"You Can See Everything": Nathan Fielders Film über Betrügerin Elizabeth Holmes
Was in Telluride passiert, soll in Telluride bleiben: So lautete die Bitte von Festivalchefin Julie Huntsinger, als Anfang September in Colorado die Premiere von „You Can See Everything“ stattfand. Die Zuschauer wussten zunächst nicht, welchen Film sie sehen würden. Ihre Handys mussten sie in versiegelten Taschen verstauen, Mitarbeiter mit Nachtsichtbrillen überwachten den Saal. In einer Zeit, in der Menschen direkt aus dem Kinosaal ihre Meinung posten, war das ein bemerkenswerter Aufwand und eine gelungene Marketingstrategie. Nun läuft die fast dreistündige Dokumentation von Nathan Fielder und Lance Oppenheim über Elizabeth Holmes in den amerikanischen Kinos, und immer noch wird die entscheidende Pointe des Films erstaunlich selten verraten.
Inzwischen blickt Holmes, die Theranos-Gründerin und verurteilte Betrügerin, einem von Werbeplakaten in der New Yorker U-Bahn entgegen. Überlebensgroß sind nur ihre berühmten blauen Augen zu sehen. Was geht in dieser Frau vor? Glaubt sie selbst, was sie sagt? Kann man jemals wissen, wer ein anderer Mensch ist, selbst wenn man „alles sieht“?
F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen
F.A.Z. bei Google bevorzugen
Nahaufnahme einer Betrügerin
Diese Fragen treiben „You Can See Everything“ an, weniger die Auseinandersetzung mit Holmes’ juristischer Schuld. Der Film beschäftigt viele Menschen in Amerika wie ein ungelöstes Rätsel. Die „WIRED“-Journalistin Katie Drummond etwa, die Fielder interviewte, schrieb, sie habe seit dem Kinobesuch jeden Tag an den Film gedacht. Darunter kommentierte ein Leser, er habe das Werk in den vergangenen vier Tagen dreimal gesehen.
Die Geschichte von Elizabeth Holmes ist oft erzählt worden, es gibt ein Buch, Dokumentationen und eine fiktionalisierte Serie über sie. Mit Theranos versprach sie, Hunderte Krankheiten preiswert und schnell anhand weniger Blutstropfen diagnostizieren zu können. Mehr als 700 Millionen Dollar sammelte das Unternehmen bei Investoren ein, zeitweise wurde es mit neun Milliarden Dollar bewertet. Holmes galt als jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt, Unterstützer wie Henry Kissinger und James Mattis schwärmten von ihr. Nur funktionierte die versprochene Technologie nie.
Der Schaden ging weit über verlorene Vermögen hinaus. Patienten erhielten falsche Testergebnisse, berichteten während des Prozesses gegen Holmes von falsch positiven HIV-Tests und fehlerhaften Ergebnissen wichtiger Tests während der Schwangerschaft. Immer wieder hatten Whistleblower versucht, Aufsichtsbehörden zu warnen. Im Jahr 2013 starb Ian Gibbons, führender Biochemiker bei Theranos, durch Suizid. Seine Witwe schilderte später den enormen Druck, unter dem Gibbons wegen der selbst geschaffenen Probleme des Unternehmens gestanden habe. 2022 wurde Holmes wegen Investorenbetrugs zu elf Jahren Gefängnis verurteilt.
Strandhaus vor dem Knast
Im Frühjahr 2023, wenige Wochen vor ihrem Haftantritt, öffnete Holmes Fielder und Oppenheim die Türen eines gemieteten Strandhauses im kalifornischen Del Mar. Hier wollte sie mit ihren beiden kleinen Kindern und ihrem Partner Billy Evans den letzten Monat vor dem Gefängnis verbringen. Und sie lud ausgerechnet Fielder ein, sie mit der Kamera auf Schritt und Tritt zu beobachten.
Eltern und Kleinkinder sind im Film im sonnigen Haus zu sehen, sie gehen schwimmen und spazieren, sie weinen und lachen, die Erwachsenen tun alles in der Gewissheit, dass Holmes bald für Jahre ins Gefängnis muss. Sie stillt ihr jüngstes Kind, telefoniert mit Anwälten und weint über Details aus dem Knastalltag, die sie am Telefon erfragt.
Externer Inhalt von Youtube
Um externe Inhalte anzuzeigen, ist Ihre widerrufliche Zustimmung nötig. Dabei können personenbezogene Daten von Drittplattformen (ggf. USA) verarbeitet werden. Weitere Informationen .
Mittendrin also Fielder, der erst nicht vor der Kamera sein wollte, das aber nicht durchhalten konnte, wie er im Interview mit Drummond erzählte. Schon die Trailer zum Film, die einen Hype auslösten, zeigten ihn und Holmes nah beieinandersitzend, wie sie einander anschauen und wie die Befragte mit ihren berühmten aufgerissenen Augen beteuert, dass sie aufrichtig sei.
Dass Holmes und Evans ausgerechnet Fielder diesen Zugang gewähren, ist schon eine bemerkenswerte Wahl. Der 43 Jahre alte Kanadier ist Komiker und Regisseur, ein Spezialist für Situationen, in denen Menschen nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. In seiner HBO-Serie „The Rehearsal“ ließ er ganze Lebenswelten nachbauen, um menschliche Entscheidungen zu untersuchen. Für eine Recherche über Hierarchien im Cockpit absolvierte er eine Pilotenausbildung. Ihn interessierte, warum Ko-Piloten manchmal schweigen, obwohl sie Fehler ihrer Vorgesetzten erkennen. Am Ende flog er eine Boeing 737. Bei Fielder muss man also auf vieles gefasst sein.
Seine Kunst ist die Täuschung
Im Haus von Holmes und Evans geht er dann auch immer wieder an die Grenzen des Zumutbaren. Fielder sitzt mit ihnen in der Küche und auf dem Ehebett. Er fragt, wo andere schweigen würden, und schweigt auf eine Art, die wie eine Nötigung zum Reden wirkt. Seine Anwesenheit ist zugleich lustig und beklemmend. Und je länger er Holmes beobachtet, desto mehr Fragen drängen sich auf. Ist sie eine außergewöhnlich begabte Manipulatorin? Hat sie ein psychisches Problem? Und wie viel Kontrolle haben eigentlich diejenigen, die glauben, sie mit der Kamera durchschauen zu können? Billy Evans wiederum ist mehr als der loyale Partner. Er hat genaue Vorstellungen davon, wie seine Familie gesehen werden soll.
Ein Teil der Unruhe, die der Film erzeugt, entsteht aus der Einsicht, dass Nähe nicht unbedingt Erkenntnis schafft. Aber vielleicht erschafft sie Empathie, und die wiederum ist für viele Menschen ebenfalls verstörend – etwa weil wir wissen, dass Holmes und Evans ihre liebevoll umsorgten Kinder in dem Bewusstsein bekommen haben, dass Holmes sie für Jahre verlassen wird, und vielleicht sogar, um die Länge der Haftstrafe zu beeinflussen. Der Film indes verändert ab einem bestimmten Punkt auf verblüffende Weise den Blick auf das bereits Gesehene. Fielder öffnet eine Ebene nach der anderen, bis er schließlich bei sich selbst landet.
Rund 15 Millionen Dollar spielte „You Can See Everything“ am ersten Wochenende ein, das ist das beste Ergebnis für einen „Dokumentation“ genannten Film nach „Fahrenheit 9/11“. Aus Fielders und Oppenheims Film ist ein kulturelles Ereignis geworden: Tagelang hatten viele Menschen in den sozialen Medien kein anderes Thema mehr, Freunde texteten einander nach dem Kinobesuch: „Was habe ich gerade gesehen?“. In den Kommentarspalten wird über Blicke, Gesten und einzelne Sätze von Holmes, Evans, Fielder gestritten. Und Fielder selbst sagte Drummond im Interview, er wisse bis heute nicht genau, was er da eigentlich erlebt habe. Noch immer diskutiere er darüber mit seinem Team. Ob man ihm das glauben soll, weiß man wieder einmal nicht.
Sony hat inzwischen die deutschen Vertriebsrechte für „You Can See Everything“ erworben, Starttermin in den Kinos ist wahrscheinlich im Dezember. Man kann jedem nur empfehlen, sich bis dahin von der englischsprachigen Debatte fernzuhalten, um sich von dem Film noch überraschen lassen zu können.