"ZDF Magazin Royale": Jan Böhmermann verheddert sich in eigenen Argumenten
Wer soll das bezahlen? Am Freitagabend hat Jan Böhmermann in der neuesten Ausgabe seines "ZDF Magazin Royale" die Verteidigungsausgaben unter die Lupe genommen. Vielleicht hätte der Satiriker aber besser noch genauer hingesehen, denn am Ende war nicht klar, wer oder was hier eigentlich kritisiert wurde und wieso.
Eine Kritik
von Christian Vock
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.
Seit dem Milliarden-Investitionspaket für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz hat die Bundesregierung einen ziemlich dicken Geldbeutel. Zugegeben, so dick ist er auch nicht, schließlich ist in dem Geldbeutel ja eigentlich nur ein Haufen Schulden drin. Salopp gesagt. Trotzdem sind auch diese Schulden eine Menge Geld und wo immer eine Menge Geld ist, wird, verständlicherweise, genauer hingeschaut, was mit dem Steuergeld denn so passiert.
Tatsächlich wird seit dessen Beschluss ganz genau registriert, was denn mit dem Geld des Investitionspakets geschieht und nun schließt sich am Freitagabend auch Jan Böhmermann dieser Investitionskontrolle an. Allerdings wirft der ZDF-Satiriker in der neuesten Ausgabe seines "ZDF Magazin Royale" nur ein Auge auf die Verteidigungsausgaben. Oder wie es Böhmermann am Freitagabend formuliert: "Stillgestanden, Rüstungsinspektion!"
"Krieg – können wir das überhaupt noch?"
"Deutschland und Krieg ist wirklich keine Erfolgsgeschichte", eröffnet Böhmermann seine Rüstungsinspektion sarkastisch. Deutschland habe sich schon so oft im Krieg versucht, so dass man sich 2026 fragen müsse: "Krieg – können wir das überhaupt noch?" Eine provokant formulierte Frage, weil sie nicht zwischen Angriff und Verteidigung unterscheidet, aber erst einmal nähert sich Böhmermann dem Thema mit zwei weiteren Fragen: "Wie viel vom Geld unserer Kinder wollen wir in Zukunft in Krieg investieren? Welche Armee wollen wir in drei Jahren der AfD übergeben?"
Zumindest die erste Frage beantwortet Böhmermann und das auch noch umgehend. "In vier Jahren landet jeder dritte staatliche Euro beim Militär", zitiert Böhmermann "Die Zeit", ehe er selbst die Lage noch einmal wutbürgerpersiflierend zusammenfasst: "Fast 30 Prozent des Bundesetats soll bald beim Militär landen und nicht wie bisher ausschließlich bei Bürgergeldempfängern, Gender-Studien und dem ZDF." Sein ironisches Fazit: "Deutschland will neuerdings 'ne richtige Armee haben. Wie alle anderen auch. Mit funktionsfähigen Waffen, mit moderner Rüstungstechnik."
Das ist bekannt, aber außer ein paar Seitenhieben ist bislang noch nicht ganz klar, wohin eigentlich die Satire-Reise gehen soll. Wer oder was sitzt am Freitagabend bei Böhmermann eigentlich auf der Anklagebank? Einen Eindruck, wie die Anklage lautet, bekommt man erst, als Böhmermann "Wo geht dieses Geld eigentlich hin?" fragt und dann ganz konkret das Programm des Abends nennt: "Wir machen heute im 'ZDF Magazin Royale' die große Rüstungsinspektion."
Ausbilder Schmidt rechnet mit Krieg
Bevor der Zuschauer am Ende ein Urteil fällt, beginnt Staatsanwalt Böhmermann mit der Beweisführung. Dafür hat er Holger Schmidt eingeladen, der seit den 2000ern als Ausbilder Schmidt auf den Comedy-Bühnen der Republik steht, und der soll "mit Krieg rechnen", indem er einen kleinen Kassensturz macht. Demnach verdiene der Durchschnittsbürger 54.066 Euro im Jahr, abzüglich 12.162 Euro Steuern. Ein Leopard 2A8-Panzer koste 27.853.658 Euro, was bedeute, dass ein Durchschnittsdeutscher 0,34 Euro oder 0,0000012287 Prozent pro Panzer mitfinanziere.
Weiterer Kritikpunkt: Das Verteidigungsministerium habe 2,4 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen "versenkt", da es sechs Fregatten bestellt habe, die jedoch nicht pünktlich geliefert werden konnten. Das Ministerium habe das Projekt im Sommer beendet, hatte aber bereits besagte 2,4 Milliarden investiert. Aber damit ist Böhmermanns Mängelliste noch lange nicht fertig.
Man habe nämlich im Sommer nicht-öffentliche Verträge angesehen, "die das Verteidigungsministerium mit Rüstungsunternehmen abgeschlossen hat", erklärt Böhmermann und sagt: "Und ich kann Ihnen schon mal so viel verraten: Für die Rüstungsunternehmen, wie zum Beispiel Rheinmetall, sind das alles ziemlich geile Deals." Warum? Weil zum Beispiel eine Sattelzugmaschine von Rheinmetall all die Jahre um 2,1 Prozent teurer geworden sei, doch seit dem Sommer plötzlich um stolze 20 Prozent.
Wie viel sind 2,4 Milliarden?
Das klingt alles danach, als dass hier ein bisschen Schmu betrieben, außerdem fahrlässig mit dem Geld der Steuerzahler umgegangen wird. Und ohnehin sind die Investitionen in Rüstung bäh. Das ist zumindest die Stimmung, die Böhmermann hinterlässt und dabei geht er nicht selten so vor, dass er erst einmal Andeutungen macht, die er danach teilweise wieder einfängt. Aber natürlich merkt man sich als Zuschauer nur die Andeutung, nicht aber die Relativierung. So zitiert er erst die Meldung, das Verteidigungsministerium habe 2,4 Milliarden versenkt, ehe er erklärt, dass es derzeit darum einen Rechtsstreit gebe.
Das ist allerdings nicht die einzige Ungenauigkeit, die sich das "ZDF Magazin Royale" bei seiner Rüstungsinspektion leistet. Denn sieht man mal genauer hin, wie Böhmermann genauer hingesehen hat, erkennt man auch bei ihm ein paar Ungereimtheiten. "Welche Armee wollen wir in drei Jahren der AfD übergeben?", fragt Böhmermann etwa eingangs, ohne diese wirklich wichtige Frage weiter zu verfolgen. Wahrscheinlich, weil das Thema eine ganz eigene Ausgabe hergegeben hätte. Und wenn Böhmermann erklärt, dass ein Drittel des Bundesetats ins Militär fließe, dann gehört eigentlich zur Wahrheit dazu, dass die Bundeswehr in den vielen Jahren zuvor einfach kaputtgespart wurde.
Halbe Wahrheiten gibt es auch, als Böhmermann den "Spiegel" zitiert. Der habe nämlich über die angeblich versenkten 2,4 Milliarden geschrieben: "Das entspricht ungefähr dem gesamten Kulturetat des Bundes." "Deutschland wollte sechs neue Kriegsschiffe bauen, kriegt kein einziges und trotzdem hat uns das jetzt schon so viel gekostet wie der Bund pro Jahr für Museen, Opernhäuser, Theater, Stiftungen, Filmförderung, Gedenkstätten und so weiter, und so weiter zusammen ausgibt", konkretisiert Böhmermann - und das klingt tatsächlich wie das Ende des kulturellen Lebens in Deutschland.
Was Böhmermann ins Schlingern bringt
Allerdings verschweigt das Zitat, dass die Kulturhoheit in Deutschland bei den Ländern liegt und nicht beim Bund. Dementsprechend tragen die finanzielle Hauptlast auch die Länder und Kommunen - und nicht der Bund. Das soll die "versenkte" Summe nicht relativieren, aber diese Information gehört eben dazu, wenn man so eine Schlagzeile zur Beweisführung heranzieht. Nimmt man dann noch den lediglich beiläufig erwähnten Rechtsstreit hinzu, könnte es am Ende sein, dass von dem angeblichen "Epic Super Fail" nicht viel übrig bleibt.
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Aber es sind diese nur beiläufigen Ergänzungen, die sprachlichen Ungenauigkeiten und eine unterschwellige Skandalisierung, die nicht immer von den Fakten gedeckt ist, die Böhmermann an diesem Freitagabend ins Schlingern bringen. Wenn er etwa den Rüstungsunternehmen unterschwellig "geile Deals" vorwirft, muss man fragen: Warum sollten Rüstungsunternehmen denn schlechte Deals abschließen? Und wenn sich Böhmermann über die Gründe der Unternehmen für die Preissteigerungen mit einem "Außerdem hat der Hund die Hausaufgaben gefressen" lustig macht, hätte er besser eine echte Beweisführung gemacht, dass es sich tatsächlich um Abzockerei handelt.
Kurzum: Böhmermann verheddert sich am Freitagabend ein wenig in seinen Argumenten, was vielleicht auch daran liegen mag, dass man gar nicht so recht weiß, was und wer hier eigentlich kritisiert wird. Soll man kein Geld in Rüstung investieren? Weniger? Besser? Vielleicht in billigere Panzer? Darf ein Ministerium keine Fehler machen? Am Ende bleibt beim Zuschauer nur das Gefühl, dass hier einiges falsch läuft, was genau, weiß man aber nicht. "Was haben wir gelernt?", fragt Böhmermann am Schluss und Ausbilder Schmidt antwortet: "Von dir nix. Wie immer." Zumindest der erste Teil der Antwort trifft diesmal zu.