhielt er nur eine automatische Antwort, wonach E-Mails keine geeignete Kommunikationsform seien. Er möge sich an den telefonischen Support wenden. Bitte warten! Also rief Werner K. an und landete um 9:39 Uhr in einer Warteschleife. Nach etwa zehn Minuten meldete sich eine englischsprachige Mitarbeiterin, die er kaum verstehen konnte. Sie verwies ihn in die nächste Warteschlange. Weitere zehn Minuten später versuchte eine deutschsprachige Mitarbeiterin dem Kunden das neue Verhalten der Geräte zu erklären. Werner K. wollte sich nicht damit abfinden und wurde erneut in die Warteschleife gesetzt. Um 11:30 Uhr, fast zwei Stunden nach Gesprächsbeginn, meldete sich eine dritte Mitarbeiterin. Sie war nach Schilderung von Werner K. erkennbar bemüht, blieb aber bei denselben Argumenten: Die Zeiten hätten sich geändert. Radio werde nicht mehr unterstützt. Man könne die Sender doch einfach über das Handy anwählen. Auf das Argument von Werner K., dass Internetradio-Streaming keineswegs veraltet sei und er genau das jahrelang genutzt habe, ging die Mitarbeiterin nicht ein. Sie bot ihm lediglich als „Bonus“ einen Bose Smart Speaker für 137,50 Euro an – 50 Prozent Rabatt auf 275 Euro Listenpreis. Letztlich also nur ein Bluetooth-Lautsprecher als Ersatz für ein Gerät, das Bose selbst zur Bluetooth-Box gemacht hatte. Werner K. lehnte ab. Die Mitarbeiterin versprach, das Marketing zu kontaktieren; man werde sich melden. Das Gespräch endete nach über zweieinhalb Stunden um kurz nach 12 Uhr. Die versprochene Rückmeldung vom Marketing blieb jedoch aus. Am 8. Mai 2026 schickte der Bose-Kundenservice per E-Mail lediglich eine Zusammenfassung des Gesprächs – inklusive Wiederholung des Rabattangebots. Darin bedauert Bose, dass die Situation „sehr traurig und enttäuschend“ sei. Weiter hieß es, das Backoffice-Team werde ihn „weiterhin unterstützen“ und er werde „auf diese E-Mail eine weitere Rückmeldung zur zusätzlichen Unterstützung erhalten“. Die weitere Rückmeldung blieb jedoch aus. Deshalb wandte sich Werner K. am 11. Mai an c’t und machte uns auf den Vorgang aufmerksam. Wir fragten am 13. Mai bei Bose an und wollten wissen, warum ausgerechnet die Preset-Funktion vollständig deaktiviert wurde, obwohl andere lokale Funktionen der Geräte weiterhin verfügbar sind. Außerdem fragten wir, warum keine Möglichkeit geschaffen wurde, Presets lokal auf den Geräten oder per App weiter zu nutzen und weshalb die Preset-Funktion über das veröffentlichte SoundTouch-Web-API nicht rekonstruierbar oder steuerbar ist. Zu guter Letzt interessierte uns, wie Bose die Situation von Kunden bewertet, die die Geräte ausdrücklich wegen der einfachen Preset-Bedienung gekauft hatten. Servide im Visier Immer wieder bekommen wir E-Mails, in denen sich Leser über schlechten Service, ungerechte Garantiebedingungen und überzogene Reparaturpreise beklagen. Ein gewisser Teil dieser Beschwerden ist offenbar unberechtigt, weil die Kunden etwas überzogene Vorstellungen haben. Vieles entpuppt sich bei genauerer Analyse auch als alltägliches Verhalten von allzu scharf kalkulierenden Firmen in der IT-Branche. Manchmal erreichen uns aber auch Schilderungen von geradezu haarsträubenden Fällen, die deutlich machen, wie einige Firmen mit ihren Kunden umspringen. In unserer Rubrik „Vorsicht, Kunde!“ berichten wir über solche Entgleisungen, Ungerechtigkeiten und dubiose Geschäftspraktiken. Damit erfahren Sie als Kunde schon vor dem Kauf, was Sie bei dem jeweiligen Unternehmen erwarten oder manchmal sogar befürchten müssen. Und womöglich veranlassen unsere Berichte ja auch den einen oder anderen Anbieter, sich zukünftig etwas kundenfreundlicher und kulanter zu verhalten. In unserem zweiwöchentlichen Podcast auf vorsicht-kunde.podigee.io besprechen wir die Fälle mit einem Rechtsexperten. Falls Sie uns eine solche böse Erfahrung mitteilen wollen, senden Sie bitte eine chronologisch sortierte knappe Beschreibung Ihrer Erfahrungen an: vorsichtkunde@ct.de. Am 19. Mai kam eine längere Antwort von einer Unternehmenssprecherin. Die Presets basierten „auf Integrationen von Drittanbietern, die von der ursprünglichen SoundTouch-Cloud-Infrastruktur abhängen, die vor mehr als zehn Jahren aufgebaut wurde.“ Da sich diese Dienste, Plattformen und Sicherheitsanforderungen weiterentwickelt hätten, könnten bestimmte cloudbasierte Funktionen langfristig nicht mehr zuverlässig oder sicher aufrechterhalten werden. Deshalb habe man die Entscheidung getroffen, den Cloudsupport zu beenden. Kernfunktion entkernt Auf Nachfrage, warum ausgerechnet die Preset-Funktion, die Bose selbst in seiner Dokumentation als „Kernfunktion“ beschreibt, nicht lokal zur Verfügung stehe, und auch vom API nicht unterstützt werde, antwortete die Sprecherin, das API sei auf lokale Lautsprechersteuerungsfunktionen wie Wiedergabe, Lautstärke und Gruppierung beschränkt. Sie ersetze nicht die SoundTouch-Cloudinfrastruktur und unterstütze daher frühere cloudbasierte Funktionen wie Presets nicht direkt. Das Problem von Werner K. bleibt also ungelöst und rechtlich ist da wohl kaum etwas zu machen. Zwar dürfen Hersteller und Verkäufer solche wesentlichen Funktionen nicht einfach nachträglich abschalten. Aber die Ansprüche aus dem Kaufvertrag verjähren schon zwei Jahre nach Verkauf. Allerdings gibt es ein Recht darauf, eine gewisse Zeit lang mit Updates versorgt zu werden, aber auch das gilt nicht ewig. Und durchsetzen wird das im Zweifel auch kein Verbraucher. Denn für 1200 Euro kann man nicht wirtschaftlich einen Prozess bis zum BGH und EuGH führen, um Grundsatzentscheidungen zu erwirken. Hier müsste der europäische Gesetzgeber strengere Regeln aufstellen und die Hersteller auch nach vielen Jahren noch verpflichten, im Zweifel einen Schadensersatz zu leisten, wenn sie willkürlich Dienste einstellen, mit deren Funktionalität sie einst ihre Produkte beworben haben.