Yang Zhilin: Chinas KI-Star fordert OpenAI heraus
„Mein Unternehmen ist an die Börse gegangen, ich zähle fleißig Geldscheine, habe mir einen Lamborghini gekauft, ein schickes Auto voll Schönheit, rase in die Ferne.“ Dieser Liedtext, übersetzt aus dem Chinesischen, stammt aus der Feder eines chinesischen Studenten der Künstlichen Intelligenz (KI) namens Yang Zhilin. Es ist melodische, etwas verträumte Rockmusik. Passend dazu trägt das Lied den Titel „Tagtraum“ und scheint eine Reminiszenz an Pink Floyd und ihr Album „The Dark Side of the Moon“ zu sein. „Neues Auto, Kaviar, vier Sterne, Tagtraum“, singen Pink Floyd in „Money“. Veröffentlicht wurde „Tagtraum“ im Jahr 2015. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Elf Jahre später steht ein weißes Klavier im Eingangsbereich des Start-ups, über das in diesen Tagen die ganze Welt redet. Die Büroräume, die die F.A.S. als eine der ersten westlichen Medien in dieser Woche besucht hat, sind in der dreizehnten Etage eines unscheinbaren grauen Bürogebäudes im Pekinger Universitätsviertel Haidian. Im Erdgeschoss ein McDonald’s, ein Starbucks, ein Luckin Coffee, der größte chinesische Konkurrent von Starbucks. Kein großes Schild, dass hier eines der besten KI-Teams der Welt zu Hause ist. Nicht einmal eine Sicherheitsschleuse vor den Fahrstühlen. Moonshot-Modell Kimi K3 ist auf Augenhöhe mit ChatGPT Auf dem weißen Klavier stehen ein Notenheft mit 50 Meisterwerken der klassischen Musik und eine Schallplatte von „The Dark Side of the Moon“. Sie steht dort, weil der rockmusikbegeisterte KI-Student von einst sein Start-up so genannt hat. Auf Chinesisch heißt es: Yuè zhī ànmiàn. Im März 2023 war das, genau 50 Jahre nach der Veröffentlichung des Albums. Über dem Klavier steht der leicht abgewandelte englische Name des Unternehmens, das das Silicon Valley gerade in seinem Selbstverständnis erschüttert hat: Moonshot, ein Ausdruck, der im Englischen extrem ehrgeizige Projekte bezeichnet, wie eben zum Beispiel die Mondlandung. Seit Mitte Juli stürmt Yang Zhilin nicht die globalen Musikcharts, sondern die Ranglisten der besten KI-Modelle der Welt. Kimi K3, das neueste Modell von Moonshot, liegt auf Artificial Analysis oder Arena AI, den gängigen Ranglisten für KI-Modelle, nur knapp hinter Fable 5, dem neuesten Modell von Anthropic, und auf Augenhöhe mit GPT-5.6 Sol, dem aktuellen Flaggschiffmodell von Open AI. Das kostet je Auftrag aber rund die Hälfte mehr als Kimi K3, Fable 5 ist sogar viermal so teuer. Rückkehr nach China statt Karriere im Silicon Valley Yangs Modell ist so gut, dass es eine Debatte über ein Verbot chinesischer KI-Modelle in den USA auslöste und sogar die US-Regierung auf den Plan rief. Sie warf Moonshot vor, in industriellem Ausmaß amerikanische KI-Modelle destilliert zu haben. Damit ist gemeint, eigene Modelle durch unzählige Anfragen an KI-Modelle anderer Unternehmen zu trainieren. Anfang der Woche berichtete die F.A.Z. dann, dass Moonshot an einer gezielten globalen Expansion arbeitet und den deutschen Markt ins Visier nimmt. Yang stellt mit seinem Modell nicht zuletzt infrage, ob sich die Milliardeninvestitionen des Silicon Valley in Künstliche Intelligenz je lohnen werden. Und er rüttelte an den astronomisch hohen Bewertungen von Open AI und Anthropic. Wer also ist dieser Yang Zhilin, der seine KI-Modelle nach sich selbst benennt, nämlich nach seinem selbst gewählten englischen Vornamen Kimi? Wer sich versucht, ihm zu nähern, stößt auf einen hochbegabten, nachdenklich wirkenden und vielseitig interessierten Programmierer, der perfekt Englisch spricht, in den USA studiert hat und sich dann trotz eines Angebots aus dem Silicon Valley für eine Rückkehr nach China entschieden hat. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Aber von vorn. Yang kommt 1992 in der Millionenstadt Shantou in Guangdong, direkt an der Grenze zu Fujian, zur Welt. Die Region ist für ihre Unternehmer und ihre große, weltweite Diaspora bekannt. Ma Huateng, der Gründer des Digitalkonzerns Tencent und einer der reichsten Chinesen, kommt aus Shantou. Ebenso die Milliardärin Grace Wang, Gründerin des Apple-Zulieferers Luxshare. Yang begeistert sich schon als Kind für Musik und Literatur, so führt es Moonshot selbst aus. Erst später entwickelt er eine Leidenschaft fürs Programmieren, gewinnt kurz darauf eine Olympiade in Informatik in seiner Heimatprovinz Guangdong. Das verschafft ihm einen Studienplatz an der Eliteuni Tsinghua, wo er nicht nur Computerwissenschaft studiert, sondern auch eine Campus-Band gründet, deren Schlagzeuger und Songwriter er wird. Der Name der Band schlägt die Brücke zwischen Informatik und Musik: Splay, eine Datensuchmethode. Der Gitarrist der Band, Zhou Xinyu, wird später sein Mitgründer. Seine akademische Karriere ist die eines Überfliegers. Nach dem Bachelorstudium, das er als Jahrgangsbester abschließt, geht Yang in die USA, promoviert in nur vier statt wie üblich sechs Jahren an der Carnegie Mellon University. Seine Doktorväter sind Ruslan Salakhutdinov, früherer KI-Direktor bei Apple, der später noch Vizepräsident für KI-Forschung des Facebook-Konzerns Meta werden soll, und William Cohen, lange Jahre KI-Forschungschef bei Google. Yang veröffentlicht in dieser Zeit zwei der einflussreichsten KI-Forschungspapiere überhaupt, die viele Tausend Mal zitiert werden und die akademischen Grundlagen des folgenden KI-Booms legen. Zu seinen Ko-Autoren zählen KI-Koryphäen wie der französische Wissenschaftler Yann LeCun, seine beiden Doktorväter, aber auch Jie Tang, Professor an der Tsinghua-Universität. Der gründet später in Peking das KI-Unternehmen Zhipu AI, das das erste börsennotierte Unternehmen der Welt wird, das auf die Entwicklung von KI-Modellen spezialisiert ist. Yang macht Praktika bei Meta und Google Die Zeit in den USA ist das, was Yang von anderen erfolgreichen chinesischen KI-Gründern wie Liang Wenfeng von Deepseek oder Jie Tang von Zhipu AI unterscheidet. Die waren zwar ebenfalls wissenschaftlich erfolgreich, haben aber kaum Zeit im Ausland verbracht. Es ist eine Erklärung dafür, warum Moonshot so früh eine globale Expansion in Angriff nimmt. Und warum es gegenüber ausländischen Journalisten weniger Berührungsängste hat als die Konkurrenz. Yang macht Praktika bei Meta und Google. Beide machen ihm nach dem Studium Angebote. Yang entscheidet sich gegen die Karriere als Angestellter im Silicon Valley. Er gründet lieber selbst ein Unternehmen. Und er setzt dabei nicht auf die KI-Szene in den USA, die zu dieser Zeit mit Abstand weltweit führend ist, sondern er geht zurück nach Peking. Das graue Bürogebäude, in dem auf dem dreizehnten Stockwerk ein weißes Klavier steht, ist zwei Kilometer entfernt vom Campus seiner Alma Mater, der Tsinghua-Universität. Innen wirkt Moonshot wie ein typisches internationales Start-up. 300 Mitarbeiter hat das Unternehmen, Open AI und Anthropic haben mehr als zehnmal so viele. Die Großraumbüros, in denen viele Dutzend Mitarbeiter nebeneinandersitzen, könnten genauso gut auch in Stuttgart, München, London oder San Francisco stehen. Musik prägt eine Unternehmenskultur, die Moonshot abheb Die Atmosphäre erinnert an Uni-Zeiten. Viele der Schreibtische sind etwas chaotisch, es stehen Trinkflaschen, Kaffeebecher und einige Plastikschalen mit auswärts bestelltem Essen herum. Im Eingangsbereich steht ein Tischkicker. Ein Weihnachtsbaum aus gestapelten blauen und weißen Kissen lädt zu einer Kissenschlacht ein. Anstelle eines Sterns thront auf dem Baum ein Würfel mit der Aufschrift Kimi. Auf einer Pinnwand haben Mitarbeiter Wünsche für die Zukunft des Unternehmens aufgeschrieben. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt unter 30 Jahren. Die Musik prägt eine Unternehmenskultur, die Moonshot abhebt im Ringen um die besten KI-Talente Chinas. Die Namen der Gesprächsräume sind Reminiszenzen an die Rockmusik. Queen, Prince, Guns N’ Roses, Led Zeppelin, Deep Purple, Nirvana. Splay, Yangs eigene Band, darf nicht fehlen. Der bei den Mitarbeitern beliebteste Gesprächsraum hat eine Wand, die wie eine Art KI-Rock-Altar wirkt. Schallplatten, Lederstiefel, Lederjacken, eine E-Gitarre, dazu die Namen berühmter KI-Forschungspapiere. Im Frühjahr war Yang wieder in den USA. Er trat in San José auf einer jährlichen Entwicklerkonferenz des Chipdesigners Nvidia auf. Yang trug wie bei fast allen öffentlichen Auftritten einen schwarzen Pullover, eine helle Hose, Sportschuhe. Er wirkt auch auf Chinesen jünger als Mitte 30, hat etwas Bubenhaftes. Seine Halbrandbrille, die er seit mindestens einem Jahrzehnt trägt, verleiht ihm etwas Nerdiges, das zu den Graphen und Zahlen passt, die er präsentiert. Sein Vortrag ist souverän, er weiß, wovon er spricht, aber man meint auch, ihm anzumerken, dass die Bühne nicht seins ist. Schaut man sich Interviews mit ihm an, fällt auf, wie introvertiert er ist. Meistens schaut er auf den Tisch vor sich statt in die Augen des Gesprächspartners. Noch im Lauf dieses Jahres könnte sich für Yang der Kreis schließen und das Lied, das er vor elf Jahren veröffentlicht hat, wahr werden. Moonshot strebt nach Informationen der F.A.S. einen Börsengang in Hongkong an. In einer neuen Finanzierungsrunde, die gerade läuft, könnte das Unternehmen mit 50 Milliarden Dollar bewertet werden, also rund 167 Millionen Dollar je Mitarbeiter. Damals, im Jahr 2015, veröffentlichte Splay noch ein weiteres Lied. Es ist nachdenklicher, sozialkritischer als „Tagtraum“ und auf Englisch. „Bleeding“ heißt es, bluten also. „Du hast keinen Schmerz, dir wird gesagt, du sollst Folge leisten, jemandem anderes, dem Wahrheitsministerium glauben.“ Wer mit diesem Begriff aus Orwells „1984“ gemeint ist, bleibt offen. Und doch spricht aus dem Lied ein Streben nach Erfolg. „Betrüge deine Berühmtheit, lösche deinen Namen. Ich renne immer weiter und tue so, als könnte ich herausfinden, was mit meinen illusionären Träumen falsch ist. Ich mache immer weiter und phantasiere über mein eigenes Schicksal.“