Zwei neue Tests gefordert
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Hälfte der Herzschwäche-Patienten betroffen: Fachleute fordern neue Nieren-Checks
Von: Sven Trautwein
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Eine Studie zeigt eine große Dunkelziffer bei Nierenerkrankungen. Zwei Untersuchungen könnten Risiken früher sichtbar machen und Therapien rechtzeitig ermöglichen.
Frankfurt – Die Nieren arbeiten im Hintergrund – und gerade deshalb wird oft übersehen, wenn ihre Leistung nachlässt. Eine chronische Nierenkrankheit verursacht in ihren frühen Stadien meist keine eindeutigen Beschwerden. Viele Betroffene fühlen sich gesund, obwohl sich die Filterfunktion bereits verschlechtert. Erst wenn Symptome auftreten, kann die Erkrankung schon weit fortgeschritten sein. Rund zehn Millionen Menschen in Deutschland leben nach Schätzungen von Fachgesellschaften mit einer chronischen Nierenerkrankung – die meisten von ihnen, ohne es zu wissen.
Eine Fachgesellschaft drängt deshalb auf eine genauere Suche – vor allem bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Risiken. Im Mittelpunkt stehen zwei Untersuchungen: ein Wert aus dem Blut und einer aus dem Urin. Sie könnten Hinweise liefern, bevor die Nieren deutlich an Funktion verlieren. Doch der entscheidende Test wird im Praxisalltag offenbar nicht immer veranlasst.
Nieren-Checks gefordert: Jede zweite Person mit Herzschwäche ist krank, ohne es zu wissen
Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) fordert, die Nierenfunktion bei Menschen mit Bluthochdruck, Herzschwäche und anderen kardiovaskulären Risiken konsequenter zu überprüfen. Nach Angaben der Fachgesellschaft hat etwa die Hälfte der Menschen mit Herzschwäche zusätzlich eine chronische Nierenkrankheit – häufig, ohne davon zu wissen. Die Zahl bezieht sich also auf diese Patientengruppe und nicht auf die Hälfte aller Erkrankungen in Deutschland.
Herz und Niere beeinflussen einander. Dauerhaft hoher Blutdruck kann die feinen Gefäße und Filterstrukturen der Niere schädigen. Umgekehrt erhöht eine eingeschränkte Nierenfunktion das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und zwar lange, bevor ein Nierenversagen oder eine Dialyse notwendig wird. „Die entscheidende Folge einer CKD ist nicht erst die Dialyse. Viele Betroffene entwickeln bereits vorher Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, wird die Nephrologin Sibylle von Vietinghoff von der DGfN zitiert. In der Medizin wird dieses Zusammenspiel zunehmend als Teil des kardiovaskulär-renalen-metabolischen Syndroms (CKM) verstanden, da sich Risiken von Herz, Nieren und Stoffwechsel gegenseitig verstärken und die Sterblichkeit vervielfachen können.
Warum der Kreatininwert allein nicht genügt
Bei Blutuntersuchungen wird häufig der Kreatininwert bestimmt. Kreatinin ist ein Stoffwechselprodukt, das normalerweise über die Nieren ausgeschieden wird. Zusammen mit Alter und Geschlecht lässt sich daraus die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate berechnen – kurz eGFR. Sie gilt als wichtiger Hinweis darauf, wie gut die Nieren das Blut filtern.
Nach Darstellung der DGfN kann der Kreatininwert allerdings erst auffällig werden, wenn die Nierenfunktion bereits deutlich eingeschränkt ist. Eine geringere oder mittelgradige Einschränkung kann dadurch unentdeckt bleiben. Die Fachgesellschaft plädiert deshalb dafür, die eGFR im Blut mit einem Urintest zu kombinieren: dem Albumin-Kreatinin-Quotienten, kurz UACR. Albumin ist ein Eiweiß, das bei gesunden Nieren nur in sehr kleinen Mengen im Urin vorkommt.
Die Kombination beider Werte soll ein genaueres Bild liefern: Die eGFR gibt einen Hinweis auf die Filterleistung, der UACR auf eine mögliche Schädigung der Nierenfilter. Nach Einschätzung der Fachleute kann das dabei helfen, Risiken früher einzuordnen und Therapien oder Medikamentendosierungen besser anzupassen.
Eine Studie zeigt die große Dunkelziffer
Wie viele Menschen von einer unentdeckten Nierenerkrankung betroffen sein könnten, deutet eine Auswertung der NAKO-Gesundheitsstudie an. Ein Forschungsteam untersuchte Blutproben von 195.000 Erwachsenen und zusätzlich Urinproben von 35.000 Teilnehmenden. Bei 18,4 Prozent derjenigen, bei denen auch die aussagekräftigere Harnuntersuchung vorlag, fanden sich auffällige Werte, die auf eine Nierenerkrankung hindeuten können. Nur fünf Prozent dieser Menschen gaben jedoch an, bereits eine entsprechende Diagnose erhalten zu haben.
Wichtig ist die Einschränkung: Eine einmalige Messung reicht nicht aus, um eine chronische Nierenkrankheit sicher festzustellen. Dafür müssen auffällige Werte über mindestens drei Monate bestehen. Werte können etwa durch kurzzeitige Dehydrierung, Infekte oder die Einnahme bestimmter Medikamente vorübergehend schwanken.
Auch international ist die chronische Nierenkrankheit ein großes, oft übersehenes Gesundheitsproblem. Eine weltweite Untersuchung im Fachjournal The Lancet zeigte, dass 2023 rund 788 Millionen Menschen betroffen waren. Ärztinnen und Ärzte gehen davon aus, dass chronische Nierenleiden in etwa 90 Prozent der Fälle unentdeckt bleiben, weil sie zunächst schleichend und ohne spürbare Symptome verlaufen.
Welche Warnsignale und Risiken im Alltag zählen
Regelmäßige Kontrollen sind nach Einschätzung der Fachleute vor allem für Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck, starkem Übergewicht, Gefäß- oder Herzerkrankungen sowie für ältere Menschen wichtig. Auch Rauchen und eine familiäre Vorbelastung erhöhen das Risiko.
Obwohl Nierenschäden lange stumm verlaufen, gibt es unspezifische Warnzeichen, auf die Fachleute hinweisen: Dazu zählen schäumender Urin (ein Indiz für erhöhte Eiweißausscheidung), Schwellungen an Beinen und Knöcheln, anhaltende Müdigkeit, unerklärlicher Juckreiz oder schwer einstellbarer Bluthochdruck.
Zudem raten Nephrologen zur Vorsicht bei Schmerzmitteln: Die regelmäßige oder übermäßige Einnahme nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac kann das Nierengewebe zusätzlich belasten und sollte bei bestehenden Risiken ärztlich abgesprochen werden.
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Früherkennung soll Therapien ermöglichen
Die Forderung nach genaueren Tests kommt auch deshalb, weil sich die Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Nieren- und Herzschwäche erweitert haben. Eine früh erkannte Nierenerkrankung kann nach Angaben der Fachleute in vielen Fällen deutlich verlangsamt oder aufgehalten werden. Bereits entstandene Gewebeschäden lassen sich dagegen häufig nicht mehr rückgängig machen. In schweren Spätstadien bleibt oft nur noch die Dialyse – auf die in Deutschland derzeit rund 100.000 Menschen angewiesen sind.
Für Menschen mit kardiovaskulären Risiken lautet die praktische Botschaft daher: Bei der nächsten Kontrolluntersuchung lohnt es sich, gezielt nachzufragen, ob neben dem Serum-Kreatinin auch die eGFR ermittelt und eine Urinuntersuchung auf Albumin (UACR) durchgeführt wird. (Quellen: Monitor Versogungsforschung, Deutschlandfunk, Welt.de, eigene Recherche) (str)