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Zum Tod des Sprachwissenschaftlers Wolf-Dieter Stempel

Wissenschaft

1929 wurde Wolf-Dieter Stempel als Sohn des späteren Kirchenpräsidenten der pfälzischen Landeskirche, Hans Stempel, in Landau geboren. Die Universität war ihm durch seinen mütterlichen Großvater, den Altgermanisten Friedrich Panzer, der in Frankfurt und Heidelberg das Amt des Rektors bekleidete, gleichsam in die Wiege gelegt. Bis ins hohe Alter blieb ihm sein Elternhaus ein Quell dankbarer und glücklicher Erinnerung.

Nach dem Studium in Marburg, Aix-en-Provence, an der Sorbonne und in Heidelberg wurde er dort 1954 mit der Dissertation „Die romanischen Obstbaumbezeichnungen. Eine morphologische Untersuchung“ promoviert. Sie stand ganz im Zeichen der wortgeschichtlichen Interessen seines Lehrers Harri Meier, dem er als Assistent an die Bonner Universität folgte. Als er dort an seiner – 1962 abgeschlossenen – Habilitationsschrift arbeitete, riet ihm sein acht Jahre älterer Freund Hans-Robert Jauß in einem oft von ihm zitierten Brief „Seien Sie radikal!“. Und er war es. Denn hinter dem bescheidenen Titel, „Untersuchungen zur Satzverknüpfung im Altfranzösischen“, verbirgt sich nicht weniger als eine bahnbrechende Veränderung der historischen Sprachwissenschaft.

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Auch Parataxe kann differenzieren

Galt das Altfranzösische bis dahin als eine Sprache, die den reichen Bestand lateinischer Konjunktionen nicht bewahrt hatte und deshalb arm an hypotaktischen Verbindungen und damit an semantisch-logischer Differenzierung war, gelang es Stempel, zu zeigen, dass diese bloße Orientierung an der syntaktischen Form in die Irre führt. Überzeugend demonstrierte er, dass das Altfranzösische vielmehr parataktische Muster entwickelt hat, die nicht minder differenzierte Verhältnisse auszudrücken vermögen. Nicht die Sprache war unterentwickelt, sondern das Instrumentarium ihrer Untersuchung.

Stempels struktureller Blick auf die Sprache, der die Funktion gegenüber der Form privilegiert, hat nicht nur das historische Vorurteil einer „primitiveren“ Entwicklungsstufe des Französischen revidiert. Er hat ebenso die Aufmerksamkeit auf bis dahin kaum beachtete Dimensionen der Sprache – die Umstände der Sprechsituation, die Zugehörigkeit zu bestimmten Gattungen und die Ordnungen der Rede jenseits des einzelnen Satzes – gerichtet, die später in der linguistischen Pragmatik oder Textlinguistik Furore machen sollten. Stempels Habilitationsschrift ist eines der großen Bücher der romanistischen Sprachwissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts.

Seine glanzvolle akademische Karriere begann 1963 – nach Ablehnung eines Rufes an die Universität Gießen – mit einem Ruf auf ein Bonner Ordinariat. 1967 wechselte er an die neu gegründete Universität Konstanz und folgte 1973 einem Ruf nach Hamburg, von wo er 1985 an die Universität München ging. Dort wurde er 1994 emeritiert. 1990 wurde er zum Mitglied der Academia Europaea gewählt. Zur überragenden Persönlichkeit seines Faches wurde Wolf-Dieter Stempel dadurch, dass er sich als vielleicht Einziger, unterstützt von seiner universellen Bildung, gleichermaßen souverän in Sprach- und Literaturwissenschaft bewegte. Sein Œuvre verbindet den Ursprung der Romanistik, die traditionelle historische Sprachwissenschaft, die er genauestens kannte und die er zugleich wegweisend verändert hat, mit der methodischen Transformation der Literaturwissenschaft seit den Sechzigerjahren, an der er prägend mitgewirkt hat.

Er brachte die Formalisten nach Deutschland

So trug er wesentlich zur Rezeption der russischen Formalisten in Deutschland durch die Herausgabe ihrer Schriften bei und war von Beginn an ein führendes Mitglied der Gruppe Poetik und Hermeneutik. Ihren fünften Band, „Geschichte – Ereignis und Erzählung“, betreute er zusammen mit Reinhart Koselleck – ein frühes Stück Forschung zu jenem interdisziplinären Gespräch zwischen Geschichte und Literatur, das bis auf den heutigen Tag andauert.

Dass er auch in seinen späteren Jahren den Kontakt zur historischen Sprachwissenschaft nie verloren hat, zeigt sich in der Übernahme und Fortführung des großen Projekts eines Wörterbuchs des mittelalterlichen Okzitanischen von seinem Münchner Vorgänger Helmut Stimm. Es hat ihn am Ende seines Lebens sehr bekümmert, dass die Förderung dieses Vorhabens eingestellt wurde und es, trotz seiner großen Resonanz, ein Torso zu bleiben droht. Vielleicht ist es an der Zeit, die Finanzierung dieser Erschließung der Sprache, von der die nachantike und bis in die Moderne wirksame europäische Lyrik ihren Ausgang genommen hat, auf europäischer Ebene fortzuführen.

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