Woltemade vor Debüt in Serie A: "Big Nick" kämpft gegen die Verzwergung
Die Rivalität währt schon mehr als 120 Jahre. Wenn Juventus Turin und der AC Mailand aufeinandertreffen, ging es oft um mehr als Fußball. Früher steckte hinter dem Klassiker der Serie A auch die Konkurrenz zweier bedeutender Städte Norditaliens. Turin war stark von Fiat und der Agnelli-Familie geprägt, Milan von Industrie, Banken, Medien und später auch Silvio Berlusconis Wirtschaftsimperium.
So aufgeladen wie einst ist das Duell zwischen Juve und Milan am dritten Spieltag (Sonntag 20.45 Uhr) nicht mehr. Beide Teams sind mit zwei Siegen in die junge Saison gestartet, doch ob sie Meister und Pokalsieger Inter wirklich auf Strecke die Stirn bieten, wird eher bezweifelt.
Als Fünfter und Sechster der abgelaufenen Saison müssen sich die zwei Traditionsvereine in der Europa League abmühen, in der DNA dieser Klubs liegt eher die Champions League.
Nick Woltemade kam – statt Alexander Sörloth
Gerade die "Alte Dame" aus Turin steckt mitten in einer Selbstfindungsphase, sonst hätte Juve am Deadline Day nicht so hektisch nach Verstärkung für den Sturm gefahndet. Denn Randal Kolo Muani, aus seiner überragenden Saison 2022/23 bei Eintracht Frankfurt in der Bundesliga gut bekannt, wirkt oft nur noch wie ein Schatten früherer Tage.
Der Franzose wurde trotzdem für 38 Millionen Euro fest von Paris St. Germain verpflichtet, das vor drei Jahren noch stolze 95 Millionen Euro an die Hessen überwiesen hatte.
Eigentlich wollte Juve zunächst Alexander Sörloth von Atletico Madrid holen, doch den mannschaftdienlichen Norweger, der sich bei der WM an der Seite von Erling Haaland Fleißkärtchen verdiente, ließ Atletico-Urgestein Diego Simeone nicht ziehen.
Und so führte die Spur eben zu einem anderen groß gewachsenen Angreifer: Nick Woltemade, bei Newcastle United nach nur einem Jahr schon wieder entbehrlich geworden. "Big Nick", 2025 für stolze 90 Millionen Euro vom VfB Stuttgart losgeeist, hatte sich im Laufe einer durchwachsenen Saison immer mehr verzwergt - und am Ende kaum mehr für den Premier-League-Klub gespielt.
Der 24-Jährige will sich für Jürgen Klopp empfehlen
Der 1,98-Meter-Mann ist auf Leihbasis nun in Italien untergekommen. Mit ernster Miene präsentierte der 24-Jährige das Trikot seines neuen Arbeitgebers. Die Farben sind die gleichen wie bei Newcastle United geblieben: Schwarz-weiß-gestreift, so wie zuletzt vieles war beim deutschen WM-Teilnehmer, der auch deshalb den Reset-Knopf sucht, weil er natürlich beim Neuaufbau der Nationalmannschaft unter Jürgen Klopp mithelfen möchte.
Zumindest würde Woltemade gerne zu den Hoffnungsträgern gehören, deren Name der neue Bundestrainer am 17. September auf dem DFB-Campus bei seiner ersten Nominierung präsentiert. Dafür muss Woltemade in Italien spielen. Und am besten mehr und besser als zuletzt in England.
Kenan Yildiz fällt mit Mittelfußbruch aus
Er könne es kaum erwarten, loszulegen, sagt Woltemade auf einem Vorstellungsvideo auf der Juve-Website. Er sei glücklich, in Turin zu sein, und wolle dem Team zum Sieg verhelfen, mit Toren, Vorlagen und letzten Pässen für seine Mitspieler. Die Offensive von Trainer Luciano Spalletti benötigt dringend frische Impulse. Neuzugang Jeff Ekhator ist verletzt, der Ex-Leipziger Lois Openda wurde zu Olympique Lyon verliehen.
Eigentlich bevorzug Spalletti einen Dreier-Angriff mit den spielstarken Außen Francisco Conceicao und Kenan Yildiz, doch der türkische Nationalspieler fällt nach einem Mittelfußbruch, der kürzlich in Augsburg operiert wurde, noch bis Ende November aus.
Beim jüngsten Heimspiel gegen Parma Calcio (2:0) bildeten Kolo Muani und der mittlerweile zu Atletico Madrid verliehene Kanadier Jonathan David den Doppelsturm, zum Matchwinner avancierte der eingewechselte Argentinier Nicolas Gonzalez.
2026 nur zwei Pflichtspieltore
Der Kader bietet so viel Offensivqualität, dass ein Stammplatz für den gebürtigen Bremer nicht selbstverständlich ist. Und der klassische Knipser, der in vorderster Linie agiert, ist der Shootingstar der vergangenen U21-Europameisterschaft eben nicht. Hinzu kommt: Die dornigen italienischen Defensivreihen, die wenig Räume anbieten und selten Kompromisse in Zweikämpfen machen, haben schon ganz anderen Angreifern das Leben schwer gemacht.
Erschwerend kommt hinzu, dass der zwölffache Nationalspieler Woltemade im Kalenderjahr 2026 nur zweimal traf: einmal im Februar im FA Cup, dann im Mai in der Premier League. Wie sehr das Selbstbewusstsein bei "Woltemessi" gelitten hat, veranschaulichte der kläglich verschossene Elfmeter im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Dass er danach dieses Turnier in einem Sponsorengespräch mit Thomas Müller als "geiles learning" bezeichnete, war höchst unglücklich.
Nick Woltemade, so ist zu hören, wollte ursprünglich unter dem deutschen Trainer Matthias Jaissle in Newcastle einen neuen Anlauf nehmen, ließ sich letztlich aber umstimmen. Es gilt jetzt jene Kritiker zu widerlegen, die es viel besser gefunden hätte, wenn er seine Karriere noch weiter beim VfB Stuttgart vorangetrieben hätte.