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Zwischen Freiheit, Sicherheit und Würde

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Hinter Gittern und doch frei: So leben psychisch kranke Menschen im Wohnzentrum Neumarkt St.-Veit

Von: Theresa Gruber

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Klaus Sawitzki ist das Gesicht des EHRKO-Wohnzentrums in Neumarkt St. Veit. Seit 32 Jahren erlebt er als Chef täglich, wie schmal der Grat zwischen Freiheit, Sicherheit und Verantwortung sein kann. Ein besonderer Einblick darin, wie Menschen mit Psychosen, Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen betreut wohnen.

Neumarkt St. Veit – Seit 32 Jahren arbeitet er schon dort. Beobachtet man ihn im Gespräch mit den Patienten, merkt man sofort: Dieser Mann hat Erfahrung. Fast ebenso lang ist Klaus Sawitzki der Einrichtungsleiter des Ehrko-Wohnzentrums in Neumarkt St. Veit. Dort hat er mit Menschen im Alter zwischen 20 und 70 Jahren zu tun, die unter psychischen Beeinträchtigungen wie Psychosen, Schizophrenie, Persönlichkeits- oder Essstörungen leiden. Auch Suchterkrankungen kommen vor, stehen im EHRKO aber nicht im Vordergrund.

Während einer Führung durch das beschützende Wohnzentrum des privaten Trägers EHRKO gibt Klaus Sawitzki Einblicke in den größten Arbeitgeber der Stadt – und den Ort, wo man Hilfe bekommt, wenn’s darauf ankommt.

Ein Volleyballplatz, die Wiese – der Garten lädt zum Verweilen ein. „Ich finde es schön, dass die Klienten hier in die Natur können. Das tut gut“, beginnt Sawitzki. Im krassen Gegensatz zu dieser Idylle: Gitter an den Fenstern, den Balkonen.

Früher hat es die nicht gegeben. Wollte ein Klient auf den Balkon, durfte er das nur mit Begleitung. Manche hätten das genutzt. Zu fliehen. Zu springen. „Deswegen die Gitter.“ So können die Betreuten eigenständig auf den Balkon, sagt Sawitzki. „Das gibt ihnen mehr Freiheit und trotzdem Sicherheit“, erklärt der Heimleiter. Nicht zu selten hätten sich die Menschen auch schon dafür bedankt, besonders die, die unter starker Angst oder Panikattacken leiden würden: „Hier fühle ich mich sicher.“

Ethik und Macht spielen in diesem Beruf eine immer wiederkehrende Rolle. „Wir haben oft die Situation, dass wir zum Wohle der Klienten auch mal etwas verbieten müssen. Nikotin, Zucker, Suchtmittel. Wir greifen da in die Freiheit des Menschen ein. Da muss man schauen, wie weit darf man gehen, was benötigt jeder Klient individuell.“ Es könne schon mal vorkommen, dass man beleidigt und beschimpft wird, gibt Sawitzki zu. „Ich habe aber eines Tages verstanden, dass es den Patienten auch keinen Spaß macht, zu schimpfen oder zu beleidigen.“ Die Ursache liege dabei ganz woanders. Und zwar tief im Inneren.

Insgesamt leben im Bereich der Eingliederungshilfe rund 135 Erwachsene mit seelischen Behinderungen. Hinzu kommen 56 Plätze im beschützten Pflegebereich. Die Betreuung ist engmaschig, gleichzeitig soll jeder Bewohner so selbstständig wie möglich leben können. „Am wichtigsten ist es, die Würde der Menschen zu erhalten“, betont Sawitzki.

Es gibt verschiedene Therapieformen, die individuell angepasst werden. Arbeit und arbeitsähnliche Tätigkeiten: Beschäftigungs- und Ergotherapie, Musikangebote, Theater, Chor und Band, Klavier- und Gitarrengruppen, eine Schreinerei, eine „Haus und Garten“-Gruppe, Pfortendienste, Sport und Bewegung, Ausflüge und kulturelle Veranstaltungen.

Seit 2022 gibt es zusätzliche Wohngebäude mit Einzelapartments. Die Bewohner sind trotzdem Teil des täglichen Eingliederungsprogramms, können aber soweit selbstständig leben. Eine Klientin hat uns ihr Zimmer gezeigt. Sie ist sehr stolz, auf das, was sie hat. Das große, eigene Bad, das eigene Bett. Ihr eigenes kleines Reich.

„Auch hier gibt es die Stützpunkte für das Personal. Dort bekommen die Klienten ihre Medikamente, oder auch ihre Süßigkeiten.“ In einem Buch müssen sie sich händisch aus- und wieder eintragen. Das funktioniert laut Sawitzki ganz gut.

Ehrko ist nicht nur im Landkreis Mühldorf bekannt. Die Einrichtung habe Anfragen aus ganz Bayern, sagt Sawitzki. „Es gibt sehr schwierige Patienten, die oft einfach nicht ins System passen. Aber ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, nicht die Menschen ändern zu wollen, sondern das System.“ Es habe sich nach Ansicht Sawitzkis an jeden einzelnen noch so schweren Fall anzupassen. „Und dafür benötigt man hervorragendes, spezifisch ausgebildetes Personal!“

„Wie schaffe ich es, dass ich einem Menschen seine Würde lasse, obwohl er mir meine genommen hat?“ Das ist Sawitzkis Leitfrage, die über allem steht. „Manchmal“, sagt er, „nein, sehr oft, ist es hart!“ Aber das Personal, das einem auf den Gängen begegnet, lächelt. „Ich habe viele langjährige Kollegen. Die Geschäftsführung achtet sehr darauf, dass es dem Personal gut geht.“

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