Yassin zeigt den Ausweis, dann kauft ein anderer damit ein
Angela Merkel war ihrer Zeit voraus. Im November 2010 führte Deutschland den neuen elektronischen Personalausweis ein. Schon zwei Jahre zuvor hatte die damalige Bundeskanzlerin erklärt, was er einmal leisten sollte: Bürger, Verwaltung und Unternehmen sollten sich damit „im Netz sicher ausweisen können“. Das sei „ein ganz wesentlicher Punkt“. 16 Jahre später arbeitet die Bundesregierung noch immer daran.
Nicht, weil es an Technik zur digitalen Identifizierung fehlt. Banken eröffnen Konten per Video-Ident. Unternehmen prüfen Kunden aus der Ferne. Der Münchner Anbieter IDnow brachte 2014 eine der ersten Lösungen auf den Markt, mit denen sich Menschen nach deutschen Vorschriften per Video identifizieren konnten. Heute bietet das Unternehmen auch automatisierte Identitätsprüfungen an. Firmen wie HID oder dormakaba verbinden digitale Identitäten mit dem Zugang zu Gebäuden und IT-Systemen.
Private Firmen können längst, woran der Staat noch arbeitet
Auch Gerson Riesle verdient sein Geld mit der Frage, die der Staat für seine Bürger bis heute nicht befriedigend beantwortet hat: Wie lässt sich digital zuverlässig feststellen, ob ein Mensch tatsächlich derjenige ist, für den er sich ausgibt?
Riesle führt die Secanda-Gruppe in Villingen-Schwenningen, rund 160 Mitarbeiter, etwa 30 Millionen Euro Umsatz. Das Unternehmen kommt aus einer analogen Ecke der digitalen Sicherheitsindustrie. Es begann mit Karten, mit denen Studenten ihre Fotokopien bezahlten. Später kamen Mensa, Bibliothek und Zutritt hinzu. Heute verkauft Secanda Identitäts- und Zugangssysteme an Unternehmen, Behörden, Hochschulen und Krankenhäuser. Bosch gehört zu den Kunden, ebenso die Berliner Charité. „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass ich ich bin“, sagt Riesle.
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Personalausweis mit Chip ist technisch nicht gescheitert
Der Satz beschreibt ein Problem, an dem sich Innen- und Digitalministerien seit Jahren abarbeiten. Der Personalausweis mit Chip ist dabei technisch keineswegs gescheitert. Seine Online-Ausweisfunktion gilt als sicher. Nicht durchgesetzt hat sich dagegen die Idee, daraus einen digitalen Identitätsnachweis zu machen, den Bürger, Behörden und Unternehmen selbstverständlich benutzen.
Der Bund selbst hat untersucht, woran es hakt. 2022 stellte der staatliche DigitalService fest: Der PIN-Brief verwirrte Nutzer. Zwischen dem Erhalt des Ausweises und seiner ersten digitalen Nutzung vergingen Monate oder Jahre. Die Funktion geriet in Vergessenheit. Viele hatten ihre PIN nicht mehr. Bei einer Befragung von Nutzern, die eine Identifizierung mit BundesIdent abbrachen, erfüllten 82 Prozent die Voraussetzungen nicht; allein 73 Prozent fehlte PIN oder PIN-Brief.
Eine App verschwindet, der nächste Versuch kostet 90 Millionen
Also kam der nächste Versuch. BundesIdent hieß eine App, mit der sich Bürger leichter mit dem Personalausweis identifizieren sollten. Sie wurde unter anderem bei der digitalen Grundsteuererklärung eingesetzt. Im Juni 2023 war nach nicht einmal einem Jahr Schluss. Der Bund stellte die App nach der Pilotphase ein.
Parallel arbeitete der Staat an der Smart-eID. Das Projekt startete 2021 unter der letzten Bundesregierung Angela Merkels. Die Ampelregierung unter Olaf Scholz führte es weiter. Der Personalausweis sollte nicht mehr ans Smartphone gehalten werden müssen. Die digitale Identität sollte direkt im Sicherheitselement des Handys liegen. Der Versuch wurde teuer. Mehr als 90 Millionen Euro gab der Bund für die Smart-eID aus. Dabei hatte das Bundesinnenministerium nach Feststellung des Bundesrechnungshofs bereits 2021 erkannt, dass das Risiko eines Scheiterns „höchstwahrscheinlich“ sei. Trotzdem wurde weiterentwickelt.
40 Millionen Euro für elektronische Identitäten
Noch im Herbst 2023 verteidigte die Ampelregierung die Smart-eID. Gleichzeitig fehlte das Geld für den weiteren Betrieb. Markus Richter, damals Staatssekretär im von Nancy Faeser geführten Bundesinnenministerium, beschrieb das Dilemma im Haushaltsausschuss.
40 Millionen Euro standen insgesamt für elektronische Identitäten zur Verfügung. „Es wäre das ganze Budget aufgebraucht für die Smart-eID“, sagte Richter. Wenige Wochen später wurde der Pilotbetrieb gestoppt. Die technische Entwicklung war abgeschlossen, das Produkt kam trotzdem nicht auf den Markt. „Projekt gescheitert“, notierte der Bundesrechnungshof.
Jetzt stehen die nächsten 317 Millionen bereit
Nun beginnt der nächste Anlauf. Diesmal gibt Brüssel den Takt vor. Nach den europäischen Vorgaben müssen die Mitgliedstaaten eine EUDI-Wallet bereitstellen. Die deutsche Version heißt „d-you“. Personalausweis und später Führerschein und weitere Nachweise sollen darin auf dem Smartphone gespeichert werden können.
Wieder geht es um viel Geld. Für das europäische Identitätsökosystem und die EUDI-Wallet stehen im Bundeshaushalt 2026 162 Millionen Euro bereit, für 2027 weitere 155 Millionen. Und wieder gibt es große Versprechen. „Wir haben lange genug darüber gesprochen, was Digitalisierung für Menschen möglich machen könnte. Jetzt machen wir es“, sagte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger im September 2026 im Bundestag. Anfang Januar 2027 soll die erste Stufe von d-you starten.
Ähnlich klang es vier Jahre zuvor. Im Oktober 2022 erklärte der damalige Digitalminister Volker Wissing, einen Personalausweis zu beantragen, einen neuen Wohnort mitzuteilen oder ein Unternehmen anzumelden, müsse künftig in wenigen Minuten online möglich sein, „am besten mit dem Smartphone vom eigenen Sofa aus“. Doch er hatte seine Rechnung ohne die Menschen gemacht. Die Technik ist das eine. Entscheidend ist, ob Menschen und Unternehmen ihr vertrauen und sie benutzen.
Am Werkstor entscheidet sich: Ist er wirklich der Richtige?
Riesle kennt das Problem mit dem Identitätsnachweis aus dem Unternehmensalltag. Bewerbungsgespräch, Zeugnisse und Arbeitsvertrag werden digital abgewickelt. Am ersten Arbeitstag steht ein Mensch am Werkstor. Er kennt Namen und Daten des neuen Mitarbeiters. Aber ist er es auch? „Wie stelle ich fest, dass der Besucher, der sich für ihn ausgibt, auch der ist?“, fragt Riesle.
Was passiert, wenn diese Prüfung misslingt, zeigt der Fall von Yassin E. aus Stuttgart. Er suchte einen Job. Ein Vorstellungsgespräch fand per Video statt. Sein Gegenüber bat ihn, den Personalausweis in die Kamera zu halten. E. tat es. Den Job bekam er nicht. Wenige Wochen später kamen allerdings zwei Willkommensschreiben eines Mobilfunkanbieters. Zwei Verträge samt Smartphones waren auf seinen Namen abgeschlossen worden. Die hinterlegte E-Mail-Adresse kannte er nicht, das Bankkonto auch nicht. Die Verträge waren in einer oberbayerischen Kleinstadt geschlossen worden. E. war dort nie gewesen.
Mobilfunkanbieter schaltete Inkassounternehmen ein
Er erstattete Strafanzeige. Trotzdem verlangte der Mobilfunkanbieter im Juni 2025 rund 700 Euro. E. widersprach und legte Belege vor, nach denen er zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses in Stuttgart gewesen war. Es half zunächst nichts. Ein Inkassounternehmen wurde eingeschaltet. Im August lag die Forderung bei rund 3800 Euro, später bei mehr als 4000 Euro. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zog vor Gericht. Yassin E. musste beweisen, dass jemand, der behauptete, Yassin E. zu sein, nicht Yassin E. war.
Der Fall ist ein Jahr her, das Problem ist seither noch größer geworden. KI kann Stimmen imitieren, Gesichter erzeugen und Dokumente verändern. 71 Prozent von knapp 800 von KPMG befragten deutschen Unternehmen bewerten das Risiko durch KI-basierten Betrug als hoch oder sehr hoch. Zu den beobachteten Methoden zählt KPMG ausdrücklich Identitätsdiebstahl. „Je präsenter die KI wird, umso kritischer ist es, Identität zu prüfen“, sagt Riesle. „Ein Passwort reicht nicht.“
Für Unternehmen ist das längst ein Markt
Secanda verwaltet Identitäten und die damit verbundenen Berechtigungen. Die alte Idee hieß „One Card for All“: eine Karte für Kopierer, Mensa, Bibliothek oder Tür. Heute heißt sie „One Identity – Unlimited Access“. Je nach Sicherheitsbedarf lassen sich Karte, Smartphone, PIN oder biometrische Merkmale miteinander verbinden. Secanda ist damit nicht allein. Private Anbieter lösen zwar nicht dieselbe Aufgabe wie der Staat. Sie müssen keine universelle digitale Identität für mehr als 80 Millionen Menschen bereitstellen. Aber sie haben für einzelne Anwendungen Systeme entwickelt, die längst im Alltag eingesetzt werden.
Der Staat besitzt seit 16 Jahren einen sicheren elektronischen Personalausweis. Er hat zusätzliche Apps entwickelt, Pilotprojekte gestartet und wieder beendet. Mehr als 90 Millionen Euro flossen allein in eine Smart-eID, die nie regulär in Betrieb ging. Jetzt stehen für den nächsten Anlauf 317 Millionen Euro bereit.
Wildberger sagt: „Jetzt machen wir es.“ Riesle sagt: „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass ich ich bin.“ Und Yassin E. weiß, was dieser Satz bedeutet: Einmal hielt er seinen Personalausweis in eine Webcam, danach konnte ein anderer in seinem Namen einkaufen.