ZF Saarbrücken: BMW streicht Getriebe-Aufträge, Jobs in Gefahr
ZF in Saarbrücken rutscht tiefer in die Transformationskrise der Autoindustrie. Der größte Industrie-Arbeitgeber des Saarlandes muss erneut Personal abbauen, weil Großkunde BMW seine Bestellungen für Automatikgetriebe und Antriebskomponenten aus dem Werk kurzfristig reduziert hat. Die Maßnahme trifft ausgerechnet jenen Standort, der seit Jahrzehnten als Antriebswerk von ZF gilt und stark auf klassische und Hybrid-Antriebsstränge zugeschnitten ist. Nach Unternehmensangaben reagiert ZF unmittelbar auf die gesunkene Auslastung. Ferienjobs werden gestrichen, befristete Verträge laufen vorzeitig aus, der Einsatz von Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmern wird zurückgefahren. Offene Kündigungswellen in der Kernbelegschaft vermeidet der Konzern zwar vorerst, doch für Rand-Belegschaften, junge Beschäftigte und Studierende, die auf Ferienarbeit gesetzt haben, ist der Einschnitt deutlich spürbar. Für die Stammbelegschaft bleibt die Situation angespannt: Zwar signalisiert das Management, die „Kern-Belegschaft“ stabil halten zu wollen, gleichzeitig ist klar, dass sich bei anhaltend schwacher Auftragslage weitere Schritte nicht ausschließen lassen. Die Geschäftsleitung verweist zur Begründung der Maßnahmen auf das veränderte Abrufverhalten der Kunden und den Druck, die Produktion eng an die tatsächliche Nachfrage zu koppeln. In einer Stellungnahme gegenüber der Saarbrücker Zeitung betont das Unternehmen: „Eine kurzfristige Abruf-Reduzierung unserer Kunden macht eine Anpassung unserer Produktionskapazitäten am Standort Saarbrücken erforderlich. Entsprechend steuern wir unseren Personaleinsatz strikt entlang der aktuellen Auftragslage. In diesem Zuge enden die Verträge der diesjährigen Ferienkräfte vorzeitig. Auch befristete Verträge und der Einsatz von Leiharbeitnehmern wurden entsprechend reduziert. Um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts abzusichern, liegt unser Fokus darauf, schnell und flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren und gleichzeitig eine stabile Auslastung der Kernbelegschaft zu gewährleisten. Für die Betroffenen bedauern wir diesen Schritt.“ Hinter der aktuellen Abruf-Reduzierung steht jedoch mehr als ein konjunktureller Dämpfer. BMW treibt die eigene Modell- und Technologie-Transformation voran: Ein wachsender Anteil batterie-elektrischer Fahrzeuge verändert den Bedarf an komplexen Mehrgang-Automatikgetrieben und hybriden Antriebssträngen, die bislang das Kerngeschäft von ZF Saarbrücken bilden. Während Verbrenner- und Plug‑in-Hybridmodelle perspektivisch zurückgehen, entsteht bei reinen Elektrofahrzeugen ein anderer Komponentenbedarf – vom elektrischen Achsantrieb über Leistungselektronik bis Software. Die klassische Getriebefertigung verliert damit strukturell Volumen. Zugleich steht BMW unter erheblichem Kosten- und Wettbewerbsdruck. Der Konzern muss entscheiden, wo welche Komponenten gefertigt werden: in Europa, in den USA oder in anderen Regionen. Produktionsentscheidungen – etwa, SUV-Modelle verstärkt in US-Werken zu bauen – wirken direkt auf die Lieferketten. Getriebe, die bislang aus Saarbrücken zugeliefert wurden, können näher an den Fahrzeugwerken entstehen oder über andere Standorte und Zulieferketten laufen. Für das Werk an der Saar heißt das: Nicht nur die Gesamtmenge der Bestellungen sinkt, auch die geografische Zuordnung der Produktion verschiebt sich zu Ungunsten des Standorts. ZF selbst steht ebenfalls unter Druck, sein Geschäftsmodell an die veränderte Nachfrage anzupassen. Der Konzern hat in den vergangenen Jahren hohe Schulden aufgebaut und reagiert mit einem umfassenden Spar- und Sanierungsprogramm. Zentral ist die Antriebssparte, deren Kapazitäten und Produkte neu geordnet werden. Intern gilt die Faustregel, dass ein reiner Elektroantrieb deutlich weniger Arbeitskräfte benötigt als ein klassischer Verbrenner-Antriebsstrang. Das schlägt direkt auf die Beschäftigungsplanung durch: weniger komplexe Aggregate, weniger Fertigungsschritte, weniger Personal. Für Saarbrücken kommt der Druck aus zwei Richtungen: von der Kundenseite durch geringere Abrufe und mögliche Verlagerungen und aus dem Konzern durch das Sanierungsprogramm, das auch am Standort deutliche Einsparungen vorsieht. Bereits in den vergangenen Monaten wurde über Abbaupfade und Zukunftsmodelle verhandelt, bei denen zunächst befristete Stellen und Randbelegschaften im Fokus stehen. Hinzu kommen Instrumente wie Arbeitszeitkürzungen, Freiwilligenprogramme und Altersteilzeit, um die Zahl der Beschäftigten schrittweise zu reduzieren, ohne sofort tief in die Stammbelegschaft zu schneiden. Für die Beschäftigten bleibt die Lage vor allem deshalb schwierig, weil kurzfristige Abrufreduzierungen und langfristige Strukturentscheidungen ineinandergreifen. Ein „Aufatmen“ nach guten Auftragsmeldungen reicht nicht aus, solange gleichzeitig Sparprogramme laufen und Produktionsvolumen verlagert werden. Die vorgezogenen Einschnitte bei Ferienkräften, Befristeten und Leiharbeitskräften zeigen, wie eng der Personaleinsatz inzwischen an die aktuelle Auslastung gekoppelt ist – und wie wenig Puffer es noch gibt, um Ausschläge aufzufangen. (jos)