Zu hohe Kosten, Sparverhalten und Discounter
Soester Anzeiger Lokales Soest Insolvenz bei Bäckereien: Zu hohe Kosten, Sparverhalten und Discounter machen sich bemerkbar Von: Marion Heier Uns auf Google folgen Soester Bäckereien stehen angesichts der Wirtschaftskrise vor großen Herausforderungen: Kuchen und Coffee to go laufen nicht mehr, Kunden bedienen sich vermehrt an den Backshops im Supermarkt. Soest – Immer mehr Bäckereien in Deutschland hören auf. Im ersten Halbjahr meldeten nach Angaben der Auskunftei Creditreform bundesweit 63 Betriebe Insolvenz an. Das sind 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Als Gründe für das Bäckereien-Sterben von überwiegend inhabergeführten Geschäften werden steigende Kosten, ein wachsender Preiskampf und sparsame Konsumenten angeführt, die immer mehr bei den Backshops der Discounter kaufen, anstatt beim klassischen Bäcker um die Ecke. Tiefgreifender Strukturwandel bringt Bäckereien in Not Auch Karin Steinhoff, Inhaberin von neun Filialen im Raum Soest, zeichnet ein pessimistisches Bild. „Es wird schwierig“, sagt sie. „Die Kosten wachsen uns über den Kopf, Verkaufszahlen und Umsätze gehen zurück.“ Dies nicht nur, weil die Preise für Zutaten und Energie gestiegen sind, sondern auch, weil die Wirtschaftskrise die Kunden zum Sparen zwinge. „Beim Discounter ist es günstiger“, beobachtet sie ein verändertes Verkaufsverhalten, das ihr mitunter Einbußen von fast 50 Prozent einbringt; bei Kuchen etwa, der „extrem schlecht läuft“. Auch den Coffee to go leisteten sich viele nicht mehr. Tendenz: abwärts. Das betreffe auch die Suche nach Nachwuchs. „Eigentlich müssten wir die Preise viel höher ansetzen. Aber die können wir so nicht an unsere Kunden weitergeben“, sagt sie, die rund 100 Angestellte versorgen muss und ständig an neuen Angeboten arbeitet, um die Kundschaft zu halten. Die Cafés in allen Filialen würden zwar genutzt, seien aber wirtschaftlich gesehen Nebenschauplätze. Mittlerweile beobachte sie Kollegen, die sich, „um zu überleben“, von größeren Konsortien aufkaufen lassen. Sie habe immer gedacht, dass ihr Job krisensicher sei. Dass es sich so entwickeln würde, hätte sie nicht gedacht. Tiefgreifender Srukturwandel „Bereits seit 2023 beobachten wir in dieser Branche ein erhöhtes Insolvenzgeschehen“, sagt der Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. Die Zahlen spiegeln einen tiefgreifenden Strukturwandel wider. Konsumgewohnheiten veränderten sich. „Viele Verbraucher, auch aus höheren sozialen Schichten, kaufen Backwaren heute an Backstationen im Supermarkt oder beim Discounter, häufig verbunden mit dem Wocheneinkauf“, so Hantzsch. Hinzu komme die Sparsamkeit der Konsumenten und ein wachsender Preiswettbewerb zwischen Bäckereien. Ebenso beobachtet Bäckermeister Simon Hoberg von der Brotmanufaktur Herr von Myra an der Brüderstraße ein strukturelles Problem, das letztlich nicht nur die Bäckereien betreffe. Dank seines Alleinstellungsmerkmals als Bäckerei mit sichtbarer Backstube für den Kunden unmittelbar hinter der Verkaufstheke habe er zwar keine akuten Probleme, doch ist auch für ihn die Preiskalkulation ein großes Thema. Eine Lachsbrotzeit für 30 Euro? Da würden ihm die Kunden wegbrechen, verdeutlicht er, dass der wirtschaftliche Druck durch steigende Kosten immer stärker wird. „Nicht nur ein Bäckereisterben, sondern ein Wirtschaftssterben“ Und zwar in allen Bereichen: „Blicken Sie mal Richtung Tankstelle“, rückt er das Bäckereisterben in einen übergeordneten wirtschaftspolitischen Kontext, wonach der Verbraucher immer wieder neuen Abhängigkeiten ausgesetzt werde. „Wir erleben nicht nur ein Bäckereisterben, sondern ein Wirtschaftssterben.“ Er vermisse eine liberale Politik mit mehr Möglichkeiten für die Wirtschaft und der Möglichkeit, zu wachsen. Statt ständiger Eingriffe von oben wünscht sich Hoberg eine Deregulierung. Ihm ginge es noch gut, auch wenn er die Situation bedrohlich findet. Mit seiner Brotmanufaktur könne er effizient und nachhaltig arbeiten. In der Manufaktur ruht der Teig 48 Stunden lang auf natürliche Art und Weise, bevor er in den Ofen kommt. „Wir backen nur das, was der Kunde nachfragt, und das vor seinen Augen“, so Hoberg über das doch etwas andere Herr von Myra-Konzept. Guter Dinge ist Heidi Schlautmann. Die Brotfee aus Lippetal ist bis 29. August mit ihren Hausmacher-Stullen im Pop Up-Store an der Marktstraße 7 zu finden. Für gewöhnlich gibt sie Brotbackkurse, nun backt sie in ihren sechs Öfen jeden Morgen Dinkel-Sauerteigbrote, die im Store besonders belegt werden – mit Sylter Leberwurst, Roastbeef oder Räucherlachs. Sie betrachtet das zweimonatige Intermezzo als Abenteuer, neue, auch zukünftige Möglichkeiten auszuprobieren. Auch sie sieht die Branche vor einem vielschichtigen Problem, vor allem in den explodierenden Energie- und Materialkosten und im Personal, das sie selbst noch sucht.