Zwei Jahre nach dem Untergang der Bayesian ist der Erbauer TISG pleite
Für die Angehörigen der Bayesian-Todesopfer ist das keine gute Nachricht: Der italienische Konstrukteur der vor knapp zwei Jahren untergegangenen Segelyacht ist zahlungsunfähig und steht nun zum Verkauf. Der Gründer und Präsident der Holdinggesellschaft The Italian Sea Group (TISG), Giovanni Costantino, und sein Sohn, der Verwaltungsratsmitglied war, haben ihre Ämter niedergelegt. Seit Wochenbeginn ist das Verkaufsverfahren der Insolvenzverwalter eröffnet. Eine Reihe von Kostenüberschreitungen, interne Unregelmäßigkeiten sowie ein massiver Reputationsverlust haben TISG in die Existenzkrise gestürzt. Wie viel Geld für künftigen Schadenersatz bleibt, ist nun ungewiss. Die Ehefrau des ertrunkenen britischen Unternehmers Mike Lynch, Angela Bacares, die überlebte und der die Unglücksyacht gehörte, hat Ansprüche in unbekannter Höhe erhoben, wie TISG schon im Januar berichtete. Es geht um die Frage, ob die Bayesian im Prinzip „unsinkbar war“, wie der TISG-Chef Costantino in mehreren Interviews behauptete. Und ob die Crew schwerwiegende Fehler machte. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Hinterging eine Gruppe von Managern den Konzernchef? Über den schwelenden Rechtsstreit hinaus haben sich nun jedoch auch eklatante Missstände innerhalb der Yachtengruppe offenbart, die immerhin als fünftgrößter Anbieter der Welt bei Booten von mehr als 24 Meter Länge gilt. Schon im Februar war der TISG-Verwaltungsratsvorsitzende Filippo Menchelli im Streit mit Costantino zurückgetreten. Es ging um Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen und falsche Kostenabschätzungen. Costantino behauptet, dass ihn eine Gruppe von fünf TISG-Managern lange Zeit hintergangen habe, indem sie ihm die wahren Kosten für den Bau mehrerer Yachten verheimlichte. Diese fünf Manager, die er laut eines kürzlichen Interviews zuvor „wie Söhne behandelt“ habe, hätten Kontrollsysteme umgangen, Kontoauszüge und andere Dokumente gefälscht. Obwohl Costantino eigentlich als Kontrollfreak gilt, habe er diese Manager an der langen Leine gelassen und sei bitter enttäuscht worden. Daher sah er sich gezwungen, im Februar aus seinem eigenen Geld 25 Millionen Euro in die Firma einzuschießen – „damit wir überhaupt noch die Gehälter bezahlen konnten“. Der Verwaltungsrat glaubte Costantino zunächst und wählte ihn im gleichen Monat sogar noch zu seinem neuen Präsidenten. Doch viel länger konnte Costantino die Zurückweisung eigener Schuld nicht aufrechterhalten. Im Juli trat er mit seinem Sohn von allen Ämtern zurück. Nur übergangsweise will er noch ein paar Wochen im Unternehmen bleiben. Es gilt als äußerst unwahrscheinlich, dass er seinen Mehrheitsanteil von 53 Prozent an TISG behalten kann. Vor 17 Jahren hat Costantino die Gruppe gegründet und durch mehrere Zukäufe groß gemacht. Die wichtigsten Gesellschaften sind die Marken Admiral für elegante Yachten, Tecnomar für sportlichere Modelle sowie die Werft Perini Navi für große Segelboote, welche die Bayesian im Jahr 2008 und damit lange vor der TISG-Übernahme gebaut hatte. Hinzu kommen die Marke Picchiotti für klassische und historische Anfertigungen sowie der Umbau und die Instandhaltung von Yachten. Einen Namen hat sich das Unternehmen unter anderem in der Zusammenarbeit mit Lamborghini und mit Armani gemacht. Große italienische Adressen an TISG interessiert Doch jetzt ist aller Glanz verflogen. Für das vergangene Jahr weist TSIG auf korrigierter Basis einen Verlust von 157 Millionen Euro und ein negatives Eigenkapital in Höhe von 376 Millionen Euro aus. Bis zur Hälfte dieses Jahres ist bei einem Umsatz von knapp 58 Millionen Euro ein weiterer Nettoverlust von rund 16 Millionen Euro angefallen. Costantino hat versucht, mit mehreren Kunden über Nachzahlungen zu verhandeln, doch offenbar mit begrenztem Erfolg. Der Zusammenbruch von TSIG hatte alle möglichen Anbieter auf den Plan gerufen. Große italienische Adressen wie Sanlorenzo, Feretti und unter Umständen auch Azimut-Benetti gelten als interessiert an der ganzen Gruppe oder einzelnen Bestandteilen. Das Bieterverfahren wird mehrere Monate dauern. Schuldfrage für das Unglück weiter ungeklärt In Sachen Bayesian geht der Rechtsstreit indes weiter. Die riesige Yacht mit einem Einzelmast von mehr als 72 Meter Höhe sei in jeder Wetterlage stabil gewesen, argumentiert TISG und gibt der Crew die Schuld, Luken oder Türen trotz des heraufziehenden Sturms geöffnet und das Kiel teilweise hochgezogen zu haben. Daher hat TISG die Bootsfirma der Witwe Bacares sowie den Kapitän James Cutfield und zwei weitere Besatzungsmitglieder auf insgesamt 456 Millionen Euro Schadenersatz verklagt. Seit dem Unfall habe die Werft Perini Navi keinen einzigen Auftrag mehr erhalten, beklagte der Yachtenbauer. Gerichtlich sind die Verantwortlichen des Unfalls vom 19. August 2024 nahe der sizilianischen Küste weiter ungeklärt. Die italienische Staatsanwaltschaft sowie britische Behörden untersuchen das Unglück der in Großbritannien registrierten Yacht weiter. In einem Zwischenbericht hatte die britische Marinebehörde MAIB Zweifel am Design erhoben und an der Frage, ob die Besatzung über die Risiken ausreichend informiert wurde. Die italienische Staatsanwaltschaft soll nach einem Medienbericht dagegen stärker die Besatzung in die Verantwortung ziehen, weil sie etwa die Wetterlage falsch eingeschätzt habe. Doch solche Informationen sind noch nicht bestätigt. Dass die Katastrophe zivilrechtliche Folgen nach sich ziehen wird, steht außer Frage, handelte es sich bei den Ertrunkenen doch um äußerst vermögende Opfer: Mike Lynch war ein milliardenschwerer britischer Unternehmer, der gerade einen Prozess gegen Hewlett-Packard in den Vereinigten Staaten gewonnen hatte. Er ertrank mit seiner Tochter Hannah, die er zusammen mit Angela Bacares hatte. Außerdem kamen zu Tode der Chairman von Morgan Stanley International, Jonathan Bloomer, und seine Frau Judy sowie der Topanwalt Chris Morvillo von der Kanzlei Clifford Chance mit seiner Frau Neda Morvillo. Recaldo Thomas, der Koch, war das einzige Opfer unter den Besatzungsmitgliedern. Mit der Insolvenz von TISG wird der Erhalt von Schadenersatz für die Angehörigen schwieriger. Der Bieter Sanlorenzo beispielsweise teilt mit, dass er mit seinen Partnern das Unternehmen nur frei von allen Schulden und sonstigen Verbindlichkeiten übernehmen wolle.