zu Besuch beim AfD-Vordenker Tillschneider
Die Tür zu Hans-Thomas Tillschneiders Bürgerbüro in Querfurt steht offen, der bärtige AfD-Politiker im hellen Anzug und im weissen Hemd begrüsst den Reporter mit einem festen Händedruck. «Das hier ist das Wohnzimmer für die Bürger», sagt er, hier gebe es Getränke und eine «Volksbibliothek» mit unterschiedlichen Büchern. Es ist ein heisser Montagnachmittag Anfang August, die Sonne scheint mit aller Kraft auf das pittoreske Zehntausend-Einwohner-Städtchen im Süden Sachsen-Anhalts, wo einst die Grenze zwischen dem Fränkischen Reich und dem Siedlungsgebiet slawischer Stämme verlief. Wenige Gehminuten von der mittelalterlichen Burg entfernt befindet sich Tillschneiders Büro. Dort nimmt Tillschneider unter einem Gemälde Platz, das die Himmelsscheibe von Nebra zeigt: Die bronzezeitliche Sternkarte wurde in der Nähe von Querfurt gefunden. An der Wand hängt zudem ein Druck des verfallenen Klosters in Memleben, wo im Jahr 973 der deutsche Kaiser Otto starb. «Die Klosterruine befindet sich in meinem Wahlkreis, darauf bin ich besonders stolz», sagt Tillschneider. Man erblickt auch das Gemälde «Zwei Wanderer in Betrachtung des Mondes» von Caspar David Friedrich, für Tillschneider der Maler der «deutschen Volksseele» schlechthin. Diese Bildauswahl ist kein Zufall: Tillschneider ist der wohl nationalistischste Kulturpolitiker Deutschlands, und er plant, Sachsen-Anhalt von Grund auf umzukrempeln. Die AfD rechnet sich gute Chancen aus, nach der Wahl am 6. September mit absoluter Mehrheit im Landesparlament zu regieren. Dann wäre der stets lächelnde Spitzenkandidat Ulrich Siegmund Ministerpräsident und Tillschneider, der als Partei- und Fraktionsvize amtiert, wahrscheinlich Bildungsminister. Deutschlands Misere habe kulturelle Ursachen, heisst es im Wahlprogramm, das Tillschneider zu grossen Teilen selbst verfasst hat; sie könne deshalb nur durch «Arbeit an den kulturellen Voraussetzungen» geheilt werden. Im Fall einer AfD-Alleinregierung werde Sachsen-Anhalt eine «patriotische Wende» für ganz Deutschland einleiten. Laut dem Wahlprogramm sollen Vereine nur noch dann staatliches Geld erhalten, wenn sie sich zum Patriotismus bekennen. Das gleiche gilt für die Kunst: Die AfD möchte vor allem solche Kunst fördern, die «einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet». Entsprechend könnte zum Beispiel die Förderung des modernistischen Bauhaus-Museums in Dessau auslaufen. An Schulen sollen Kinder von Flüchtlingen und Asylbewerbern sowie behinderte Kinder getrennt unterrichtet werden, die Universitäten sollen elitärer werden. Und auch die Erinnerungskultur soll sich wandeln. Statt des Nationalsozialismus sollen künftig die positiven Aspekte deutscher Geschichte im Vordergrund stehen. Das Wahlprogramm erzeugte in der Landeshauptstadt Magdeburg blankes Entsetzen. Die AfD, so hiess es von allen anderen im Landesparlament vertretenen Parteien, wolle die Kunst zensieren und Sachsen-Anhalt nach autoritären Vorstellungen umbauen. Spricht man darüber mit Tillschneider, fühlt er sich missverstanden. Er wolle bloss die «linken Blockwarte» aus der Kulturlandschaft zurückdrängen, so ähnlich, wie es auch der frühere ungarische Ministerpräsident Viktor Orban in seinem Land getan habe. Zumal der Patriotismus eigentlich der politischen Debatte entzogen sei: «Erst die 68er-Bewegung und ihre antideutschen Adepten haben daraus ein Politikum gemacht.» Heile Welt, in der Goethes «Heidenröslein» gesungen wurde Dass Tillschneider ein Extremist sei, meint nicht nur die parteipolitische Konkurrenz. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hält ihn für derart gefährlich, dass es ihn vor mehreren Jahren gemeinsam mit dem thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke und dem damaligen Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz unter Beobachtung stellen liess. Die Eindrücke, die man von Tillschneider im persönlichen Gespräch hat, scheinen dazu nicht ganz zu passen. Tillschneider hört sich Kritik interessiert an, in seine Antworten baut er Denkpausen ein. Er wirkt mehr wie ein verschrobener Intellektueller als wie ein Extremist. Und doch hat Tillschneider sehr klare Vorstellungen davon, was Kulturpolitik zu sein hat: Sie solle sicherstellen, dass «Deutschland deutsch» bleibe, schreibt er in seinem Buch «Kulturpolitik». Er lebt offenkundig in einer Welt, in der alle Kultur national ist. Woher das kommt? Womöglich muss man bis in seine Kindheit zurückgehen, um diese Frage beantworten zu können. 1978 im rumänischen Timisoara geboren und dort katholisch getauft, gehörte Tillschneider der ethnischen Minderheit der Banater Schwaben an. Im Grossen und Ganzen sei es den Deutschen im sozialistischen Rumänien gutgegangen: Seine Mutter sei Lehrerin gewesen, der Vater Kolchosleiter. Seine Familie habe «viel Mühe darauf verwandt, unsere deutsche Identität zu bewahren». Er erinnere sich gut daran, «wie meine Grossmutter mir in meiner frühen Kindheit Goethes ‹Heidenröslein› vorgesungen hat». Es klingt nach einer heilen Welt. Bis es zum Bruch kam: Als er ein Kleinkind war, siedelten seine Eltern mit ihm nach Deutschland über. Gemäss dem Vertriebenengesetz wurden sie sofort als Deutsche anerkannt. Das Bedürfnis nach kultureller Identität zeigte sich auch an der Wahl seiner Studienfächer. Philosophie und Germanistik belegte Tillschneider als Nebenfächer, als Hauptfach studierte er aber Islamwissenschaft: aus «Faszination für das Fremde», wie er sagt. Sein Studienjahr in Syrien sei «die beste Zeit meines Lebens» gewesen. Abstammung spielt für Tillschneider keine Rolle Tillschneider beschreibt romantische Szenen, etwa wie er einen Hirten gesehen habe, der Schafe am Euphrat entlanggetrieben habe. «Das war schön, weil das fremd war, weil das echt war», sagt er. Seine Augen leuchten. Tillschneider spricht fliessend Arabisch, ausserdem lernte er im Studium Persisch. 2009 promovierte er über ein Thema der Koranexegese, 2013 trat er in die AfD ein. Er wolle, «dass die arabische Kultur sich genauso authentisch entfalten kann wie die deutsche», sagt er. Nur solle sie das eben im arabischen Raum tun. Für Tillschneiders Weltanschauung gibt es einen Namen: Ethnopluralismus. Damit ist gemeint, dass jedes Volk seine jeweils eigene kulturelle Prägung erhalten solle. In seinem Buch geht Tillschneider noch weiter. Er schreibt, Gott habe die Menschen in unterschiedliche Völker eingeteilt. Die Befürworter der Globalisierung aber, die die Völker vermischen wollten, erlägen dem gleichen «Streben des Menschen nach Selbstvergottung», an dem schon der Turmbau zu Babel gescheitert sei. Theologisches von deutschen Politikern zu hören, ist eher ungewöhnlich. Tillschneider aber verleiht dem Nationalstaat metaphysische Weihen. Heikel ist das deshalb, weil der Ethnopluralismus in Deutschland als verfassungsfeindlich gilt. Nach Ansicht des Verfassungsschutzes nutzen ihn Rechtsextremisten als Vorwand, um deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund benachteiligen zu können. Tillschneider streitet das ab. Er sei «Ethnopluralist aus Liebhaberei für die Kultur»; weitreichende Ausschaffungen nach ethnischen Kriterien, wie sie Teile des rechten Milieus forderten, lehne er ab. Der «recht verstandene» Ethnopluralismus sei «in höchstem Masse friedlich, behutsam und sanft». Das Wort «sanft» spricht er mit besonderem Nachdruck aus. Tillschneider hat das Argument auf seiner Seite, dass die Abstammung für ihn keine Rolle spielt. «Deutschsein ist nicht etwas, was man ist, sondern wie man sich verhält», schreibt er in seinem Buch. Es ist für Tillschneider keine positiv bestimmbare Grösse, sondern ein Daseinsmodus, an den «jeder Fremdstämmige» Anschluss finden könne, «wenn er bereit ist, sich in die deutsche Tradition zu stellen und an ihrer steten Aktualisierung mitzuwirken». Sein kulturelles Volksverständnis denkt Tillschneider durchaus konsequent. Zum Beispiel schreibt er in seinem Buch, Muslime liessen sich dann integrieren, wenn das Deutschtum dem Islam «seinen Stempel» aufdrücke. Wie realistisch ist das? Für eine deutsche Variante sei der Islam kulturell flexibel genug, antwortet er. Er sei einmal auf einer AfD-Veranstaltung einem Mann begegnet, der sich als «preussischer Muslim» bezeichnet habe. So etwas wünsche er sich für alle Muslime, die in Deutschland lebten. Andreas Kalbitz bescheinigt er «politische Erfahrung» Ernst ist es Tillschneider auch mit dem Kulturkampf gegen die Regenbogenfahne, die er als Symbol «satanischer Mächte» ansieht, und mit dem Umbau der Universität. Die Geisteswissenschaften seien zu «Legitimationshuren» der gesellschaftlichen Umgestaltung verkommen, schreibt er. Gleichzeitig distanziert er sich deutlich vom Gedankengut der Nationalsozialisten. Adolf Hitler nennt er die «letzte Steigerung des Karikaturhaften». Der «Opfermythos» deutscher Neonazis, schreibt er, sei «aufgrund der unbestreitbaren Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden», nicht haltbar. Das sind ungewöhnlich klare Töne für einen Rechtsausleger der AfD. Auffällig ist allerdings auch, dass sich Tillschneider mit Menschen umgibt, die früher in der rechtsextremistischen Szene aktiv waren. Andreas Kalbitz etwa: Er war bis zu seinem Parteiausschluss vor sechs Jahren Vorsitzender der Brandenburger AfD. Die Partei schloss ihn aus, weil er seine frühere Mitgliedschaft in der neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend verheimlicht haben soll. Er selbst bestreitet, dort Mitglied gewesen zu sein. Zu dem inzwischen verbotenen Verein gibt es in der Partei einen Unvereinbarkeitsbeschluss. Tillschneider bestätigt, dass er Kalbitz in seinem Büro beschäftigt. Der Vertrag laufe Ende September aus. Wieso also die Anstellung? Er schätze ihn für seine «politische Erfahrung», sagt er. Den Ausschluss halte er für einen Fehler, weil Kalbitz’ mutmassliche Mitgliedschaft in der HDJ lange zurückliege: «Jeder hat eine zweite Chance verdient.» Auch über André Poggenburg, den ehemaligen Vorsitzenden der sachsen-anhaltischen AfD, verliert er im Gespräch kein böses Wort. 2018 hatte Poggenburg in seiner Rede zum politischen Aschermittwoch Deutschtürken «Kameltreiber» genannt. Nach anhaltender parteiinterner Kritik trat er aus der AfD aus. Kalbitz und Poggenburg stürzten, Tillschneider blieb. Dabei war auch er massgeblich daran beteiligt, die AfD nach rechts zu rücken. Gemeinsam mit anderen AfD-Politikern engagierte er sich dafür im Flügel, einem parteiinternen Zusammenschluss. Er gründete ausserdem den Verein Patriotische Plattform, der enge Verbindungen zu der von der Parteispitze beargwöhnten aktivistischen Identitären Bewegung unterhielt. Der Flügel und die Patriotische Plattform haben sich inzwischen aufgelöst. Wladimir Putin, der «echte Kerl» im Kreml Wie er auf diese Zeit zurückblickt? Tillschneider lächelt. Der Zweck beider Gruppen habe sich überlebt, weil sich die AfD in der Zwischenzeit «genau in die richtige Richtung» entwickelt habe. Heute brauche es keine innerparteiliche Opposition mehr: «Wenn ich mir heute die Programmatik der Bundespartei anschaue, gibt es gar nichts, wo ich grundsätzlichen Widerspruch anmelden würde.» Ein Aussenseiter, so viel steht fest, ist er heute nicht mehr. Programmatisch, meint Tillschneider, habe sich die von ihm favorisierte Richtung durchgesetzt. Das bewahrte ihn aber nicht vor weiteren Reibereien. Anfang Jahr fiel sein Name im Zusammenhang mit der sogenannten Vetternwirtschaftsaffäre. Es hiess, Abgeordnete stellten Familienmitglieder bei Kollegen an. Laut dem geschassten Ex-Generalsekretär Jan Wenzel Schmidt würden zudem die wichtigsten Entscheidungen im Landesverband von einer verschworenen «Pokerrunde» getroffen. Was es damit auf sich hat? «Zur Pokerrunde äussere ich mich nicht», antwortet Tillschneider. Er lächelt das Thema weg. Im Gegenwind stand Tillschneider auch wegen seiner Affinität zu Russlands Machthaber Wladimir Putin. Kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte er ihn als einen «echten Kerl» gelobt, den früheren amerikanischen Präsidenten Joe Biden nannte er hingegen eine «giftige alte Kröte». Seiner Sympathie für Putin liess er Taten folgen: Im September 2022 machte er sich mit zwei weiteren AfD-Politikern auf den Weg in den russisch besetzten Donbass. Die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla pfiffen die Gruppe zurück. Die Reise sei nicht abgesprochen gewesen und nicht im Sinne der Partei, teilten sie mit. Noch auf russischem Boden brachen alle drei Politiker die Reise ab. Ja, das sei eine «irre» Idee gewesen, mitten in ein Kriegsgebiet zu reisen, sagt Tillschneider rückblickend. Natürlich habe die Parteiführung mit ihrer Kritik recht gehabt. Spricht man mit ihm über Aussenpolitik, merkt man aber auch, dass er seine vormals antiamerikanische Position revidiert hat. «Unter der Trump-Administration hat sich der russisch-amerikanische Gegensatz erledigt», sagt er. «Donald Trump sieht die Deutschen als Premiumpartner der USA, und deshalb ist es im deutschen Interesse, gute Beziehungen zu ihm zu pflegen.» «Die Antifa von heute ist doch auch nicht die ‹rote SA›» Diese aussenpolitische Neujustierung zeigt sich auch in Tillschneiders Büro. Zu den Devotionalien gehören nicht nur zwei russische Samoware, eine Tasse der russischen Armee und eine Matrjoschka, sondern auch eine rote Cap mit der Aufschrift «Make America great again». Ein Motiv, das Tillschneider gefällt: Dem ebenfalls anwesenden Fotografen schlägt er vor, der Matrjoschka die Maga-Cap aufzusetzen. Doch sie ist ihr zu gross. Ob es in Ordnung sei, stattdessen die Wodkaflasche zu fotografieren, die einem Kalaschnikow-Gewehr nachempfunden ist. Das sei ihm zu blöd, sagt er, und ausserdem stamme die Flasche nicht aus Russland, sondern aus Polen. Für einen Moment wirkt er unwirsch, offenbar ist er von den Klischees über seine Person genervt. Dann fängt er sich wieder. Lieber lässt sich Tillschneider vor seinem Bürgerbüro fotografieren. «Mahlzeit», grüsst ein älterer Herr auf dem Fahrrad, während er posiert, ein Autofahrer hupt zweimal und winkt Tillschneider zu. Dieser winkt zufrieden zurück. Man kennt sich also, und man schätzt sich. Auf dem Weg hinauf zur Burg kommen wir am barocken Rathaus vorbei, die Stadt wirkt sauber und aufgeräumt. Tillschneider spricht über die Edelherren von Querfurt, die dort residierten, und über das Glück, dass die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern im Zweiten Weltkrieg kaum Schäden davontrug. Mit der Art, wie in Deutschland des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus gedacht wird, hat die AfD ihre Probleme. Das ständige Wachhalten der nationalsozialistischen Verbrechen durch die bisherige Erinnerungskultur habe den Deutschen eine «Identitätsstörung» beschert, ist im Wahlprogramm der sachsen-anhaltischen AfD zu lesen. Möchte sie den Holocaust aus dem Geschichtsunterricht verbannen? Nein, antwortet Tillschneider. Der Unterricht werde normal stattfinden, und zwar unter der Massgabe, dass «jede Epoche einzigartig» sei. Auch die Orte der nationalsozialistischen Verbrechen sollten weiter besucht werden. «Wir wenden uns bloss gegen die Vergleiche zwischen der AfD und der NSDAP, die manche Gedenkstättenleiter anstellen. Die Antifa von heute ist doch auch nicht die ‹rote SA›.» Er wirkt fast versöhnlich. «Das ist ein entwurzeltes Bauen», sagt er über das Bauhaus Den Weg zur Burg säumen alte Grabkreuze, deren Aufschriften längst verwittert sind. Der Rundturm der Querfurter Burg, im Volksmund «Dicker Heinrich» genannt, ragt bedrohlich über die Mauer und verdeckt die Abendsonne. Die Burg ist eine der grössten in Deutschland, und sie hat alle Epochen deutscher Geschichte seit dem frühen Mittelalter miterlebt. Das zeigt sich auch an ihrer Bauweise: Sie wurde Schicht für Schicht gebaut. Der «Dicke Heinrich» wurde im 12. Jahrhundert auf dem Fundament eines romanischen Eckturms errichtet, die romanische Burgkirche ist im Laufe der Jahrhunderte durch Anbauten erweitert worden. Ungefähr so, sagt Tillschneider, stelle er sich auch die authentische deutsche Architektur vor. Sie solle auf der Tradition aufbauen und diese fortschreiben, statt sie niederzureissen. Doch genau das habe die Architekturschule des Bauhauses getan und sich damit an der Tradition versündigt. «Das ist ein schlechtes Bauen, ein entwurzeltes Bauen», sagt Tillschneider. «Es fehlt das Fundament, auf dem es steht.» Tillschneider äussert damit eine Kritik am Bauhaus, die auch andere Konservative vor ihm formuliert hatten. Deutsche Politiker unterstellten ihm allerdings Sympathie für die Nationalsozialisten, die das Bauhaus für «verjudet» hielten. Das weist Tillschneider mit Entschiedenheit zurück: «Jeglicher Antisemitismus ist mir fremd.» Er sagt, wenn er von «Globalisten» spreche, dann meine er nicht die Juden, sondern «Strömungen aus unterschiedlichen Ländern», die unabhängig voneinander eine «Einheitswelt» schaffen wollten. Strömungen wie das Bauhaus eben. Hier, in der alten Burg, ist Tillschneider ganz bei sich selbst. Beim Abstieg lässt er sich zu einigen kulturtheoretischen Überlegungen hinreissen. Kulturen lebten nur, so philosophiert er, insoweit sie sich wandelten: «Eine Kultur, die immer gleich bleibt, ist tot.» Er will damit wohl sagen, dass er sich dem Wandel der Zeit nicht verschliesse. Nur dürfte er sich darunter etwas anderes vorstellen als die meisten Deutschen.