Zwei Brüder, ein Hof: "Broder" ist Dörte Hansens neues Meisterwerk
NDR Buch des Monats: "Broder" von Dörte Hansen
Stand: 07.09.2026 11:45 Uhr
Am Mittwoch erscheint der neue Roman der in Nordfriesland lebenden Autorin Dörte Hansen. In "Broder" erzählt sie von Liebe, die zu Rivalität wird - und von einer Landwirtschaft am Limit.
von Katja Weise
Dörte Hansen braucht nur wenige Worte, um eine ganze Geschichte zu erzählen:
Im Februar steht alles auf der Kippe. Die Haselsträucher blühen, und die Amseln singen schon, aber die Böden sind noch nass und kalt und auf den Höfen alle Hoffnungsspeicher leer. (..) Wenn einer aufgibt, tut er es im Februar. Auszug aus "Broder"
Ab Seite eins möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, keine Chance, sich aus dieser Geschichte vorzeitig zu verabschieden.
Eine Liebe, die zu Rivalität wird
Wieder zieht es die Autorin aufs Land. Der Bahnsenhof ist ein zentraler Ort der Handlung, der größte in der Gegend, mit digitalem Herdenmanagement, geführt von Henning Bahnsen, der Vater lebt noch auf dem Altenteil. Der wenige Minuten jüngere Zwillingsbruder Broder ging leer aus, dabei galt er lange als Nachfolger: Broder wollte nie etwas anderes als Bauer werden.
"Dieser große Konflikt zwischen den beiden Brüdern ist eine Tragödie, weil die sich so nahestanden", erklärt Dörte Hansen. "Das sind Zwillinge, die sehen sich zum Verwechseln ähnlich, sie waren immer sehr verschieden, aber sie waren fast symbiotisch. Diese große Liebe, die dann zu so einer harten Rivalität wird, das ist der zentrale Konflikt in dem Roman." Im Roman liest sich das kurz und knapp so:
Zu zweit sind sie am besten, und das wissen sie. Nur geht es manchmal nicht zusammen. Auszug aus "Broder"
Broder geht nach Frankreich, wird Tierarzt und kehrt, als im Norden eine Stelle frei wird, dorthin zurück. Er versorgt auch die Hochleistungskühe auf dem Bahnsenhof, ohne von dem Bruder dafür angemessen entlohnt zu werden - Familie halt. Broder ist auch der erste, der bemerkt, dass Henning in Schwierigkeiten steckt, und wird sich später vorwerfen, weggesehen zu haben.
Eine Welt im Umbruch - und keiner kommt mit
Wie schon in ihren anderen Romanen erzählt Dörte Hansen von Verlusten - in der Familie, auf dem Hof. Ertrag kommt vom Ertragen, sagt der Altbauer; die Söhne sind mit diesem Satz groß geworden. "Was meine Figuren immer haben in den Büchern, ist eine große Resilienz. Sie kommen klar mit Erschütterungen, sie sind gut im Ertragen", sagt Hansen.
Doch was, wenn der Leistungsdruck immer größer wird, eine neue Generation einen anderen Umgang mit den Tieren fordert, die Kosten jedoch schon lange nicht mehr gedeckt sind? Henning rechnet, versucht zu optimieren; Broder streitet heftig mit seiner Tochter, die nach einem Praktikum bei ihm droht, das Studium der Tiermedizin abzubrechen. Mensch und Tier scheinen der sich rasant verändernden Welt nicht mehr gewachsen.
Dörte Hansen schildert den Wandel in der Landwirtschaft und auch den Tierarztalltag so präzise, als hätte sie monatelange Praktika gemacht: "Das habe ich anfangs überlegt, ob ich das mache, und dann habe ich mich dagegen entschieden, weil ich nicht wollte, dass dieser Tierarzt, den ich da begleite, so eine Art Modell wird für meinen Broder. Deswegen bin ich auch nicht auf den Hof gefahren zum Recherchieren, sondern habe am Schreibtisch recherchiert." Und die Figuren erfunden. Stark sind die Frauen, die die "Dorfgrammatik" kennen, die Familie zusammenhalten.
Fazit zu "Broder": Präzise, poetisch, packend
Dörte Hansen ist mit "Broder" ein großer Roman gelungen, der mit unwiderstehlicher Klarheit von Umbruch und Verlust erzählt. Nie schreibt sie ein Wort zu viel, nie eins zu wenig. Die Figuren sind wie aus dem Leben gegriffen und die Bilder, die sie findet, ebenso ungewöhnlich wie ergreifend eingängig.
Der Himmel ist in diesen Tagen seltsam weiß, wie eine leere Leinwand, über flachen Grund gespannt, unendlich Platz für Sätze oder Fragen. Man könnte alles denken, alles schreiben oder malen in den endlos weiten Raum. Auszug aus "Broder"
Oder Dörte Hansen lesen. Unbedingt.