Zur Lage der Soziologie: Replik auf Jürgen Gerhards und Jörg Rössel
Jürgen Gerhards und Jörg Rössel haben den aktuellen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), einer Fachgesellschaft mit 3900 Mitgliedern, zum Anlass genommen, ein grob verzerrtes Bild ihres Faches zu zeichnen. Sie adressieren ihre Kritik gleichermaßen an die Akademie für Soziologie (mit circa 400 Mitgliedern) und die DGS, an die quantitative wie die qualitative Sozialforschung. Die Kritik trifft durchaus einen Punkt, der der Diskussion bei unserem Kongress wert gewesen wäre und der auch uns ein Anliegen ist. Wir stimmen der Einschätzung zu, dass ein Teil der standardisierten Forschung, der theoretisch wie methodisch stark auf selbstbezügliche Spezialisierung setzt, das Problem hat, im Durchqueren von Colemans „Badewanne“ wieder bei den großen Fragen anzukommen. Und natürlich gibt es solche Kleinteiligkeit auch in Teilen der qualitativen Forschung. Die Kollegen verfehlen bei ihrer Kritik jedoch das Gesamtbild ihres Faches – seiner Leistungsfähigkeit wie seiner Schwächen –, wie es sich auf einem DGS-Kongress mit seinen mehr als 900 Vorträgen darstellt.
Aber der Reihe nach. Große Fragen, die Orientierung geben, gibt es in jedem Fach: Was ist der Anfang des Lebens? Was war vor und nach dem Urknall? Wie können wir den Krebs besiegen? Jede Biologin, jeder Physiker und jede Onkologin, die durch diese Fragen motiviert ihre Fachkongresse besuchen, werden in deren Programmheften auf die Kleinteiligkeit stoßen, die auch Gerhards und Rössel beim Blättern fanden. Normal Science besteht nicht aus ultimativen Entdeckungen, genialen Ideen und paradigmatischen Brüchen, sondern aus der Kumulation von Fallstudien, Überlegungen und empirischen Details zu diversen Milieus, Organisationen und Teilsystemen der Gesellschaft.
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Die Kollegen wollen diese Diskrepanz von großen Fragen und täglicher Forschungsarbeit auf eine „tieferliegende Ursache“ zurückführen: die Überfokussierung des Individuums als analytischer Einheit, gekoppelt mit methodischem Rigorismus. Adressiert vor allem an die Akademie für Soziologie und die Wirtschaftswissenschaften konstatieren sie, viele am methodischen Individualismus orientierte Forschungen hätten zu einer „unendlichen Anzahl von kleinteiligen und häufig überraschungsarmen Publikationen … auf methodisch sehr hohem Niveau“ geführt. Vernachlässigt würden kollektive Akteure und Institutionen. Dieser Diagnose stimmen wir zu. Allerdings sei auch daran erinnert, dass etwa der Deutschen Lebensverlaufsstudie, die basierend auf Individualdaten Geburtsjahrgänge über lange Zeiträume untersuchte, der Sprung zur Makroebene durchaus gelungen ist: Sie hat Wesentliches zur Erklärung der sozialen Mobilität und Wohlfahrtsentwicklung geleistet. Auch deshalb wurde Karl Ulrich Mayer in Mainz der Preis für ein herausragendes Lebenswerk verliehen.
Die Methode folgt dem Gegenstand
Gänzlich an der Sache vorbei geht die Behauptung, die Überfokussierung des Individuums kennzeichne die Soziologie als ganze. Wenn die Kollegen schreiben, auch die qualitative Forschung kranke daran, übersehen sie das breite Spektrum von Ansätzen. Zwar gibt es auch hier – in der Sache begründet – eine explizit am Individuum ansetzende Biographieforschung (eine von 36 DGS-Sektionen), aber Interaktionsanalysen folgen einem methodologischen Situationismus, Ethnographien sind auf Lokalitäten bezogen, Diskursanalysen meist dezidiert makrosoziologisch angelegt, und zahlreiche Studien fokussieren auf kollektive Orientierungen und Habitusformen. Der methodologische Individualismus ist in vieler Hinsicht zu eng für den intellektuellen Horizont des Faches.
Die qualitativen Methoden (ebenfalls nur eine DGS-Sektion) befinden sich schon lange nicht mehr in Grabenkämpfen um den richtigen Weg. Ihr Credo ist vielmehr die Gegenstandsangemessenheit des methodischen Vorgehens: Wo Interaktionen untersucht werden sollen, sind Video-Aufzeichnungen adäquat, wo es um Szenen oder Milieus geht, wird man ethnographisch vorgehen und so weiter. Dieses Angemessenheitspostulat gilt natürlich auch für Fragen, zu denen quantitative Daten zu erheben sind. Die Sektion Qualitative Methoden hat bereits mehrere Tagungen zum Thema Mixed Methods veranstaltet, „Gesellschaftstheorie und qualitative Sozialforschung“ war ihr Thema auf dem aktuellen Kongress.
So wichtig das Ziel der Erklärung von Sachverhalten für die Soziologie ist, stellt doch die von Gerhards und Rössel vorgenommene Reduktion aller Erklärung auf Kausalerklärung eine Verengung dar. Die Soziologie arbeitet auch mit historisch-genetischen Erklärungen, die nicht Ursachen, sondern Entwicklungspfade und Konstellationen rekonstruieren, mit funktionalen Erklärungen, die soziale Phänomene als Lösungen von Bezugsproblemen auffassen, und als verstehende Soziologie, die Phänomene in ihrem kulturellen Sinnzusammenhang erklärt.
Und fehlt es wirklich an der Berücksichtigung kollektiver Akteure? Die Politische Soziologie und die Organisationssoziologie widmen sich ihnen ausdrücklich, in der Migrations-, Professions- und Europasoziologie sind sie von zentraler Bedeutung, und die Kultur-, Religions-, Medien- und Wissenssoziologie richten sich nicht primär auf Individuen, sondern auf kollektive Wahrnehmungen und Deutungsmuster.
Die Autoren konzedieren, dass sich die soziologischen Zeitdiagnosen nicht in ihr Bild fügen. Aber auch die soziologische Theorie, die sich auf die Grundlagen von Sozialität und auf Gesellschaftssysteme richtet, fügt sich dieser Karikatur nicht. Sie kommuniziert dabei oft (ganz im Sinne der Autoren) nicht im Medium bisweilen verwechslungsanfälliger Papers, sondern erlangt ihre Öffentlichkeitswirksamkeit mit Büchern. Auch verfügt die deutsche Soziologie über vier Sonderforschungsbereiche, die gerade für die Untersuchung größerer Forschungsprobleme kollaborieren. Sie brauchen die theoretische Integration und methodische Toleranz, um die sich die DGS bemüht.
Kann die Soziologie in ihrer Breite denn nun zum Verstehen großer gesellschaftlicher Fragen beitragen? Um das zu sehen, muss man ihre Kongresse besuchen. Wir hörten in Mainz Plenarvorträge zur Klimazukunft, zur Gestaltung der KI-Zukunft durch das Silicon Valley, zu Kapitalismus ohne Liberalismus, zur Ungleichheit der Zukunft, zur Wohnungskrise und zu Verschwörungstheorien. Wir besuchten Podiumsdiskussionen zur Zukunft von Frieden und Krieg, von Demokratie und Wissenschaftsfreiheit. Wir hörten Vorträge zur Imagination globaler Ordnung im Völkerrecht und zur fossilen Moderne (Andreas Folkers), die mit ihren Brennstoffen auf materiellen Voraussetzungen beruht, die sie nicht selbst schaffen kann und deren nachhaltige Wirksamkeit die moderne Erzählung von einem Fortschritt in eine offene Zukunft unterläuft.
Jürgen Gerhards und Jörg Rössel haben am Fall eines kleinen Segments der Soziologie eine große Klage über das gesamte Fach angestimmt. Wir würden uns freuen, sie beim DGS-Kongress in Leipzig 2028 mit einem Vortrag zum Verständnis großer Fragen der Gesellschaft begrüßen zu können.