"ZEIT"-Chefredakteur: "Wir konnten es alle gar nicht glauben"
"Zeit"-Chefredakteur wehrt sich gegen Druck auf Journalistin
Stand: 19.10.2026 11:05 Uhr
Das Hamburger Landgericht hat eine Journalistin der Wochenzeitung "Die Zeit" offenbar unter Druck gesetzt, Interview-Material herauszugeben. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo betont im NDR Interview, dass er dieses Vorgehen nicht hinnehmen werde.
von Daniel Kaiser
Am Montagmorgen standen Beamtinnen und Beamten der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamtes bei der "Zeit"-Autorin Anne Kunze vor der Tür in Berlin - auch in den Redaktionsräumen am Speersort in Hamburg, berichtet "Zeit"-Chefredakteur di Lorenzo: "Wir konnten es alle gar nicht glauben. So etwas ist in 80 Jahren bei der ‘Zeit’ noch nicht passiert wegen eines journalistischen Inhalts."
Das Landgericht behauptet, die Journalistin habe ihren Computer mit den Gesprächen und Recherchen freiwillig herausgegeben. Giovanni di Lorenzo widerspricht energisch: "So freiwillig wie das ist, wenn jemand vor deiner Tür steht und sagt, lässt du mich herein oder soll ich die Tür eintreten. So freiwillig war das." Man habe mit einer Hausdurchsuchung gedroht, bei der "Zeit" und auch in den Kinderzimmern der Privatwohnung.
"Wir werden alle Rechtsmittel ausschöpfen"
Es geht um einen Computer mit Gesprächen, die die Journalistin zwei Wochen nach der Entführung der beiden Kinder von Christina Block aus Dänemark mit der Familie des geschiedenen Mannes führte. "Da sind noch ganz andere Dinge drauf, nämlich die Recherchen von Jahren, auch in anderen Fällen, und Interna", sagt di Lorenzo. "Unter diesem Druck hat sie den Rechner dann versiegelt - versiegelt heißt, in einen Umschlag gesteckt und mit dem Tacker ihrer Kinder zugemacht."
Der Rechner mit dem Material sei der Polizei versiegelt übergeben worden, damit er erst nach einer Entscheidung über den Protest benutzt werden kann. Di Lorenzo sagte, er rechne bis Mittwoch mit einer ersten Entscheidung. "Wir werden alle Rechtsmittel, die uns zur Verfügung stehen, ausschöpfen, notfalls gehen wir auch vor das Bundesverfassungsgericht."
Im Fokus: Pressefreiheit und Informantenschutz
Denn für di Lorenzo geht es um Grundsätzliches: die Pressefreiheit und den Informantenschutz. "Das ist deswegen nicht nur für die ‘Zeit’ so wichtig, sondern auch für alle anderen Medien, die auf Menschen angewiesen sind, die etwas sagen, aber sich darauf verlassen, dass nur das verwendet wird, was abgesprochen ist."
Das Pressehaus am Speersort in Hamburg war schon einmal Ort einer Durchsuchung - damals noch beim "Spiegel", erklärt der "Zeit"-Chefredakteur: "Im sechsten Stock, in dem Raum, wo heute unser Politikchef sitzt, da war das Büro von Augstein. Der ja festgenommen worden war. Und das Material, was gesucht wurde, daraus wurde dann die berühmte 'Spiegel'-Affäre. Unser Anlass ist ja im Vergleich zu damals nichtig, umso erschreckender ist, was wir dort erlebt haben."
Unterstützung durch andere Medienunternehmen
Di Lorenzo ist froh über die Unterstützung von vielen anderen Medienunternehmen. Er betont, wie ernst dieser Eingriff für die freie Presse ist: "Das kann dann, wenn das Praxis wird, jedem und jeder blühen. Ich weiß gar nicht, ob sich das Landgericht in Hamburg bewusst ist, was die damit losgetreten haben."