Zollkonflikt: „Momentan macht es richtig Spaß in Kanada“
Deutsche Unternehmen in Kanada fürchten sich davor, in den Zollstreit mit den USA zu geraten. Die Max-Aicher-Gruppe hat das schon hinter sich – und ist tiefenentspannt.
Mark Carney und Friedrich Merz bei einem Treffen im August in Berlin. Kanada will seine wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa vertiefen. Foto: picture alliance / photothek.de
Ende Juli rollten die ersten Lastwagen über die Gordie-Howe-Brücke zwischen Detroit im US-Bundesstaat Michigan und Windsor in der kanadischen Provinz Ontario. Sechs Fahrspuren über dem Detroit River entlasten seitdem einen der wichtigsten Handelskorridore Nordamerikas. Den politischen Graben zwischen Kanada und den USA aber überbrückt das Bauwerk nicht. Als US-Präsident Donald Trump kurz vor der Eröffnung neue Zölle von 50 Prozent auf kanadischen Stahl und Aluminium ankündigte, sagte Ottawa die gemeinsame Feier ab – und weihte das Milliardenprojekt allein ein.
Seit 2018 überziehen sich Kanada und die USA immer wieder mit Zöllen. Mittlerweile verlangt Washington auch Abgaben für Autos und weitere Waren im Wert von 20 Milliarden Dollar. Ottawa kontert mit Gegenzöllen von bis zu 50 Prozent. Im März erklärte der kanadische Premier Mark Carney die alte, auf wirtschaftlicher Integration beruhende Beziehung zum Nachbarn für beendet.
Umso entschlossener versucht Carney, Kanadas Abhängigkeit von den USA zu verringern. Das Land soll seine industrielle Basis stärken und neue Märkte erschließen – vor allem in Europa. Im Europaparlament begrüßte er am Donnerstag Ursula von der Leyens Vorschlag, Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der EU zu machen: „Das Ziel ist nicht Autarkie, sondern kollektive Widerstandsfähigkeit.“
Zölle
Trumps neuer Zollhammer könnte zum Eigentor werden
von Sonja Álvarez
Für deutsche Unternehmen eröffnet Carneys Kurs mehr als zusätzliche Exportchancen. Lange sei Kanada vor allem als Anhängsel des US-Markts betrachtet worden, sagt Yvonne Denz, Chefin der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer. „Für uns war immer sehr offensichtlich, dass dadurch auch einige Geschäftschancen liegen geblieben sind.“ Inzwischen werde das Land zunehmend als eigenständiger Absatz- und Investitionsstandort wahrgenommen. Wer bereits vor Ort produziert, kann zudem von neuen Schutz- und Fördermaßnahmen profitieren.
Vom Zollschock zum Heimvorteil
So wie die MANA Group, die kanadische Tochter der bayerischen Max-Aicher-Gruppe. Aus ihrem Werk in Hamilton stammt auch jener hochfeste Stahl, der in den Fundamenten der Gordie-Howe-Brücke steckt. Seit 2010 ist das Unternehmen in Kanada tätig. Damals übernahm der bayerische Konzern zwei stillgelegte Anlagen von U. S. Steel Canada, auch weil Hamilton einen idealen Zugang zum nordamerikanischen Markt bot. Bis zur US-Grenze sind es nur 45 Minuten.
Lange lieferte MANA rund ein Viertel seiner Produktion an amerikanische Kunden. Als Trump 2018 erstmals Zölle auf kanadischen Stahl verhängte, herrschte deshalb „Schockstarre“, erinnert sich Geschäftsführer Walter Sommerer. „Damals war wirklich Alarm in der Bude.“ Die deutsche Zentrale forderte einen Krisenplan, selbst ein Stellenabbau stand im Raum.
Auch die zunächst hektische Reaktion der kanadischen Regierung machte dem Unternehmen zu schaffen. Ottawa änderte seine Zollmaßnahmen mehrfach, die Stahlpreise schossen zunächst in die Höhe und brachen anschließend wieder ein. Für ein kapitalintensives Geschäft wie die Stahlproduktion sei eine solche Volatilität nur schwer abzufedern, beschreibt Sommerer.
Mitten im Zollstreit eröffnet: Die Gordie-Howe-Brücke zwischen Detroit und Windsor. Foto: REUTERS
Ottawa schützt den Standort
Beschäftigte entlassen musste MANA am Ende nicht. Im Gegenteil: „Wir konnten beinahe zu jeder Zeit mehr verkaufen, als wir produzieren konnten“, sagt Sommerer. Zwar sank der Anteil der US-Ausfuhren von 20 bis 25 Prozent auf rund fünf Prozent. Langfristig jedoch zeigten die Gegenzölle Wirkung. MANA konnte die weggebrochenen US-Umsätze fast vollständig im Inland ausgleichen. „Wir haben heute eigentlich einen besseren Markt als vor Trump“, so Sommerer.
Als der nächste Zollschock kam, blieb die Panik deshalb aus. Kanada reagiere heute deutlich besonnener als 2018, sagt Sommerer. Vor allem aber belässt es die Carney-Regierung nicht bei Gegenmaßnahmen, sondern nutzt den aktuellen Konflikt, um einer industriepolitischen Agenda Schub zu verleihen: Sie soll die heimische Produktion stärken, Kanadas Abhängigkeit vom US-Markt verringern und zugleich mehr Kapital und Technologie aus anderen Ländern anziehen.
Ein Kernstück dieses Kurses ist der im Juni 2025 verabschiedete „One Canadian Economy Act“. Denn Kanada bildet bislang keinen einheitlichen Binnenmarkt: Unterschiedliche Vorschriften und Zulassungsverfahren erschweren den Handel zwischen den Provinzen. Das Gesetz soll diese Hürden auf Bundesebene abbauen und das Land wirtschaftlich enger zusammenführen.
WirtschaftsWoche im Loop
EU und Kanada – wie viel Nähe lassen die USA zu?
vor 1 Std. | von Maja Brankovic und Mary Abdelaziz-DitzowAbspielen 27:07
Stahlproduzenten wie MANA erhalten zudem direkte Unterstützung. Seit August übernimmt der Bund die Hälfte der Bahn- und Schiffskosten für kanadischen Stahl, der Provinzgrenzen überquert. Dadurch kann MANA seine Produkte erstmals zu konkurrenzfähigen Preisen von Hamilton über die Rocky Mountains bis an die Westküste liefern. Zuvor bezogen die Kunden dort ihren Stahl häufig aus dem näher gelegenen Seattle oder aus Asien.
Auch auf der Nachfrageseite greift Ottawa ein. Nach dem Prinzip „Buy Canadian“ sollen Auftragnehmer bei staatlich finanzierten Projekten zunächst kanadische Waren beschaffen – oder begründen, warum sie im Ausland einkaufen. Zugleich will die Carney-Regierung große Infrastruktur-, Energie- und Rohstoffvorhaben schneller genehmigen. Ein neues Major Projects Office soll bürokratische Hürden beseitigen und die Verfahren beschleunigen.
Neue Chancen für deutsche Unternehmen
Abschotten will sich Kanada dabei nicht. Im Gegenteil: Auf dem ersten Canada Investment Summit in Toronto warb Carney Anfang der Woche offensiv um internationales Kapital. Ausländische Unternehmen sollen jedoch nicht nur nach Kanada verkaufen, sondern dort investieren, produzieren und Wertschöpfung schaffen. Mit einer neuen „Mega-Abschreibung“ können sie den Großteil ihrer Investitionen künftig sofort steuerlich geltend machen. So will Ottawa in den kommenden fünf Jahren insgesamt eine Billion kanadische Dollar mobilisieren.
Für deutsche Unternehmen kommt der Kurs zur rechten Zeit. Mit Direktinvestitionen von über 40 Milliarden kanadischen Dollar war Deutschland 2025 bereits der viertgrößte ausländische Investor des Landes. Nun werde die Bundesrepublik zunehmend auch als Technologie- und strategischer Partner wahrgenommen, sagt AHK-Chefin Denz. Im Februar vereinbarten beide Regierungen eine engere Zusammenarbeit bei Elektromobilität, Batterien, kritischen Rohstoffen und sauberer Energie. Die Stärken ergänzen sich: Kanada bringt Rohstoffe und vergleichsweise günstige, CO₂-arme Energie ein, Deutschland Technologie und industrielles Know-how. Auch bei künstlicher Intelligenz, technologischer Souveränität und Verteidigung sieht Denz die Partnerschaft wachsen.
Walter Sommerer war ebenfalls beim Investment Summit dabei – im bayerischen Janker. In Kanada gebe es inzwischen eine „ziemlich lebendige deutsche Business-Community“, sagt er. MANA selbst verfolgt ehrgeizige Wachstumspläne: Die Belegschaft soll von derzeit rund 150 auf etwa 300 Beschäftigte wachsen. Zudem plant das Unternehmen einen eigenen Schmelzbetrieb mit moderner Induktionstechnologie. Die Anlage kommt ohne Gas aus und soll dank des CO₂-armen Strommixes in Ontario besonders emissionsarm produzieren. Auch in der deutschen Zentrale ist man von den Chancen in Kanada überzeugt. Sommerers Fazit: „Momentan macht es richtig Spaß hier.“
Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige
Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln
Anzeige
IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick