Zwei Staaten, ein Alltag? Das geteilte Deutschland in Bildern
Stand: 02.08.2026 06:00 Uhr Ein neuer Bildband zeigt Ost und West zwischen 1945 und 1989 im direkten Vergleich: Er erzählt von Trennung, Alltag und überraschenden Gemeinsamkeiten und lässt ein geteiltes Land heute neu entdecken. von Jens Büchsenmann Seine Krawatte hängt herab, berührt das regennasse Geländer der Aussichtsplattform; er hat einen Anzug an, die Hose viel zu groß. "Der 18-jährige Artist Hans Prignitz beim Handstand auf dem Turm von St. Michael", verrät die knappe Bildunterschrift. 1948 arbeitet der Fotograf Jürgen Schadeberg bei der Deutschen Presse Agentur in Hamburg. Zufällig trifft er hier seinen Jugendfreund Hans. Der ist Akrobat und braucht ein werbewirksames Porträt von sich. Die Freunde verabreden sich auf dem Michel. Während Jürgen noch den Film einlegt, turnt Hans Prignitz schon mal auf dem Geländer herum... Ein Foto und seine Geschichte. 200 Bilder hat dieses Buch, die meisten schwarz-weiß, wie das von den Kindern, die gleich nach dem Krieg um Kartoffeln kämpfen: Panik in den Augen eines kleinen barfüßigen Jungen, umringt von Männern in Lederstiefeln. Gleich gegenüber das Foto dreier Frauen, die sich mit einem aus Kisten gezimmerten Handkarren abmühen. Sie schuften im Trümmerlook der Zeit, während hinter ihnen, auf dem Trottoir der zerstörten Berliner Ladenzeile, zwei elegant gekleidete Damen flanieren. Ost und West im Nachkriegsdeutschland Ost und West gleichen sich da noch, überall im Nachkriegsdeutschland. Flüchtlinge, Kriegsheimkehrer, Zerstörung. Neuanfang. Care-Pakete für die Menschen im Westen. Im Osten Berlins wird der Volksaufstand von russischen Panzern niedergewalzt. Walter Ulbricht, der SED-Generalsekretär, rudert vor den Kreidefelsen von Rügen. Und im Westen stutzt Konrad Adenauer die Rosen in seinem Garten. Gegensätze und Gemeinsamkeiten auf jeder Doppelseite. Rechts und links als Gegenüber inszeniert, auf Bildern, die zwei Geschichten eines Landes erzählen. Die Gegensätze, aber mehr noch die Gemeinsamkeiten machen diese Fotoauswahl so einzigartig, so neu. Petra Göllnitz und die Fotoreporter der DDR Herausgegeben hat das Buch Petra Göllnitz, geboren in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Die gelernte Fotografin hat als Redakteurin in Ost-Berlin gearbeitet, später bei Gruner & Jahr in Hamburg, als Bildbeschafferin für die Zeitschriften "GEO" und "Stern". Sie kannte viele der hier versammelten Fotoreporter. Die aus Ostdeutschland, wie Ute und Werner Mahler, Gründer der Agentur Ostkreuz, oder den begabten Amateurfotografen und Bäckermeister Ludwig Schirmer, dessen alltägliche Szenen auf dem Land in der jungen DDR noch heute so berühren. Weil sie hinreißende Geschichten erzählen: von der Dorfjugend im Freiluftkino - die Teenager scheinen in eine sehnsuchtsvolle Ferne zu blicken, an der Leinwand vorbei; oder von der jungen Frau, die im glänzenden Tank eines Motorrads ihr Spiegelbild sucht, um den Lippenstift nachzuziehen. Der fremde Blick auf die DDR Nach der Wende betreut Petra Göllnitz westdeutsche Magazinfotografen, schickt sie als akkreditierte Reporter in ein Land, das so nah, und so fern und fremd ist. "Es war faszinierend, diese ganz andere Kultur, diese ganz andere Welt zu erleben, indem man nur zehn Minuten über eine Grenze fuhr, die Leute sprachen - beinahe - dieselbe Sprache (sie wurde dann schon allmählich anders), aber es war eigentlich das exotischste Thema, das ich je gemacht habe", erinnert sich Thomas Höpker von der berühmten Agentur Magnum. Er hat die Bilder geschossen für die Reportagen seiner Frau, der Journalistin Eva Windmöller, die für den "Stern" als Korrespondentin in der DDR unterwegs war. Verblüffende Parallelen der Fotomotive Es ist ein längst vergangenes, fast vergessenes Land, das in den verblüffenden Parallelen der Fotomotive in diesem Buch lebendig wird: Wie die Frau in Badeshorts am Strand von Travemünde, die einen "Blick in die Russische Zone" wagt, "für zwanzig Pfennig", wie das Schild auf dem fest-montierten Fernglas verspricht. Auf der Buchseite gegenüber parkt eine Familie ihren blitzblanken Wartburg - auf der Ostseite des Brandenburger Tors. Weit hinten auf der Siegessäule im Westen leuchtet die goldene Viktoria, unerreichbar. Mode, Bücher, Nippes: Hüben wie drüben Mode, Ost und West: Models zeigen im VEB Leuna-Werk Sommerkleider vor den fürs Foto arrangierten Werktätigen. Und an den St.-Pauli-Landungsbrücken strahlen Hafenarbeiter eine junge Frau im Mini-Rock an. Schuhmode in Dresden auf dem Bild links: Pariser Chic, von Courrèges inspiriert. Und auf dem Bild rechts eine Kundin im Schuhgeschäft in Hamburg; auch das Werbefoto fürs VEB-Uhrenwerk in Ruhla links ist mindestens so cool wie die als Nonnen verkleideten West-Models im "Afri Kola-Rausch". Gerade die Gemeinsamkeiten in BRD und DDR machen es so lohnend, in diesem Bildband zu blättern: Die Grubenarbeiter in Zwickau sind genauso schwitzend-rußverschmiert wie die Kollegen in Gelsenkirchen. Verblüffend auch, wie vollgestopft die Wohnzimmer in beiden Deutschlands sind: Bücher, Hirschgeweihe und Nippes hüben wie drüben. Was eigentlich hat sie auseinandergerissen, diese Menschen, die doch alle nur das Gleiche wollten, scheinen die Foto-Reporter beider Länder zu fragen.