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Zwischen James Bond und Achtziger-Glamour: Münchens wohl extravaganteste Villa steht vor dem Abriss

Wirtschaft

Marmor, Glas und Gold: In den 90er-Jahren ließ ein Chirurg in München eine Villa errichten, die bis heute als Zeitkapsel des Größenwahns fasziniert – bald soll sie abgerissen werden.

Eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, soll diese Zeitkapsel abgerissen werden, zerschlagen und zu Staub zerfallen. Doch wenn er fällt, dieser Staub, dann wird er leise singen von jenen Zeiten, als München die Pop-Hauptstadt und der Nabel der alten Bundesrepublik war. Rückblende in die 70er- und 80er-Jahre: In den Musicland Studios produzieren Giorgio Moroder, Queen und Elton John Musikgeschichte, Freddie Mercury prägt das Nachtleben, und die Lokalikone Rudolf Moshammer flaniert über die Maximilianstraße. Es ist die Epoche der Schulterpolster, des big hair, der bigger egos, sie riecht nach „Poison“ von Dior, nach Zigarrenrauch und der unerschütterlichen Gewissheit, dass Beton für die Ewigkeit gegossen und Marmor für die Unendlichkeit verbaut wird.

Eine Villa wie aus einem Bond-Film

Am Isarkanal steht in einem Privatpark ein architektonischer Solitär, der genau dieser Ära verhaftet ist: ein exakt 22 mal 22 Meter messender Kubus aus den frühen Neunzigerjahren, der gestalterisch tief in den exzessiven Glamour der Achtziger eintaucht. Mit rund 1200 Quadratmeter Wohnfläche, drei Vollgeschossen und einem Keller mit bis heute futuristisch anmutender Technik ist dieses Anwesen ein echtes Kulthaus, umgeben von 4000 Quadratmeter Privatpark. Sein aktueller Pächter taufte es „Villa von Blofeld“ – eine charmante Vermarktungs-Hommage an den berühmten James-Bond-Erzfeind (der filmisch in John Lautners „Elrod House“ residierte). Das Gebäude prägt eine ostentativ-unverschämte Grandezza, deren Maximalismus man in der heutigen Architektur durchaus ab und zu schmerzlich vermisst.

Ein Chirurg und sein extravaganter Wohnpalast

Errichtet wurde dieser eigenwillige, 1993 bezugsfertige Wohn­palast von Hans Rinecker, einem Chirurgen und Medizinunter­nehmer; er gründete eine Klinik für Laserprotonenthe­ra­pie (was

irgendwie auch nach „007“ klingt) und führte Vokabeln wie „Under­statement“ vermutlich nicht einmal in seinem passiven Wort­schatz. Beteiligte Entwurfsbüros: unbekannt. Gefühlt wurde ein kompletter italienischer Steinbruch verbaut; gewaltige Marmor­platten paaren sich mit ebensolchen Glasflächen, mit goldglänzendem Messing, verspiegelten Wänden und einem Parabolspiegelsystem als natürlicher Beleuchtung. Absurde Dimensionen allover, wie ausladende Zwei-Meter-fünfzig-Betten, fest verbaut mitten im Schlafzimmer, oder die gewaltige Plexiglas-Rundwanne im Endgeschoss, über der eine Goldkugel schwebt. Als der Doktor mit seiner Klinik in die finanzielle Bredouille geriet, wurde um 2019 auch seine Villa verkauft an ein Immobilienkonsortium.

Zwischen Dekadenz und Faszination

Sebastian Weiss, als Musiker und DJ der Hip-Hop-Band Blumen­topf besser bekannt unter seinem Pseudonym Sepalot, erinnert sich noch gut an die Entstehung dieses gebauten Phänomens: Sein Vater Siegfried, hauptsächlich Gastro-Ausstatter, war einst gut zwei Jahre am Innenausbau der Villa beteiligt. Teenager Sebastian begleitete ihn oft auf die Baustelle und schwamm heimlich in den Pools innen und außen, während um ihn herum der Luxus Gestalt annahm. „Die seidenen Wandverkleidungen lieferten Firmen, die sonst auf Schlösser spezialisiert waren.“ Auch ein Couchtisch, wohl ein Bronzeguss, beeindruckte ihn: „Eine Frau in Lebensgröße, nackt und auf allen vieren – ziemlich Porno, ein Ausdruck von Dekadenz und Angeberei, aber auch absolut faszinierend.“

Einzigartige Party-Location

Supersize me: Die Hybris dieses Bauwerks erstreckt sich bis ins letzte gestalterische und technische Detail. Insgesamt verteilen sich 14 Räume auf die per Lift verbundenen Etagen, darunter sechs Schlaf­zimmer (gern mit 40 Quadratmetern) und vier Badezimmer, die als pompöse Räume konzipiert wurden. Im 200 Quadratmeter großen Salon „hängen an der Decke 96 Neonlampen in sauschweren, handgefertigten Schienen aus Messing – sensationell!“, erzählt Otger Holleschek, seit Dezember 2025 Pächter und seit 40 Jahren Kultur­eventveranstalter. Die extravagante Auslegeware mit farbigen Wellen erinnert ihn an den Beatles-Trickfilm „Yellow Submarine“. Die fabelhafte Bibliothek mit ihren Maßeinbauten wird nun bei seinen Partys als riesige Bar genutzt; die original erhaltene Kleinbar in der Zweitküche prägte bis vor Kurzem ein kurioser Tisch, auf dessen wuchtigem Seelöwensockel eine gewaltige Glasplatte ruhte – sie zersplitterte jüngst, als auf ihr bei einer Feier zu wild getanzt wurde. In der Garage gab es eine Drehscheibe zum Autoeinparken. „Bloß war“, erzählt Weiss, „der gepanzerte Rolls-Royce des Bauherrn viel zu schwer für die Mechanik, die daher versagte.“ Im Technikkeller, der mit seinen zwei gewaltigen Kühlräumen (einer davon nur für Wein und Champagner) und einer massiven Abluftanlage aussieht wie die Kommandozentrale für eine Marsmission, wohnt eine Steuerung, die heute selbst gestandene Elektriker vor fast unlösbare Rätsel stellt.

„Reich sein ist eben nicht billig!“

Der Literaturwissenschaftler Holleschek hat für rund 50 000 Euro Vintagemobiliar gekauft, darunter originale „Togo“-Sofas von Ligne Roset. Ihn faszinieren die exzentrischen Vibes des Anwesens: „Aus meiner Sicht ist es ein Denkmal, das man für alle Zeiten aufheben sollte.“ Um die Pacht plus die happigen rund 4300 Euro monatlichen Nebenkosten zu stemmen, bespielt er die Villa heute neben Partys mit Konzerten und Modeshoots; Filmdrehs fanden im August statt. Und er vermietet sie zudem via Airbnb an zahlungskräftige Gäste. Was dieser glaslastige Kubus im Unterhalt bedeutet, erfuhr er schnell, nachdem eine mexikanische Reisegruppe in nur fünf Tagen crazy 1050 Kubikmeter Gas verheizte: „Reich sein ist eben nicht billig!“

Eine Zeitkapsel – dennoch nicht für immer

Doch dieser Zwischennutzungsmix läuft ab. Der opulente Mono­lith soll laut Bebauungsplan Nr. 2182 bald weichen, vermutlich 2028, um Platz zu machen für zwei Türme, die auf 13 bzw. elf Etagen günstige Wohnungen für Mitarbeitende der Kliniken nebenan bieten. Zwar regt sich gegen die hochragenden Pläne noch Widerstand, doch der Lauf der Zeit bleibt wohl unerbittlich. Eines Tages wird diese Zeitkapsel also zerschlagen werden und zu Staub zerfallen. Doch wenn er fällt, dann wird er singen, dieser Staub – ein letztes Mal von der wunderbaren, ein wenig größenwahnsinnigen Hybris des Doktor Rinecker, der ein Glanz sein wollte und hier für sich seinen ganz persönlichen Genius poco loco erschuf.

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