Zweite Mobilisierungswelle in Russland?
Startseite Politik Hohe Verluste im Ukraine-Krieg: Putin kämpft um Freiwillige – droht neue Zwangsmobilisierung? Von: Christian Stör Uns auf Google folgen Eine neue Zwangsmobilisierung gilt in Russland als riskant. Doch selbst mit viel Geld sinkt die Zahl der Freiwilligen. Der Druck auf Putin steigt. Moskau – Seit mittlerweile viereinhalb Jahren tobt in Europa der Ukraine-Krieg. Ein Ende ist nach wie vor nicht in Sicht. Die lange Dauer des Konflikts macht sich auch in Russland bemerkbar. Angesichts hoher Verluste an der Front in der Ukraine und schwindender Zahlen freiwilliger Rekruten wächst der Druck auf das Militär. Während der Kreml und Regionalbehörden versuchen, mit finanziellen Anreizen neue Vertragssoldaten zu werben, warnen ukrainische Stellen vor einer bevorstehenden Massenmobilisierung im Herbst. Nach Angaben des Guardian wird es für die russischen Behörden zunehmend schwieriger, genügend Menschen zu finden, die bereit sind, für das Militär zu kämpfen – selbst angesichts extrem hoher finanzieller Angebote. Um eine politisch unpopuläre Zwangsmobilisierung zu vermeiden, setzt Moskau seit der ersten Teilmobilisierung im September 2022 vorrangig auf das Anwerben von Vertragssoldaten. „Das Problem für den Kreml ist, dass es viel schwieriger wird, Menschen zu finden, die bereit sind zu kämpfen, selbst für verrücktes Geld“, erklärte Aleksei Tabalow, Menschenrechtsaktivist und Leiter einer Organisation, die russischen Wehrpflichtigen hilft, gegenüber dem Guardian. Wegen hoher Verluste im Ukraine-Krieg: Rekrutierung stockt – neue Mobilisierung in Russland? Laut Recherchen des unabhängigen russischen Mediums IStories, auf die sich der Guardian beruft, haben russische Regionen mindestens 7,7 Milliarden Rubel (rund 96 Millionen US-Dollar) an Prämien für Vermittler und Anwerber gezahlt. Ein Rekrutierer aus Zentralrussland berichtete dem Guardian unter der Bedingung der Anonymität, dass seine Stelle monatlich zwischen 20 und 30 Männer finden müsse, inklusive Boni bei Übererfüllung und Strafen bei Nichterreichen: „Letztes Jahr war es einfacher. Jetzt wird es immer schwerer.“ Westlichen Schätzungen zufolge verzeichnet Russland nach Geheimdienstangaben monatlich etwa 30.000 Gefallene und Verwundete. Fachleute betonen, dass ein Großteil der neuen Rekruten lediglich dazu dient, ausgedünnte Einheiten aufzufüllen, anstatt neue Offensiveinheiten aufzubauen. Zudem nutzt Russland laut der Kyiv Post Rekrutierungssysteme im Ausland – etwa in Kolumbien, Peru oder Bolivien – sowie die Unterstützung nordkoreanischer Truppen, um Lücken zu schließen. Hohe Verluste im Ukraine-Krieg: Spekulationen und politische Risiken einer zweiten Mobilisierung Ein erneuter Zwangseinzug von Reservisten gilt als politisch hochgradig risikoreich für Präsident Wladimir Putin. Bereits die Mobilisierung im September 2022 löste erhebliche gesellschaftliche Unruhen, Proteste und eine Massenflucht von Hunderttausenden Bürgern ins Ausland aus. Ehemalige russische Offizielle wie Dmitrij Medwedew bezeichneten Berichte über eine bevorstehende Mobilisierung als „Unsinn“ und als „falsche Provokation“ der Ukraine. Auch zwei mit den Diskussionen in Moskau vertraute Quellen sowie ein hochrangiger westlicher Beamter erklärten gegenüber dem Guardian, dass derzeit keine Anzeichen für eine finale Entscheidung Putins zu einer neuen Zwangswelle vorlägen. „Es ist derzeit reine Spekulation, ob es tatsächlich zur Mobilisierung kommen wird“, sagte Iwan Tschuwiliaew dem Guardian. Der Sprecher von Get Lost, einer Gruppe, die russischen Soldaten bei der Desertion hilft, machte jedoch auch deutlich, dass die erneuten Spekulationen bereits ausgenutzt würden, um die Rekrutierung anzukurbeln. „Die Panik um die Mobilmachung wird von den Verantwortlichen ausgenutzt, um Druck auf die Männer auszuüben und sie zur Vertragsunterzeichnung zu zwingen“, so Tschuwiliaew. „Die Botschaft lautet: Die Mobilmachung kommt ohnehin, also unterschreibt lieber jetzt einen Vertrag und kassiert eine Auszahlung, bevor ihr zum Kampf gezwungen werdet.“ Geschätzte Verluste von Russland im Ukraine-Krieg – ein Überblick Kiew geht von neuer Mobilmachung für Ukraine-Krieg nach Duma-Wahl in Russland aus Einen anderen Blickwinkel liefert die ukrainische Führung: So erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 11. August, dass interne russische Geheimdienstdokumente Vorbereitungen des Kremls für eine massive Mobilisierungswelle im Herbst bestätigen. „Alles wird durch interne russische Dokumente bestätigt. Sie bereiten es für den Herbst vor“, sagte Selensykj der Kyiv Post zufolge unter Berufung auf einen Bericht von Oleh Iwaschtschenko, dem Leiter des ukrainischen Militärnachrichtendienstes. Der Zeitplan steht nach ukrainischen Angaben in direktem Zusammenhang mit der für Mitte September angesetzten Parlamentswahl in Russland. Nach der Duma-Wahl plant Putin laut Selenskyj die rasche Mobilisierung von mehreren Hunderttausend Russen bis Ende des Jahres sowie einer ähnlichen Größenordnung im darauffolgenden Jahr – zusätzlich zur laufenden Anwerbung von Vertragssoldaten. Selenskyj kündigte an, dass die Ukraine eigene aktive Gegenmaßnahmen vorbereite, um die Umsetzung dieser Pläne maximal zu erschweren, nannte jedoch keine genauen Details zu den geplanten Schritten. (Quellen: Guardian, Kyiv Post, ukrainischer Generalstab, BBC News, Mediazona, CSIS, NATO, GCHQ) (cs)